Auf den Handrücken wird die Heuschrecke mit kleinen Beilagen serviert. Foto: /Tobias Stehle

Sind Insekten die Proteinquelle der Zukunft? Die Rocking Chefs servieren Heuschrecken mit Soßen auf die Hand. Das ist Entertainment pur – aber auch ein Beitrag zur nachhaltigen Ernährung bei einer außergewöhnlichen Party der Spitzenköche in Steinenbronn.

Die besten Partys enden in der Küche. Dies ist eine alte Erkenntnis von Menschen, die gern feiern. Jens Bauer vom Löwen in Steinenbronn (Kreis Böblingen) ist ein so raffinierter Fuchs, dass er eine ganz besondere Party in seinem Wirtshaus der Feinschmecker, das Mitglied der Chaîne des Rôtisseurs ist, gleich ohne Anlauf in der Küche beginnen lässt. Dort bauen Spitzenköche wie Boris Rommel (zwei Sterne) und Bernd Bachofer (ein Stern) Stationen zum Schlemmen auf. Und ebenfalls in der Küche versprechen Ralf Jakumeit und sein Kollege Schnitzel aus dem bayerischen Straubing, die unter dem Namen Rocking Chefs nicht nur den Herd als Rock’n’Roller einheizen, den etwa 100 Gästen einen „Handjob“.

 

So steht’s an ihrer Station. Die beiden mit den langen weißen Bärten führen als wahre Entertainer vor, was sie unter Handauflegen und Handbetrieb verstehen. Die Gäste legen ihre Hände mit der Innenseite auf die Ablage – die müssen so bleiben, als seien sie angeklebt. Alle machen brav mit. „Wunderbar“, freut sich Jakumeit, der einst mit dem unvergessenen, vor sieben Jahren verstorbenen Koch Sante de Santis zusammengearbeitet hat (sein Foto schmückt den Arbeitsplatz des Rocking Chefs), „jetzt müsst ihr mir zuhören.“

Die Insekten kommen von einer Heuschrecken-Farm aus Köln

Erst wird der Handrücken mit Alkohol „desinfiziert“, dann folgt ein Sößchen nach dem anderen auf die Hand, schließlich landet eine Heuschrecken oben drauf, die wiederum mit Heuschaum zugedeckt wird. „Guten Appetit“, sagt Jakumeit nach witzigen Erklärungen. Den Gästen, selbst die, die sich vor einem Insekt zum Essen ekeln, schmeckt’s.

Laut Statistik ernähren sich weltweit über zwei Milliarden Menschen von Insekten. In Deutschland freilich klingt dies für viele eher nach einer Mutprobe als nach einem massentauglichen Ernährungsstil. Wie in den meisten Industriestaaten ist bei uns Fleisch noch die Proteinquelle Nummer eins. Doch CO2-Emissionen und qualvolle Tierzucht sprechen dagegen und mahnen zu einer Änderung der Ernährung.

Nach einer UN-Studie verbraucht jedes Kilo Rindfleisch, auf die komplette Produktion gerechnet, etwa 22 000 Liter Wasser. Bei Heuschrecken, Mehlwürmern und Co. ist dies nur ein Bruchteil davon – sie könnten obendrein lange Dürren überstehen. Ihre Insekten beziehen die Rocking Chefs von einer Heuschrecken-Zuchtfarm in Köln, sie geben Workshops über das Kochen mit Krabbeltieren, selbst Kakerlaken stehen auf ihrem Speiseplan.

Was bereiten die Spitzenköche zu?

Auf die Karte vom Löwen wird die Heuschrecke auf Rock’n’Roll-Art so schnell nicht kommen. Aber wer weiß das schon? Küchenchef Marcel Hild serviert an diesem Abend ganz vorzügliche Spätzle aus dem Käselaib mit Trüffel und freut sich, dass er sich bei den Kollegen Anregungen holt. Bernd Bachofer etwa paniert das Eigelb, was ein kleines Kunststück ist, und serviert dazu Thunfisch. André Dangelser vom Feinkost an der Rampe ist mit Austern dabei, Peter Koch mit Wildkräutersalat, der Keltenhof mit einem Vegi-Burger, Markus Escher mit Ginstr und Wein, Kevin Kugel mit Pralinen und Törtchen und etliche mehr. Zwei-Sterne-Koch Boris Rommel, der Mann mit der blauer Mütze und den Tattoos vom Wald & Schlosshotel Friedrichsruhe, bereitet Rinderrücken zu – zur großen Begeisterung der Gäste, die von Station zu Station immer noch mehr ins Jubilieren geraten.

Am Ende wird in der Küche getanzt

Spitzenküche, so zeigt sich an diesem Abend, muss nicht immer steif und gediegen sein. Im Zwang der Etikette muss es in der Sterne-Gastronomie nicht immer verkrampft zugehen. Gourmets können auch ausgelassen feiern wie bei der Küchenparty in Steinenbronn. Am Ende tanzen alle in der Küche, liegen sich in den Armen und freuen sich, dass gutes Essen so unkompliziert sein und so viel Spaß machen kann. Es gibt sogar Gäste, die sich ein zweites und ein drittes Mal die Heuschrecke schmecken lassen.