Nach der Satzungsänderung kann Robert Habeck für den Grünen-Parteivorsitz kandidieren. Foto: dpa

Einer der beliebtesten Politiker Deutschlands verabschiedet sich aus der Grünen-Spitze. Ein neuer Hoffnungsträger will ihn ablösen. Der Parteitag erfüllt Robert Habeck sogar einen Sonderwunsch für seine Kandidatur - und weicht ein eisernes Prinzip auf.

Hannover - Die Grünen haben den Weg für die Kandidatur von Robert Habeck als Parteichef freigemacht. Die rund 750 Delegierten des Parteitags in Hannover stimmten am Freitagabend mit der notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Satzungsänderung, die es dem schleswig-holsteinischen Umweltminister erlaubt, für eine Übergangszeit von acht Monaten sein Regierungsamt neben seinem Parteiamt zu behalten. Dies hatte Habeck zur Bedingung dafür gemacht, an diesem Samstag für die neue Doppelspitze der Grünen zu kandidieren.

578 von 749 Delegierten stimmten für die Satzungsänderung, 149 dagegen. 17 enthielten sich, es gab fünf ungültige Stimmen. Der Bundesvorstand hatte zuvor für die Änderung geworben, mit der ein seit Parteigründung 1980 bestehendes Grundprinzip aufgeweicht wird.

Am Samstag wählen die Grünen die Nachfolger der scheidenden Parteichefs Cem Özdemir und Simone Peter. Neben Habeck kandidieren zwei Frauen für die Doppelspitze: Die niedersächsische Fraktionschefin Anja Piel vom linken Parteiflügel und die Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock.

Özdemir und Peter verabschieden sich von Posten

Habeck ist seit 2012 Umweltminister in Schleswig-Holstein und hatte 2017 dort federführend an der Bildung einer Jamaika-Koalition mitgewirkt. Seinen Wunsch nach Satzungsänderung begründet er auch damit, dass die neue Landesregierung erst wenige Monate im Amt ist. „Ich brauche diese acht Monate. Und wenn die nicht durchkommen, dann kann ich morgen nicht kandidieren“, rief Habeck den Delegierten zu. Er achte aber auch diejenigen hoch, die dagegen stimmten, da Prinzipientreue Anerkennung verdiene.

Eine Gegenrednerin warf ihm „Erpressung“ vor. Unterstützung erhielt Habeck vom früheren Bundesumweltminister Jürgen Trittin vom linken Parteiflügel. „Wir müssen aufhören so zu tun, als gebe es eine unbefleckte Tätigkeit in der Partei, und alles was Regierung ist, ist falsch oder kompromisslerisch“, sagte er.

Vor der Entscheidung über die Satzungsänderung verabschiedeten sich Özdemir und Peter von ihren Spitzenposten. Özdemir appellierte an seine Partei, sich für neue Wählergruppen zu öffnen. „Es öffnen sich gerade viele Türen. Lasst uns durch diese Türen gehen und das Gespräch mit der Gesellschaft auch außerhalb unseres grünen Milieus suchen“, sagte der 52-Jährige, der mehr als neun Jahre lang an der Spitze der Partei stand.

Gleichzeitig warnte er vor Lagerbildung bei den Grünen. „Entscheidend ist für mich, dass wir Personen oder politische Inhalte nicht danach beurteilen, von welchem Flügel sie gerade kommen, sondern alleine danach, was uns Grüne unseren Zielen näher bringt.“ Özdemir gehört zum Realo-Flügel der Grünen und wurde von den Parteilinken oft für seine Positionen kritisiert.

Kretschmann würdigte Özdemir

Peter rief ihre Partei auf, sich weiter für Vielfalt einzusetzen. „Wir kämpfen weiter für eine bunte Republik, gegen Rassismus und Hetze“, sagte sie. „Ich klinke mich da sicher auch nicht aus.“ Peter stand vier Jahre an der Grünen-Spitze, sie vertritt den linken Flügel.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann würdigte Özdemir als politisches Ausnahmetalent. „Wir werden ihn noch lange brauchen“, sagte er. Dass Özdemir zunächst nur einfacher Bundestagsabgeordneter ist, kritisieren viele bei den Grünen. Er gehört zu den beliebstesten deutschen Politikern. Als Fraktionschef hatte er sich aber nicht beworben, weil er sich keine Hoffnung auf eine Mehrheit machte. Möglich wäre, dass Özdemir den Vorsitz des Verkehrsausschusses im Bundestag übernimmt, den die Grünen bekommen. Er hat sich dazu noch nicht öffentlich geäußert.

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