Griechisch-italienischer Abstammung: Pasuqale Aleardi spielt bis Mitte März den Anwalt Billy Flynn im Musical „Chicago“ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nur der nette Typ von nebenan zu sein ist Pasquale Aleardi zu langweilig. In der Rolle des zwielichtigen Anwalts Billy Flynn in „Cicago“ ist der Schweizer Schauspieler derzeit im Stage Palladium Theater in Stuttgart zu sehen.

Der 43-jährige Pasquale Aleardi hatte kürzlich in „Chicago“ sein Broadway-Debüt. Jetzt spielt er dieselbe Rolle im Stage Palladium Theater in Stuttgart. -
Herr Aleardi, bei Ihren Eltern zu Hause lief rund um die Uhr der Fernseher. Wie oft läuft bei Ihnen zu Hause die Flimmerkiste?
 
Extrem selten. Ich bin eher ein Kinojunkie. Alles was ich im Kino verpasse, schaue ich dann über Streams wie Netflix oder Watchever zu Hause an.
Als Kommissar Dupin sind Sie einem breiten Fernsehpublikum bekannt, haben aber auch schon neben Milla Jovovich in Resident Evil gespielt. Wie würden Sie den Unterschied zwischen TV und Hollywood beschreiben?
Vom Handwerk her gibt es außer der Sprache keinen Unterschied. In Hollywood hat man für Produktionen aber mehr Zeit. Es wird gedreht, bis das Ding perfekt ist. Auch die Vorbereitungszeit ist in Hollywood ein Traum. Für meine Rolle als Soldat in Resident Evil war ich zu dünn. Ein alter Golfkriegsveteran hat mich und andere dann sechs Wochen lang trainiert. Danach haben wir uns alle nicht wieder erkannt.
Ist dieses ständige Zu- und Abnehmen für eine Rolle nicht auch eine starke Belastung für den Körper?
Ja, das ist es. Aber es ist auch alles Einstellungssache. Ich liebe die berufliche Herausforderung total. Wenn die Rolle stimmt, ­würde ich sofort 20 Kilogramm zu- oder ­abnehmen.
Ihr Engagement bei Chicago dauert bis Mitte März. Wird Ihnen die Abwechslung, die ­Filmprojekte mit sich bringen, nicht fehlen?
Überhaupt nicht. Das Engagement hier ist für mich eine wunderbare Abwechslung. Das letzte Musical, in dem ich gespielt habe, war im Jahr 2000 bei „Tabaluga und Lilly“. Für mich wurde es Zeit, wieder auf die Bühne zu gehen, weil ich gern vielseitig bleiben möchte.
Ihre Schauspielausbildung an der Theaterhochschule in Zürich war eher klassisch. Wie sind Sie auf Musicals gekommen?
Das hat sich bereits während der Schauspielschulzeit ergeben. Dort habe ich immer die Musik zu den Szenen komponiert. Als ich dann am Theater war, wurde ich immer in die erste Reihe geschickt, wenn etwas Musikalisches am Start war. Die Darstellung des Billy Flynn ist aber sehr schauspiellastig. Der Typ ist mit allen Wassern gewaschen. All diese Facetten jeden Abend herauszukitzeln, das macht die Rolle einzigartig.
2003 haben Sie die Pop-Funk Gruppe Big Gee gegründet. Was bedeutet Musik für Sie?
Musik ist für mich ein extremer Ausgleich, wenn ich nicht drehe. Wenn ich abschalten will, setze ich mich ans Klavier und improvisiere. Musik hat den ganzen musischen Weg für mich geebnet. Ohne die Musik wäre ich nicht zur Schauspielerei gekommen.
Ihre Eltern wollten, dass Sie Rechtsanwalt werden. Nun spielen Sie einen, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Was hat ihre Familie dazu gesagt?
Bisher kennen sie nur den Film „Chicago” und wissen noch gar nicht, wie gut oder böse meine Rolle ist. Ich hoffe, dass sie bald ­vorbeikommen und es sich ansehen. Meine Mutter ist schon glücklich, dass ich in einem Smoking auf der Bühne stehe und kein ­Bösewicht bin, der irgendwelche Menschen umbringt oder andere schlimme Dinge tut.
Welche Rolle spielen Sie persönlich lieber: Den netten Typen von nebenan oder einen Intriganten?
Die netten Typen von nebenan müssen ­definitiv einen verborgenen Kern haben, den es zu zeigen gilt. Sonst ist es langweilig. Die intriganten Rollen sind toll zu spielen, weil sie viele Facetten bilden.
Trotz seiner Schmierigkeit ist Billy Flynn ein echter Womanizer, der alle Frauenherzen bricht. Was macht Männer attraktiv für das weibliche Geschlecht?
Puh, da muss ich überlegen. Ich schätze, das Attraktivste an einem Mann ist nicht unbedingt sein Aussehen, sondern ein gewisses Maß an Authentizität. Da wäre zum Beispiel Jack Nicholson. Er ist nicht unbedingt der bestaussehende Mann, aber ich finde ihn wahnsinnig attraktiv. Wenn der lacht, ist alles andere egal. Grundsätzlich können das aber wohl Frauen am Besten beurteilen, und es liegt ja auch immer im Auge des Betrachter - oder der Betrachterin in dem Fall.
Für Ihre Rolle in „Chicago“ haben Sie am New Yorker Broadway geübt und dort die Rolle auch vor Publikum gespielt. Fällt es Ihnen schwer aus der großen Weltmetropole ­wegzuziehen?
Das Einzige, was mir schwergefallen ist, war der Wechsel der Sprache. Das hat mich selbst überrascht. Damit ich die Texte perfekt kann, habe ich sie in New York bestimmt 3000 Mal geübt. Als das jetzt vorbei war, musste ich alles auf Deutsch neu lernen. Deswegen war es für mich ein kurzer Schock, als ich vergangene Woche frühzeitig auf die Bühne musste, weil der Kollege krank geworden ist. Diese Situation kenne ich bereits vom Broadway, denn als ich gesehen habe, dass amerikanische Superstars wie Usher, Jerry Springer oder Huey Lewis vor mir den Billy Flynn am Broadway ­gespielt haben, erhöhte sich mein Puls ­kurzzeitig um 100 Prozent Was für eine ­großartige Erfahrung.
Sie sind Schauspieler, Sänger, Tänzer und sprechen auch noch fünf Sprachen. Wann profitieren Sie am meisten von Ihrem Sprachtalent?
Immer dann, wenn ich die Grenzen eines anderen Landes überschreite. Die Leute sind auch viel offener, wenn man mit ihnen direkt, in ihrer jeweiligen Sprache, kommunizieren kann.
Was ist für Sie als Schauspieler das größte Lob? Auf schwäbisch heißt es dazu „net gschompfa isch globt gnuag“.
Ich habe kein Wort verstanden (lacht). Schön ist es, wenn Kollegen, die ich selbst gut findet, auf mich zukommen und sagen: Aleardi, das hast du echt klasse gespielt. Das bedeutet mir sehr viel. Ein großes Kompliment ist auch, wenn das Publikum sagt: Das kann ich auch. Dann habe ich einen richtig guten Job gemacht. Es ist sehr schwer, etwas auf der Bühne leicht aussehen zu lassen.
Mittwoch bis Sonntag stehen Sie jeden Tag auf der Bühne? Wie werden Sie die beiden spielfreien Tage verbringen?
Ich bin hier sehr nah an der Schweiz. Deswegen werde ich auf jeden Fall meine Verwandtschaft sehr oft besuchen. Außerdem will ich mir auch Stuttgart ein bisschen genauer anschauen. Ich bin sehr gern am Eckensee vor der Oper. Den Rest muss ich erst noch entdecken.
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