Martin Winkler (Klingsor). Foto: A. T. Schaefer

In der Oper Stuttgart ist Calixto Bieitos „Parsifal“-Inszenierung wieder zu sehen – jetzt mit Sylvain Cambreling am Pult

Stuttgart - Einer der beiden Neulinge im Stuttgarter „Parsifal“-Team ist Levente Molnár: ein bühnenpräsenter, auch stimmlich beweglicher Amfortas mit leicht bedecktem Timbre und feinen Piano-Tönen, der nur einen einzigen Fehler hat: Der Bariton ist, sagen wir mal, nicht besonders textsicher. Die mitlaufenden Übertitel entpuppen sich als pedantische Korrektive, als böse Verräter, und zuweilen mag sich mancher in der Stuttgarter Oper beim Zuhören die ketzerische Frage stellen, ob Wagners „Parsifal“ ohne den Text von Wagners „Parsifal“ nicht auch ganz schön, ja womöglich gar noch schöner wäre.

Aber für die Ironisierung dessen, was der Komponist in seinem Alterswerk, seinem „Bühnenweihfestspiel“, an verquastem Theater-Katholizismus in Musik setzt, war vor zwei Jahren ja schon Calixto Bieito zuständig: Seine „Parsifal“-Inszenierung, die am Sonntag wiederaufgenommen wurde, macht aus der Grundfarbe des schlechten Gewissens in Wagners Entsagungsoper eine Abrechnung des Regisseurs mit seiner sehr katholischen, jesuitischen Erziehung. Der Gral als Sack voller Devotionalienkitsch, verletzte Blumenmädchen, engelhafte Messdiener-Knaben, von denen einer im wohl zwingendsten Bild des Abends zum Schwan wird, den Parsifal, der immerfort lächelnde Jesus-Statist, unwissend erschießt: All das ist wieder da, und wer die Inszenierung mehrfach betrachtet, wird inmitten ihres überbordenden Detailreichtums immer wieder Neues entdecken.

Attila Jun als Gurnemanz an Präsenz deutlich gewonnen

Wie viel davon über das Ziel hinausschießt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fest steht aber, dass diese Regietat zu Bieitos besten, durchdachtesten zählt. Vor allem Besuchern, denen der „Parsifal“ eher fern ist, bietet sie eine wohltuende Erlösung vom Erlöser Parsifal, der bei Wagner als „reiner Tor“ das Christentum erlöst.

Attila Jun hat als Gurnemanz an Präsenz deutlich gewonnen, Andrew Richards in der Titelpartie an Genauigkeit bei der Textaussprache hörbar zugelegt. Ein exzellentes Debüt als überzeugend wütender und leidender, höhenstarker und sehr genau artikulierender Klingsor gibt der zweite Neuling im Team, der österreichische Bariton Martin Winkler. Christiane Iven gelingt als Kundry im zweiten Akt eine Charakterstudie, deren geradezu bohrende Intensität über die Tatsache hinwegtröstet, dass die Höhe der Sopranistin nicht mehr so problemlos anspricht wie noch 2010. Rollendeckend besetzt sind Knappen, Gralsritter und Blumenmädchen, und der von Johannes Knecht einstudierte Staatsopernchor bekommt für seine szenische Detailarbeit wie für seine sängerische Präsenz am Ende zu Recht langen Beifall.

Auch der dritte „Parsifal“-Neuling, Stuttgarts Generalmusikdirektor, wird lange bejubelt: für die fein abgetönten und gebündelten Streicherlinien, die hier zuallererst ins Ohr gehen, für die klaren Anfänge nach den zahlreichen Generalpausen der Partitur, deren Brüche Sylvain Cambreling aushält, für den langen Atem, mit dem er das handlungsarme, in Stuttgart reichlich trockeneisgesättigte Stück zusammenhält, und für die subtile Einarbeitung abgetönter Bläsertupfer in den Orchesterklang. Zwar ist die Stuttgarter Oper nicht das Bayreuther Festspielhaus, aber mystische Klänge gibt es manchmal auch hier. Was für ein Glück!

Repertoire in der Oper

Wagners „Parsifal“ in Calixto Bieitos Inszenierung ist nochmals am 14., 21. und 28. April sowie am 5., 9. und 12. Mai in der Oper Stuttgart zu sehen.

Wieder auf dem Spielplan ist ab 10. April der Doppelabend „Die glückliche Hand“/„Osud“ (Regie: Wieler/Morabito, musikalische Leitung: Sylvain Cambreling). Weitere Vorstellungen sind am 17., 23., 26. und 30. April sowie am 3. und 10. Mai.

Neue Vorstellungen von Bellinis „Die Nachtwandlerin“ („La Sonnambula“, Regie: Wieler/Morabito, musikalische Leitung: Ferro) gibt es am 13., 18. und 27. April, am 22. Mai sowie am 1. und 7. Juni.

„Der fliegende Holländer“ kommt am 29. April zurück und wird nochmals am 4., 11. und 14. Mai gezeigt. „Fausts Verdammnis“ ist ab 26. Mai, „Platée“ ab 4. Juni wieder im Opernprogramm.

Karten gibt es unter 07 11 / 20 20 90 oder unter www.oper-stuttgart.de

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