Zugeparkte Straßen sind aus Elternsicht eine der größten Gefahren auf dem Schulweg. Tatsächlich werden vor 8 Uhr kaum Strafzettel verteilt, wie die Initiative Kidical Mass nach Auswertung städtischer Zahlen moniert. Was sagt das Stuttgarter Ordnungsamt dazu?
Vor 8 Uhr ist das Risiko, als Falschparker erwischt zu werden, in weiten Teilen Stuttgarts nahe null. Das ergibt eine Auswertung aller 2022 vom städtischen Kontrolldienst dokumentierten Halte- und Parkverstöße durch die Fahrradinitiative Kidical Mass. Darin sind knapp 20 000 Falschparker enthalten, die an Schultagen vor 8 Uhr erwischt wurden.
Was nach viel klingt, ist im Vergleich mit der Gesamtzahl verschwindend wenig. Nach 8 Uhr wurden an Schultagen knapp 350 000 Strafzettel ausgestellt. Der Anteil der frühmorgens erwischten Falschparker liegt bei rund vier Prozent. 2023 sind die Werte nur unwesentlich anders, wie eine Auswertung der nach Anfrage durch unsere Redaktion veröffentlichten Daten ergibt.
„Dann sind Schulwege flächendeckend zugestellt“
„Die intensivsten Kontrollen finden statt, wenn die Schülerinnen und Schüler längst im Klassenzimmer sitzen“, heißt es in einer Mitteilung von Kidical Mass. Das sind gute Nachrichten für den Heimweg. Bei Dunkelheit seien zugeparkte Straßen freilich problematischer: „Wird frühmorgens nicht kontrolliert, verwundert es auch nicht, dass Schulwege genau in der Zeit, in der die Kinder zur Schule laufen, flächendeckend zugestellt sind.“
Von den bisher mehr als 600 Hinweisen im Rahmen unserer Aktion „Achtung, Schulweg!“ beschäftigt sich jeder vierte mit diesem Thema. „Vor der Schule gibt es eigentlich ein Halte- und Parkverbot. Dies wird überhaupt nicht respektiert“, heißt es etwa aus der Deutsch-Französischen Grundschule Sillenbuch. Mehr als ein Dutzend solcher Beschwerden sind von Eltern dieser Schule bereits bei unserer Redaktion eingegangen. In einem Umkreis von 500 Metern wurden 2022 morgens vor Schulbeginn dort lediglich sechs Strafzettel ausgestellt.
Weitere Meldungen, etwa aus der Hattenbühlschule in Feuerbach: „Fahrzeuge parken im Kreuzungsbereich. Der Gehweg ist zu schmal und durch die Postfiliale sehr oft zugeparkt.“ Die Mühlbachhofschule in Stuttgart-Nord: „Auf dem Schulweg wird meistens so eng geparkt, zumal von hohen Fahrzeugen, dass die Kinder nicht sehen, ob ein Auto kommt.“ Steinhaldenfeldschule (Bad Cannstatt): „Die Fahrdienste der benachbarten Schule parken zum Teil den Gehweg komplett zu. So muss mein Kind manchmal auf die Straße ausweichen.“ Im Umfeld aller genannten Schulen wurden 2022 frühmorgens so gut wie keine Strafzettel ausgestellt.
Andere Schwerpunkte
Das städtischen Ordnungsamt sagt, der Fokus der Kontrollen liege auf dem Regelbetrieb von 8.30 bis 22 Uhr – und auf Bereichen, in denen Parken kostet: „Wir müssen unser Personal da einsetzen, wo es brennt“, sagt der Leiter der Verkehrsüberwachung, Joachim Elser. Ecken wie die Mozartstraße/Mittelstraße im Heusteigviertel zählt er dazu. Dort wurden 2022 mehr als 50 Falschparker schon frühmorgens erwischt.
An etlichen Schulen außerhalb des Parkraummanagements sei die Lage unauffällig, so Elser. Entlang der Schulwege seien nur Schwerpunktkontrollen möglich. Seit einigen Jahren schicke man zum Schuljahresbeginn vermehrt Kontrolleure los. Von den rund 140 Kontrolleuren seien dann 16 vor 8.30 Uhr unterwegs, mehr als sonst. „Diese Kontrollen sind unter anderem eine Maßnahme nach Meldungen der Eltern“, sagt Elser, „das führt schon zu Erfolgen und bewirkt eine entsprechende Sensibilisierung.“ Wie viele Verstöße geahndet würden, hänge mit dem verfügbaren Personal zusammen – die Neigung zum Falschparken sei konstant.
In mehr Strafzetteln zum Schuljahresbeginn drückt sich das allerdings kaum aus, wie eine Stichprobe zeigt. 2022 wurden während der ersten drei Schulwochen 1416 Strafzettel vor 8 Uhr ausgestellt, im gleich langen Vergleichszeitraum im Mai dagegen 1526. Vergangenes Jahr waren es zu Schuljahresbeginn 1419 frühmorgendliche Strafzettel, etwas mehr als während drei nicht von Ferien oder Feiertagen unterbrochenen Schulwochen im März (1260) oder Juli (1302).
„Wenn man bei der Verwaltung Stellen mit Falschparkern meldet, kommt oft die Antwort, Schulwege seien ganz wichtig“, sagt Niko Worms von Kidical Mass, „aber wenn man das systematisch abgeht oder die Daten analysiert, ist das Ergebnis ein anderes.“ Die Initiative wünsche sich nicht mehr Kontrollen, sondern einen stärkeren Fokus auf den frühen Morgen und Schulwege auch außerhalb des Parkraummanagements.
Mitmachen Nutzen Sie unseren Online-Fragebogen, um selbst Gefahrenstellen auf Stuttgarter Schulwegen zu melden.
Zu unserer Aktion „Achtung, Schulweg!“
Aktion
Mit unserer Aktion „Achtung, Schulweg!“ sammeln wir Elternhinweise auf Gefahrenstellen auf dem Schulweg – je mehr, desto besser. Den Online-Fragebogen bieten wir gemeinsam mit der Rechercheplattform Correctiv an. Er hat sich bei ähnlichen Projekten in Köln und in der Schweiz bereits bewährt. Die Meldungen dienen als Grundlage für eine umfangreiche Artikelserie.
Teilnahme
Kennen Sie Gefahrenstellen auf dem Schulweg? Dann melden Sie diese in unserem Online-Fragebogen. Das geht einfach und anonym. Sie können auch Fotos und Kommentare hinzufügen. Wir sichten jede Meldung, berichten über die Ergebnisse – und legen die Meldungen der Stadtverwaltung vor