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Nach zehn Jahren als SPD-Landesvorsitzende übergibt Ute Vogt (45) den Staffelstab an diesem Freitag an den Finanzexperten Nils Schmid.

Karlsruhe - Jubel. 320 Delegierte erheben sich – dabei hat der Parteitag gerade erst begonnen. „Wir danken Ute Vogt für zehn Jahre engagierte Arbeit“, sagt Bezirkschef Lars Castellucci. Und dann spendiert die SPD ihrer scheidenden Landesvorsitzenden das, was diese zuletzt nur noch in homöopathischen Dosen erhalten hat: Anerkennung. Vogt lächelt, ist gerührt. Denn der Dank schmeckt bittersüß. Doch er schmeckt. Sie beklagt sich auch nicht. Ihre Rede fällt kämpferisch aus, nach vorn gerichtet. Sie befasst sich mit Berlin, ihrem neuen, alten Wirkungskreis. Mit dem „verheerenden Fehlstart“ der neuen Regierung, wie sie sagt. Und sie appelliert ganz allgemein an die Solidarität der Partei.Doch wer hören will im Saal, der kann aus ihrer Rede auch Enttäuschung heraushören. „Neue Köpfe tun gut“, sagt sie mit Blick auf Nils Schmid, der sie nun beerben wird. Aber eine neue Führung könne nichts ausrichten, wenn die Partei ihr kein Grundvertrauen entgegenbringe. „Ich weiß, wie schwierig es ist, wenn man in der eigenen Partei Konkurrenz hat“, sagt sie. Und dann fallen Begriffe wie Respekt und Geschlossenheit. Lang spricht sie nicht, und ein richtiger Rechenschaftsbericht ist das auch nicht, eigene Fehler streift Vogt nicht einmal ansatzweise. Trotzdem erhebt sich der Parteitag nach einer halben Stunde erneut und huldigt ihrer scheidenden Vorsitzenden. Diese kämpft mit den Tränen, ist hin und hergerissen. Aber ein Abschied im Groll sieht anders aus.Drunten im Saal sitzt Nils Schmid bei den Esslinger Delegierten, und er applaudiert ebenfalls. „Ein bisschen aufgeregt“ sei er, hat er den vielen Gratulanten gestanden, die ihn gleich zu Beginn umringt hatten. „Aber ich habe ein gutes Gefühl.“Das ist auch berechtigt, denn der 36-jährige Nürtinger ist mit besonderen Referenzen nach Karlsruhe gekommen. Bei der Mitgliederbefragung am vergangenen Wochenende hat sich Schmid mit klarer Mehrheit gegen seine beiden Konkurrenten Hilde Mattheis und Claus Schmiedel durchgesetzt. Doch sehen das auch die 320 Delegierten so klar? Als Vogt ihn zum neuen Parteichef vorschlägt, brandet abermals Applaus auf. Schmid winkt ein wenig in die Menge, doch der Gestus des triumphierenden Siegers liegt ihm nicht.In seiner rund 50-minütigen Bewerbungsrede spricht er lieber vom „freundschaftlichen Wettstreit“ und bietet der „lieben Hilde“ und dem „lieben Claus“ seine Zusammenarbeit an. Er will vor allem integrieren, eine neue Diskussionskultur pflegen, und er bekräftigt sein Angebot, auch inhaltliche Fragen zur Abstimmung zu stellen. Konzentriert und bedächtig baut er seine Sätze. Da steht kein funkenschlagender Volkstribun, der einen Saal zum Kochen bringen kann. Laut wird er nur selten, und mit Gesten geht er sparsam um. Nur ab und zu streut er die eine oder andere witzige Bemerkung ein. Man muss dem promovierten Juristen schon ganz genau zuhören, um zu verstehen, warum die Genossen ihn an ihrer Spitze haben wollen. Zum Beispiel deshalb, weil sie ihm zutrauen, dass er die widerstrebenden Strömungen am besten zusammenführen kann.Stuttgart 21 ist so ein Thema. „Wir sind für das Projekt, weil die SPD der Überzeugung ist, dass diese Planung besser ist als andere“, sagt er. Die Plakate an der Eingangstreppe des Kongresszentrums, auf denen einige Genossen den Parteitag zu einer Ablehnung des Tiefbahnhofs auffordern, können ihm nicht entgangen sein. Doch Schmid sagt auch, dass man bei deutlichen Mehrkosten den Nutzen des Vorhabens nochmals prüfen müsse. „Eines sollten wir aber nicht tun: den seit zehn Jahren in uns schlummernden Stuttgart-21-Gegner in uns wachküssen – das nehmen uns die Leute nämlich nicht ab.“Er spannt einen weiten Bogen: von der Bildungspolitik über die Berliner Steuerpläne bis hin zu seinem Lieblingsthema, der Integrationspolitik. Kurzweilig ist das nicht immer, und eine Wahlkampfrede müsste sich anders anhören. Doch den Genossen gefällt’s, vor allem, als er sagt: „Wir sollten aufhören, dass man sich gegenseitig abspricht, aufrechter Sozialdemokrat zu sein.“Das Ergebnis kann sich jedenfalls sehen lassen: 88,6 Prozent wählen ihn zum Parteichef. „Damit bin ich sehr zufrieden, das ist ein Zeichen der Geschlossenheit“, sagt er anschließend im kleinen Kreis. Und dann bekennt er offen, dass er nicht die geringste Absicht habe, seinen Stil und Duktus zu ändern. „Ich rede so, wie ich nunmal bin“, sagt er. Und: „Ich habe nicht vor, einen Polterkurs zu fahren.“ Politiker sollten authentisch sein und auch ihren Parteifreunden nichts vorspielen, fügt er hinzu. Und man merkt: Das muss es wohl sein, was die Mehrheit der Partei an ihm schätzt.Doch reicht das auch, um die Wähler als Spitzenkandidat zu beeindrucken? „Man muss halt auch einen Saal mit 400 Leute hochreißen können“, sagt halblaut ein alter Fahrensmann im Foyer. Doch Spitzenkandidat, dieses Thema wird an diesem Abend wie eine heiße Kartoffel angefasst.Einer, der es gerne machen würde, ist bei der Mitgliederbefragung zum Parteichef durchgefallen: der Fraktionsvorsitzende im Landtag, Claus Schmiedel. Der präsentiert sich in Karlsruhe als braver Parteisoldat und versichert dem Sieger seiner uneingeschränkten Solidarität. Der Parteitag belohnt es mit viel Beifall. Aus dem Rennen jedenfalls sieht sich Claus Schmiedel noch nicht.Aber vielleicht hat die SPD ja tatsächlich noch ein paar andere Talente in der Hinterhand, die man bisher noch nicht so wahrnahm. Leni Breymaier zum Beispiel, die Verdi-Landesvorsitzende. Sie empfiehlt sich mit einer fulminanten Rede als stellvertretende Landesvorsitzende und lässt keinen Zweifel daran, dass sie den Einfluss der Gewerkschaften auf die Südwest-SPD mehren will. „Ich bin nicht die Rechts-Links-Maus“, wehrt sie vorschnelle Einordnungen ab und macht klar: Mit ihr ist noch zu rechnen.
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