Von der After-Work-Party bis zum vergünstigten Deutschlandticket: Was sich die Kommunen einfallen lassen, um Fachkräfte für die Kitas anzulocken. Eltern fürchten um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Man könne ja keine backen. Und herzaubern erst recht nicht. So oder ähnlich klingt es in Rathäusern und Gremien, wenn von fehlenden Erzieherinnen und Erziehern die Rede ist. Der Fachkräftemangel in der Kinderbetreuung – ein objektives Faktum oder eher Fatum, dem kein Kita-Träger entkommt? Ganz so resignativ einfach machen es sich die Kommunen im Kreis Esslingen nicht. Viele haben einen ganzen Katalog an Lockmaßnahmen aufgestellt.
Kirchheim zum Beispiel will mit Blitzbewerbungen die Personalnot lindern: Statt umständlich Vorstellungstermine bei der Stadt zu vereinbaren, können Interessentinnen und Interessenten direkt bei der Einrichtung ihrer Wahl vorstellig werden und auf unbürokratisch schnellem Weg den Job bekommen. Die Stadt reagiert damit und mit weiteren Schritten – zum Beispiel flexiblen Arbeitszeiten, Entlastung durch Fachdienste in Bereichen wie Inklusion und Sprache, Anwerbung von Quereinsteigern und Fachpersonal aus dem Ausland – auf einen Vorwurf, den sie so wenig auf sich sitzen lassen will wie andere Kommunen: Es werde zu wenig für die Personalgewinnung getan.
Auch Ostfildern setzt unter anderem auf beschleunigte Bewerbung, individuelle Arbeits- und Teilzeitmodelle, Weiterbildungsangebote und Prämien für erfolgreiche Mitarbeiterwerbung. Außerdem wurde jetzt vom Gemeinderat ein Projekt beschlossen, das in Ostfildern lebende Migrantinnen und Migranten für eine pädagogische Ausbildung erwärmen soll. Vor allem Ukrainerinnen hätten bereits Interesse gezeigt, heißt es in der Gemeinderatsvorlage.
Social-Media-, Podcast- oder Kinowerbung zählen auch in Esslingen, Plochingen, Nürtingen oder Denkendorf zum Rekrutierungsrepertoire, ebenso Maßnahmen von der Fortbildung über die Vermehrung der Ausbildungsplätze, die flexible Arbeitszeit und den Betreuungsplatz für den eigenen Nachwuchs bis zum vergünstigten Deutschlandticket.
Maßnahmen bringen mehr Personal in Kitas
Und was bringt’s? Viel, wie aus den Verwaltungen verlautbart wird. 16 neue Erzieherinnen und Erzieher im vergangenen Jahr, sagt die Plochinger Personalamtsleiterin Marion Schofer. „Mehrere erfolgreich besetzte Stellen“, meldet die Ostfilderner Stadtsprecherin Tanja Eisbrenner. Rückgang unbesetzter Stellen von 139 im Jahr 2018 auf 38 im Jahr 2023, sagt der stellvertretende Bildungsamtsleiter Jakob Simon in Esslingen.
Vereinfachtes Bewerbungsverfahren in Nürtingen nicht erfolgreich
In Nürtingen indes hat man wenig überzeugende Erfahrungen mit einem vereinfachten Bewerberverfahren gemacht, berichtet Stadtsprecher Clint Metzger: Zwar erhalte man mehr Bewerbungen, aber „oft antwortet nicht einmal die Hälfte der Bewerberinnen und Bewerber, die wir einladen, oder sie erscheinen nicht zum Gespräch.“ In Neuhausen wiederum bestehe weniger Kita-Personalmangel als andernorts, sagt die stellvertretende Personalamtsleiterin Sabine Harbauer. Reduzierte Betreuungszeiten gebe es nicht, am Ganztagsangebot werde festgehalten.
Eine Insel der Seligen? Scheint so. In anderen Kommunen ist die Rede von nach wie vor gravierendem Personalmangel. Dem generellen Bekenntnis zum Angebot der Ganztagsbetreuung folgt oft ein deutliches Aber, reduzierte Öffnungszeiten sind die Regel. In Ostfildern etwa seit Januar 2024. Die 50-Wochenstunden-Betreuung wurde abgeschafft, das Basisangebot mit 30 Wochenstunden reicht täglich von 7.30 bis 13.30 Uhr. Immerhin besteht weiterhin ein Ganztagsangebot. Man prüfe eine Kooperation mit den Maltesern, sollte sich die Situation bis zum Sommer nicht entspannen, sagt Eisbrenner.
Vielerorts verkürzte Öffnungszeiten
In Nürtingen können nur noch maximal 30 Wochenstunden gebucht werden. Dadurch habe sich „die Situation entspannt, was wiederum attraktiv für neue Fachkräfte ist“, sagt Metzger. In Denkendorf ist im Kinderhaus Maierhof statt um 16.30 Uhr jetzt bereits um 14 Uhr Abholzeit, teilt Bürgermeister Ralf Barth mit. In Plochingen sei der Kitabetrieb im Moment nicht durch Personalmangel beeinträchtigt, sagt Marion Schofer. In Esslingen, so Jakob Simon, versuche man, durch Springerstellen und geringfügig Beschäftigte Lücken zu schließen, suche aber bei Personalausfällen auch gemeinsam mit den Eltern nach Lösungen, etwa durch Notbetreuungsgruppen.
Den Grund des Mangels sieht man in den Kommunen im Bedarf, der weit schneller wachse als das Personalangebot. Denkendorfs Bürgermeister Barth weist darauf hin, dass sich seit 2013 die Zahl der Erzieherinnen und Erzieher verdoppelt habe. Trotzdem kann die Nachfrage in vielen Orten nicht gedeckt werden. Und die Kommunen stehen in einem Wettbewerb um Fachpersonal. Barth warnt offen vor einem „Wer-bietet-mehr-Gerangel“.
Während so die einen verzweifelt gesucht werden, verzweifeln die anderen: Viele Eltern fürchten um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, manche sehen ihre berufliche Existenz gefährdet. „Geschockt“ seien sie gewesen, teilt ein Elternpaar mit, als sie in der Esslinger Kita Sulzgries mit den ab Januar auf 30 Wochenstunden reduzierten Öffnungszeiten konfrontiert wurden. „Wir wissen nicht, wie wir unsere Berufstätigkeit mit diesem Betreuungsangebot für unsere beiden Kinder vereinbaren sollen.“
Offenburger Modell
Externer Träger
Mehrere Kommunen im Kreis Esslingen denken über das sogenannte Offenburger Modell nach. Wegen des akuten Personalmangels in den Kitas führte die badische Stadt 2023 Spiel- und Betreuungszeiten am Nachmittag ein, die von externen Kräften getragen werden – in diesem Fall dem Malteser Hilfsdienst, mit dem eventuell auch Ostfildern kooperieren würde. Mit diesem ergänzenden Angebot kann eine Ganztagsbetreuung auch ohne zusätzliches Kita-Fachpersonal realisiert werden.
Rechtslage
Möglich wird das Modell durch die Rechtslage, die für Spiel- und Betreuungszeiten kein zwingendes Fachkräftegebot vorsieht. Die externen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind teils Fachkräfte im Ruhestand, teils Menschen mit Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit. Sie werden vom externen Träger für ihre Aufgabe in der Kita geschult.