Keir Starmer bei einem Wahlkampfauftritt in London. Er hat die Labour Party wieder in ruhiges Fahrwasser geführt. Foto: dpa/Stefan Rousseau

Zum Amtsantritt als Labour-Chef war Keir Starmer chancenlos gegen die Tories. Jetzt steht er – wenn die Unterhauswahl an diesem Donnerstag wie prognostiziert endet – vor dem Einzug in No. 10 Downing Street.

In Großbritannien richten sich dieser Tage alle Augen auf Sir Keir Starmer. Selbst die erbittertsten Gegner der Labour Party haben sich offenbar damit abgefunden, dass der Labour-Chef am Freitag neuer britischer Premierminister wird. Zweifel an einem Wahlsieg der Sozialdemokraten hatten zuletzt nicht einmal mehr die Minister der konservativen Regierung. Sie spekulierten stattdessen offen darüber, ob sich Starmer in den nächsten fünf Jahren auf eine Mehrheit oder auf eine „Supermehrheit“ im Unterhaus stützen kann.

 

In Number 10 Downing Street, dem Amtssitz des Premiers in London, soll Rishi Sunak schon die Koffer gepackt haben. Und König Charles III. hat den Freitagnachmittag für die Vereidigung des neuen Premiers und die Verabschiedung des alten im Buckingham-Palast frei gehalten. Selbst Teile der konservativen Presse in London sind diese Woche widerwillig zum Schluss gekommen, dass man Starmer nun „eine Chance geben“ müsse. Das hätte im Tory-Lager vor ein paar Jahren noch niemand zu sagen gewagt.

Er schien nur aus Pflichtbewusstsein heraus zu handeln

Tatsächlich hätte sich das wohl auch Keir Starmer selbst kaum vorstellen können, als er Anfang 2020 den Labour-Vorsitz übernahm. Bei den Wahlen vom Dezember 2019 hatte seine Partei, angeführt von dem umstrittenen Linkssozialisten Jeremy Corbyn, immerhin ihr schlechtestes Ergebnis seit 1935 erzielt. Boris Johnson hatte für die Tories einen umfassenden Sieg errungen. Er hatte sich zum Fürsprecher eines harten Brexit gemacht und den ärmsten Regionen des Landes einen beispiellosen Aufschwung verheißen, während Labour in Sachen Europa und in vielem anderen heillos zerstritten war. Starmer, der dem Unterhaus damals noch nicht lange angehörte, war unter Corbyn (Anti-)Brexit-Sprecher Labours gewesen. Seine Appelle zur Einheit der Partei verhalfen ihm zur Nachfolge Corbyns, als dieser abtreten musste. In den ersten Monaten im Amt fiel es dem vormaligen Menschenrechtsanwalt und Chef der englischen Anklagebehörde aber schwer, sich als neuer Oppositionsführer auf den Beinen zu halten. Johnson versetzte ihm heftigste rhetorische Hiebe. Der Kommunikationsgabe und dem dreisten Charme Johnsons war der ernste und manchmal dröge wirkende Starmer nicht gewachsen. Er schien nur aus Pflichtbewusstsein heraus zu handeln, nicht aus Lust an der Auseinandersetzung, am verbalen Streit.

Gut ein Jahr nach Übernahme des Vorsitzes, als parlamentarische Nachwahlen und Kommunalwahlen für Labour katastrophal ausgingen, erwog er sogar den Rücktritt. Überall in der Partei war zu hören, Starmer habe „keine Chance“.

Starmer hält am Brexit fest

Damit meinten die Zweifler, dass ihr Mann auf der politischen Bühne oft unbeholfen wirkte, „wenig Schwung“ mitbrachte und sich emotional zurückhielt, wo Johnson seine Pfauenfedern entfaltete. „Farblos“ sei Keir Starmer, spotteten seine Kritiker. Höflich lächelnd, aber übervorsichtig allezeit.

Was weder viele seiner eigenen Parteikollegen noch die Tories wahrnahmen, war jedoch, mit welcher Entschlossenheit der neue Labour-Chef in aller Stille die Partei umzukrempeln begann und sie neu ausrichtete. In relativ kurzer Zeit bootete Starmer Corbyns radikale Linke in der Labour Party aus. Er ließ Parteiregeln ändern und sorgte dafür, dass immer mehr moderate Kandidaten aufgestellt wurden. Entscheidend war für ihn, Labour wieder gesellschaftsfähig zu machen – die Partei zurück in die politische Mitte zu führen. Das galt auch für die neu formulierten Ziele, fürs abgeänderte Programm der Partei. So entschied ausgerechnet der Pro-Europäer Starmer, dass am Brexit nicht mehr gerührt werden sollte. Einen Weg zurück in die EU gebe es nicht, sagte er. Unter Labour-Anhängern führte das zu Frust und Protesten. Starmer musste sich Opportunismus vorwerfen lassen. Aber den Konservativen entzog er so eine zentrale Zielscheibe für Attacken. Und traditionellen Labour-Wählern in Nord- und Mittelengland, die 2019 zu Johnsons Tories übergelaufen waren, bot er einen Weg zurück zu ihrer alten Partei.

„Manchmal muss man, wenn man gut führen will, eben auch rücksichtslos sein“

Auch in anderen Fragen suchte Starmer Kurskorrekturen. Weitläufige Verstaatlichungsversprechen, wie Labour sie unter Corbyn gegeben hatte, gingen über Bord. Von massiver Besteuerung der Reichsten war keine Rede mehr. Nato-kritische Töne verstummten. Wo Starmer Fernseh-Interviews gab, ließ er den Raum mit Union-Jack-Flaggen aushängen. Patriotische Töne wurden angeschlagen. Und „äußerste Disziplin“ bei den Ausgaben im Staatshaushalt wurde eingefordert. Labour-Aktivisten auf der Linken fühlten sich betrogen. Für sie war Starmer nichts als „ein roter Tory“. Für Starmer indes war das Ganze eher eine Bewegung „auf die Wähler zu“. Sie, die Wähler, und nicht seine Parteilinke, wollte er überzeugen mit dieser Operation.

Einzelne progressive Vorhaben, wie die erstmalige Besteuerung von Privatschulen oder der Verzicht auf neue Öl- und Gasförderstätten in der Nordsee, blieben dabei erhalten. Ursprünglich großzügige Initiativen wie Labours neuer „Grüner Wohlstandsplan“ wurden aber, um die Neuaufnahme von Schulden zu vermeiden, noch gehörig eingedampft. Erst einmal müsse man „genug Wirtschaftswachstum schaffen, um Steuererhöhungen vermeiden zu können“, verkündete Starmer. Um diese Priorität herum baute er sein neues Programm. Dabei habe der Labour-Chef die neuen Prioritäten bemerkenswert rücksichtslos, mit geradezu „stählernem Willen“ durchgesetzt, fanden teils verwundert, teils respektvoll, die Kommentatoren. Starmer selbst meinte: „Manchmal muss man, wenn man gut führen will, eben auch rücksichtslos sein.“

Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie in der südenglischen Provinz

Seine Fähigkeit zu solcher Robustheit, hinter aller Fassade höflichen Lächelns, hat ihm nach Ansicht von Freunden seine Familiengeschichte beschert. Starmer ist in einer Arbeiterfamilie in der südenglischen Provinz aufgewachsen. Seine von Anfang an schwerkranke Mutter und sein offenbar hart arbeitender, aber recht gefühlskalter Vater haben ihn geprägt. „Niemand gibt dir einfach irgendetwas, wenn du aus der Arbeiterklasse kommst“, hat Starmer einmal gesagt. „Du musst dafür arbeiten. Dir steht kein Basis-Camp zur Verfügung mit Wohlstand und Privileg.“ Tatsächlich ist Starmer seit Jahren der erste Labour-Vorsitzende, der aus bescheidenen Verhältnissen stammt.

Kurios findet er selbst dabei, dass er auf den Namen Keir getauft wurde – zu Ehren Keir Hardies, des Gründers der Labour Party. Während man ihm in späteren Jahren, für seine Verdienste an der Nation im Justizsektor, den Titel „Sir“ verlieh. Viel lieber sei es ihm, wenn man ihn „einfach Keir“ nenne, hat der Politiker, der in seiner Freizeit gern Fußball spielt und als Arsenal-Fan bekannt ist, regelmäßig versichert. Das „Sir“ führe manche seiner Landsleute bloß zu falschen Rückschlüssen über seine Herkunft. Immerhin war Starmer der erste in seiner Familie, der nach der Schule an eine Universität ging, im nordenglischen Leeds. Unvergessen geblieben ist, dass er als Student in einem Extra-Jahr in Oxford an einer trotzkistischen Zeitschrift mitarbeitete, die den Titel „Sozialistische Alternativen“ trug. Auch dort war er aber vor allem der Organisator, der mit der Herstellung betraut war, kein führendes ideologisches Licht.

Auf sein Studium baute Starmer eine Karriere als prominenter Strafverteidiger in Menschenrechtsprozessen auf, bevor man ihm 2008 die Direktorenstelle der Anklagebehörde in England anbot, die er bis 2013 innehatte. Erst 2015 stieg er in die Politik ein. Und 2020 war er schon Vorsitzender seiner Partei.

Das Chaos bei den Tories kam Starmer zugute

Was ihm in der Folge zugute kam, war sicherlich, dass sich nur wenig später die Konservativen in verheerenden Verhältnissen wiederfanden. Dass die Covid-Pandemie kam, während der Boris Johnson durch „Partygate“ ins Straucheln geriet und auf spektakuläre Weise stürzte. Dass Liz Truss mit ihrem „Mini-Etat“ die britische Finanzwelt erschütterte. Dass Rishi Sunak sich als wenig kompetenter Politiker erwies, der die Konservativen nach rechtsaußen abdriften ließ. Und gewiss auch, dass ein schwerer Finanzskandal im Führungsteam der Schottischen Nationalpartei (SNP) diese ihre ehemalige Vormachtstellung im hohen Norden der Insel gekostet hat.

Nun also geht Keir Starmer als klarer Favorit in die Wahl. Was die Leute bräuchten, sei „ein bisschen Hoffnung“, meint er. Keine pompösen Visionen, sondern „etwas ganz gewöhnliche, realistische Hoffnung“ auf eine bessere Zeit.