Bei der Party Paradiso im Stadtpalais trifft das Raptrio Junge Arbeiter auf die Stuttgarter Oper – und zeigt, warum Herkunft, Haltung und Heimat auf der Bühne zusammengehören.
Sind die drei Stuttgarts nächste Top-Rapper? Nein – das Rap-Kollektiv Junge Arbeiter kommt aus Böblingen. Aber an diesem Abend spielt das keine Rolle. Marcel (Marcirati), Mo Hunnid-Ali und Theo Chawe reißen das Foyer des Stuttgarter Stadtpalais ab. Und um Herkunft geht es an diesem Abend ohnehin.
Eingeladen wurde das aufstrebende Rap-Trio von der Staatsoper Stuttgart und dem StadtPalais – Museum für Stuttgart. Anlass ist das Party-Paradiso-Wochenende, für das sich beide Institutionen zusammengetan haben.
Songbook über Migration, Heimat und die Suche nach Zugehörigkeit
Am 10. Mai feierte die Mixtape-Oper Station Paradiso im Opernhaus Stuttgart ihre Uraufführung. Sie erzählt von neun Menschen auf einem Roadtrip Richtung Süden; ihre Geschichten verweben sich zu einer poetisch-surrealen Mixtape-Oper. Die Komponistin Sara Glojnarić sammelte dafür Erinnerungen von Menschen, die seit den 1950er-Jahren im Raum Stuttgart leben. Entstanden ist ein generationsübergreifendes Songbook über Migration, Heimat und die Suche nach Zugehörigkeit.
Wer könnte dazu besser passen als die Rapper aus Böblingen? Zeilen wie „Drei Kanaken im Benz und nicht Fanta 4“ oder „Wir sind Stuttgart, silberne Hoodstars“ sind spätestens seit der legendären Blockparty am 1. Mai vielen Stuttgartern ein Begriff.
„Canzone di Napoli 76“ – eine analoge Sprachnachricht
„Wir hatten die Idee zu so dieser Kooperation schon lange“, verrät Marc Schmuck, Leiter für Marketing und Orchesterkommunikation. Dass das Stadtmuseum der richtige Ort für diese Party ist, zeigt auch der Ursprung der Oper. Die Initialzündung fiel Sara Glojnarić buchstäblich in diesen Räumen in die Hände: In einer Ausstellung des Stadtpalais entdeckte sie eine Kassette mit der Aufschrift „Canzone di Napoli 76“ – eine analoge Sprachnachricht aus Süditalien an Gastarbeiter-Verwandte in Deutschland. Dieses berührende Fundstück inspirierte sie zu einer Oper, die neue Perspektiven auf Stuttgarts Migrationsgeschichte eröffnet.
Davon können auch die Jungen Arbeiter erzählen. Zum Aufwachsen im Süden gehört für sie die Erfahrung, dass Herkunft im Alltag schnell zum Etikett wird. Mo Hunnid-Ali erinnert sich: „Man wurde oft als Kanake bezeichnet, beziehungsweise beschimpft.“ Für die drei ist das kein Makel, sondern Selbstbehauptung. „Wir nutzen das für uns und sind stolz darauf. Wir sind Kanaken, das macht uns nicht asozial“, sagte Marcel unserer Zeitung.
So entstand auch der Titel ihrer ersten Single „Junge Kanaken“, mit der sie 2023 erstmals größere Aufmerksamkeit erreichten. Marcel erklärt dazu: „Wir möchten in unserer Musik noch klarer machen, welche Herkunft wir haben und dass wir eigentlich nur mit Liebe an jeden Menschen herantreten möchten und das so auch von zu Hause gelernt haben.“
Diese Haltung zeigen sie auch an diesem Abend. Nach einem Mini-Moshpit fragen sie erst einmal nach, ob im Publikum alle unverletzt sind. Ein Gast sagt begeistert: „Ich habe noch nie so freundliche und aufmerksame Rapper gesehen.“