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Kein Kalendermonat birgt für Briten so viele soziale Gefahren wie der Dezember. Peinliche Büroaffären, Weihnachtsbraten-Panik und der Kater nach zu viel Alkohol.

London - Kein Kalendermonat birgt für Briten so viele soziale Gefahren wie der Dezember. Und alle Jahre wieder, zwischen Kater, peinlicher Büroaffäre und Weihnachtsbraten-Panik, geht der sehnsuchtsvolle Blick nach Deutschland, wo Teutonen angeblich noch den wahren Weihnachtsgeist pflegen.

Die klassische Weihnachtsfeier in englischen Büros hat erst dann den Namen Party verdient, wenn Jeff aus der IT-Abteilung sein Hinterteil auf dem Kopierer abgelichtet hat, das Mauerblümchen der Firma beim Knutschen in der Kaffeeküche ertappt wird und der Chef einem zu fortgeschrittener, alkoholbefeuerter Stunde das Du anbietet. Die Adventszeit ist für die Insel, was der Karneval für Deutschland ist: Alle Regeln sind vorübergehend außer Kraft gesetzt.

Mit der Konsequenz, dass mancher sich schon vor dem dritten Advent fühlt wie am Aschermittwoch. Bei jeder zweiten Weihnachtsfeier auf der Insel geraten Kollegen offenbar in Handgreiflichkeiten. Nach jeder dritten Feier gibt es Beschwerden wegen sexueller Belästigung, nach jeder fünften verunglückt irgendjemand auf dem Heimweg.

Passend zur festlichen Vorfreude will der Kondomhersteller Trojan herausgefunden haben, dass jeder zweite Londoner Büroangestellte bei der Firmenparty "alles mitmachen" würde und 30 Prozent sogar bereits einmal das Betriebsklima mit vollem Körpereinsatz verbessert haben. Und weil jeder dritte Betrieb seine Feier dieses Jahr aus Kostengründen streicht, wird dort umso mehr zugelangt, wo die Drinks wie gewohnt auf Kosten des Chefs gehen.

Für Experten, die ihre Landsleute zum vernünftigen Umgang mit Hochprozentigem erziehen wollen, sind diese Tage gar nicht fröhlich. "Zur Weihnachtszeit trinken die Briten umgerechnet 265 Millionen Pints mit Bier oder 602 Millionen Wodka-Shots oder 286 Millionen Tassen Glühwein", fasst Chris Sorek von Drinkaware die Zahlen seufzend zusammen.

Hier und da arrangiert man sich pragmatisch mit der wilden Jahreszeit: Am Londoner Bahnhof Liverpool Street Station hat zu Monatsbeginn ein Schnapszelt aufgemacht, eine Art Kriegslazarett für Alkoholopfer. Um Polizei und Notärzte zu entlasten, können hier jene die Nacht verbringen, die den Weg nach Hause nicht finden oder wegen ihres Zustandes überwacht werden müssen. Alle paar Minuten sehen Pfleger nach dem Rechten. Trotzdem kosten die Nebenwirkungen der Firmenpartys das Gesundheitssystem immer noch 70 Millionen Euro.

Schaurig-schön geht's zum Höhepunkt weiter: Am 25. Dezember, dem Tag, an dem in England in aller Früh die Geschenke ausgepackt werden, gibt es bei vielen schon kurz vor zehn den ersten Streit ums TV-Programm. Gegen elf kriegen die Kinder bereits den ersten Riesen-Rüffel. Die ersten Flaschen werden keine halbe Stunde später entkorkt. Am Nachmittag fordern die Arbeit in der Küche, das schwere Essen und der Alkohol ihren Preis. Spätestens ab fünf erklingt unter den Weihnachtsbäumen der Insel ein erstes erschöpftes Schnarchen, natürlich meist männlicher Natur.

Dass das alles nicht so sein muss, wissen die Angelsachsen. Deshalb schielen sie gern über den Ärmelkanal. Auf der Suche nach ein bisschen "German Christmas Spirit" boomen Busreisen nach Deutschland. Ziel: Leipzig. The Erzgebirge. Köln. München. Eben Orte, deren Weihnachtsmärkte in Großbritannien legendär sind.

So groß ist die Sehnsucht nach Besinnlichkeit, dass das Museum Tate Britain zurzeit einen deutschen Weihnachtsbaum als Kunstwerk ausstellt. In einem amüsanten, aber absolut ernst gemeinten Prozedere zündet ein Feuerwehrmann täglich nach Sonnenuntergang die Bienenwachs-Kerzen der Nordmanntanne an - und hinter der Absperrung beginnt feierliches Staunen.

"Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen es geschafft haben, sich die Reinheit und Magie des Festes zu erhalten", so die Künstlerin Tacita Dean zu ihrer "Installation". Rauben wir ihr diesen Glauben nicht.

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