„Die hat sich ja total verändert!“ Durch eine neue Partnerschaft bekommen Menschen eine andere soziale Rolle und passen sich an. Doch wo liegen die Grenzen?
„Du hast dich ganz schön verändert, seit du mit deiner neuen Freundin zusammen bist!“ Gute Freunde oder Eltern beobachten es schon lange: Eine Liebesbeziehung macht etwas mit einem Menschen. Aber geht ihr Einfluss tatsächlich so weit, dass sie in die Persönlichkeit des Partners eingreift?
„Lange Zeit dachte man, dass sich die Persönlichkeit vor allem während der Kindheit entwickelt und danach stabil bleibt. Inzwischen aber wissen wir, dass Veränderungen bis ins hohe Alter möglich sind“, sagt Eva Asselmann, Buchautorin und Expertin für Persönlichkeitsentwicklung an der HMU Health and Medical University in Potsdam.
Zentralen Charaktereigenschaften gelten als sehr beständig
Insbesondere die zentralen Charaktereigenschaften gelten dabei als sehr zeitstabil und werden vor allem durch unsere Gene bestimmt. In der Persönlichkeitspsychologie werden diese Eigenschaften auch Big Five genannt. Louisa Scheling, Doktorandin am Institut für Psychologie der Universität Freiburg, zählt sie auf: Offenheit (im Sinne von Neugier), Gewissenhaftigkeit, Extraversion (im Sinne von Kontaktfreude und Geselligkeit), Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie) sowie Neurotizismus (Ängstlichkeit, emotionale Instabilität, Verletzlichkeit). Leichter verändern durch das Wechselspiel mit der Umwelt ließen sich dagegen Persönlichkeitsmerkmale wie etwa der Selbstwert oder der Bindungsstil.
Die Gewissenhaftigkeit nimmt in stabilen Partnerschaften zu
Doch egal, um welche Persönlichkeitsmerkmale es geht: „Für eine willentliche Persönlichkeitsveränderung muss die Motivation sehr groß sein“, sagt Louisa Scheling. Genau das aber kann in romantischen Beziehungen der Fall sein. „Zudem verbringt man in aller Regel sehr viel Zeit miteinander und ist verbunden durch eine große emotionale Nähe“, sagt Louisa Scheling. Dadurch nimmt man auch eine neue soziale Rolle als Partner an – und die bringt gewisse Anforderungen mit sich. So nimmt beispielsweise die Gewissenhaftigkeit in stabilen Partnerschaften zu.
Experten nennen die Beobachtung, dass typische Persönlichkeitsveränderungen auf der Investition in soziale Rollen beruhen, soziales Investitionsprinzip. Nun bekommen Menschen aber nicht nur in Beziehungen neue soziale Rollen, sondern auch, wenn sie in den Beruf einsteigen, den Job wechseln, Eltern werden oder eine schwere Krankheit erleiden. Auch hier schlummert also Potenzial, sich charakterlich zu verändern.
„Da solche Umbrüche gerade in Langzeitbeziehungen meist bei beiden Partnern vorkommen, kann es sein, dass sich beide in unterschiedliche Richtungen verändern und es zu Reibungen kommt“, sagt Eva Asselmann. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man trennt sich. Oder man versucht, diesen Veränderungen in der Beziehung neuen Raum zu geben und sich darauf einzulassen. „So etwas können wir zum Beispiel in einer Paartherapie reflektieren und dann versuchen, gezielt zu bearbeiten“, sagt Eva Asselmann.
Bindungsängste kann man auch überwinden
Daneben gibt es aber auch noch mögliche Veränderungen in der Persönlichkeit, die weniger von der sozialen Rolle an sich als vielmehr vom jeweiligen Partner abhängig sind. „Meine Persönlichkeit trägt ja schon dazu bei, welche Art von Partner ich mir aussuche“, sagt Louisa Scheling. Wer sich nicht längerfristig binden möchte, wird vermutlich kein weiteres Date mit jemandem eingehen, der bereits von Hochzeit spricht.
Persönlichkeitsmerkmale können in solchen Fällen durch Partnerschaften also sogar eher verstärkt werden, als dass sie sich ändern. „Es kann für das Funktionieren einer Partnerschaft durchaus vorteilhaft sein, wenn man ähnlich denkt, fühlt oder handelt“, sagt Louisa Scheling.
Nun passiert es in Beziehungen aber nicht selten, dass sie immer wieder aus denselben Gründen zerbrechen – etwa weil ein Partner wenig kooperationsbereit, emotional instabil oder bindungsängstlich ist. „Sobald mir bewusst ist, wie ich selber ticke, kann ich mir die Einflüsse eines Partners auf die eigene Persönlichkeit auch aktiv zunutze machen, wenn ich daran etwas ändern möchte“, sagt Louisa Scheling.
Wer sich beispielsweise insgeheim eine feste Partnerschaft wünsche, müsse zunächst erkennen, dass er Angst vor einer ernsten Beziehung habe und herausfinden, woher diese komme. „Lasse ich mich dann gezielt auf eine Person mit festen Bindungsabsichten ein, können positive Erfahrungen in dieser Beziehung die Bindungsangst langsam auflösen“, sagt Louisa Scheling. Als weiteres Beispiel nennt sie den Wunsch vieler Menschen, extravertierter zu sein, weil das die Suche nach einem Partner vereinfacht. „In diesem Fall kann man sich ganz konkret eine Person suchen, die sehr aufgeschlossen ist, sie beobachten und sich in verschiedenen Situationen überlegen, wie sich diese Person verhalten würde“, sagt Louisa Scheling. In einem weiteren Schritt könne man sich konkrete Aufgaben stellen, um der Wunschpersönlichkeit schrittweise näher zu kommen. „So kann ich es mir zum Beispiel zum Ziel setzen, bei der nächsten Party mit einer fremden Person zu sprechen“, sagt Louisa Scheling.
Wer egoistisch veranlagt ist, wird das meist auch bleiben
Da das Persönlichkeitsmerkmal Extraversion jedoch zu den sehr zeitstabilen gehöre, sei dazu durchaus viel Anstrengung nötig. „Bis mir eine solche neue Verhaltensweise in Fleisch und Blut übergeht, muss ich sehr oft solche künstlichen Situationen erzeugen“, sagt Louisa Scheling. Studien würden aber belegen, dass es dann durchaus möglich sei – wenn auch in Nuancen.
„Wenn sich jemand allein zu Hause wohler fühlt, wird er sich eher nicht in einen Partylöwen verwandeln“, sagt Eva Asselmann. Damit bremst sie auch die Hoffnung, die viele gerade am Anfang einer Beziehung hätten, wenn ihnen langsam Charaktereigenschaften beim anderen auffallen, die ihnen nicht so zusagen. „Man denkt dann gern, das wird sich mit der Zeit schon noch in die gewünschte Richtung verändern. In aller Regel ist diese Hoffnung aber vergebens“, sagt Eva Asselmann.
Zwar könne man lernen, seine Klamotten nicht überall herumliegen zu lassen. Wer eher egoistisch veranlagt sei, werde dies tendenziell aber meist auch bleiben. Insbesondere dann, wenn die Person sehr von sich überzeugt sei und einen hohen Selbstwert habe. „So jemand lässt sich weniger von anderen beeinflussen als jemand, der unsicher ist oder sich stark über seine Partnerschaft definiert“, sagt Eva Asselmann.
Info
Wonach suchen wir unseren Partner aus?
Eine klare Antwort darauf hat die Forschung bis heute nicht. Was Studien gezeigt haben: Je größer das Angebot an potenziellen Partnern ist, umso eher wählt man zunächst nach Äußerlichkeiten aus. Kommt man dagegen gezielt mit einzelnen Personen ins Gespräch, zählen eher Ähnlichkeiten in der Lebensweise, gleiche Interessen oder Charaktereigenschaften. Dazu passt auch, dass die allermeisten Paare ähnlich alt sind – was in der Regel zu weiteren Übereinstimmungen führt. (mar)