Bei der Trendsportart Parkour fliegen die Traceure schon mal durch die Luft. Zuvor müssen sie allerdings... Foto: Köhler

Mauern, Treppen, Geländer, Gerüste: Traceure sehen Hindernisse als Herausforderungen an.

Stuttgart - Der junge Mann mit den roten kurzen Haaren trägt eine graue Jogginghose. Er nimmt Anlauf. Rennt, schwingt seine Arme nach vorne, springt. Dann landet er in der Hocke auf der grauen Mauer. Ein anderer junger Mann balanciert auf einem Geländer. Und der Schwarzhaarige im roten T-Shirt schwingt seinen Körper, die Beine nach vorn gestreckt, über das Geländer gegenüber. Mit der linken Hand bloß stützt er sich auf.

Die Passanten auf dem Kleinen Schlossplatz schauen staunend zu. Was sie sehen, kommt ihnen ungewöhnlich vor, fast befremdlich. Wohin auch immer sie laufen, sie umgehen auf ihrem Weg Hindernisse und nutzen die gekennzeichneten, offensichtlichen Strecken. Treppen zum Beispiel. Die Stadt zum Sportplatz machen, Hindernisse als Herausforderung annehmen, das tun Traceure. Sie bewegen sich ohne Hilfsmittel und überwinden die Hindernisse, die auf ihrem Weg liegen. Traceur bedeutet soviel wie Spurenleger, Wegbereiter. Die Sportart heißt Parkour.

Martin Heinrich (22), der Rothaarige, gehört wie Sven Waibel (35) und John-Edouard Ehlinger (29) zu den ersten Traceuren in Stuttgart. 2004 wurde die Trainingsgemeinschaft Parkour Stuttgart gegründet, 2009 in einen Verein umgewandelt. Ihm gehören 21 Mitglieder an. Das Ziel war es, die Sportart voranzubringen und populär zu machen, sagt Ehlinger.

Das ist den Traceuren gelungen. Parkour boomt. Heute ist Parkour Stuttgart auch eine Gemeinschaft aus mehreren hundert Mitgliedern. Im Internet verabreden sie sich zum Klettern, Springen, Hüpfen. Zu den Einführungsworkshops an jedem ersten Samstag im Monat kommen mehr als 60 Jugendliche. Tendenz steigend.

Privateigentum ist tabu

„Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung“, beschreibt Ehlinger seine Leidenschaft. Der Ort spielt keine Rolle. Es passiert in Fußgängerzonen, in Seitenstraßen, auf öffentlichen Plätzen, in Einkaufspassagen. Traceure finden überall Bordsteine, Geländer, Mauern, Treppen, Fahrradständer. Natürliche Hindernisse, die einfach da sind. Nur Privateigentum ist tabu. Und Provokation. Traceure klären Fremde auf, wenn sie auf ihr Tun angesprochen werden. Bittet man sie zu gehen, suchen sie sich ein anderes Gelände.

Parkour ist auch der Versuch, sich der Umwelt anzupassen. „Mich reizt es, andere Wege zu gehen als andere Menschen“, sagt Waibel. Wer braucht schon eine Treppe, wenn daneben ein Geländer ist? Oder eine Rampe? „Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Wegen. Es gibt immer mehrere Wege“, sagt Waibel. „Der Weg ist das Ziel“, ergänzt Ehlinger. Wie der aussieht, bestimmt jeder Traceur selbst. Kreativität ist deshalb enorm wichtig. Aber ebenso geistige Überwindung beim Anblick einer glatten Mauer etwa. „Unser Körper ist zu mehr fähig, als wir denken", sagt Ehlinger.

Waghalsige Kunststücke meint er mit dem Satz aber nicht. Die Motivation, Mitmenschen zu beeindrucken, kommt bei der Parkour-Gemeinschaft schlecht an. Sie legen Wert auf Verantwortungsbewusstsein. Gegenüber sich, den anderen Traceuren, der Umwelt. „Unser Motto lautet 'Sein und fortbestehen'", sagt Ehlinger. Traceure optimierten ihre Bewegungen so, dass sie den Sport auch noch ihn zehn Jahren ausüben können. Am liebsten aber bis ins hohe Alter.

Traceure lernen ihre Grenzen schnell kennen

Traceure lernen ihre Grenzen schnell kennen

Natürlich gehören blaue Flecken, Prellungen oder Schürfwunden dazu. Dennoch stufen Traceure ihr Verletzungsrisiko als gering ein. Sie lernen schnell ihre Grenzen kennen. „Man ist immer vorsichtig. Wichtig ist es, sich, die Situation und das Risiko richtig einzuschätzen“, sagt Ehlinger.

Ein Traceur erkennt, ob das Tageslicht für ihn noch hell genug ist, oder die Mauer zu nass. Weil er sich kennt. „Parkour basiert auf Erfahrung. Es ist immer nur so gefährlich und risikoreich, wie ich es mir mache“, sagt Waibel. Wer hofft, ihn von Hochhausdach zu Hochhausdach springen zu sehen, wartet vergeblich. Den Laternenmasten kraxelt er hingegen spontan hinauf.

Die Traceure schätzen an Parkour besonders, dass der Wettbewerbsgedanke fehlt. Der Spaß steht im Vordergrund. „Jeder sucht sich seine Herausforderung selbst“, sagt Waibel, der jahrelang geturnt hat. Vom Turnen verabschiedete er sich, er wollte sich nicht ständig mit den Konkurrenten messen lassen. „Ich möchte mein eigenes Tempo gehen und meinen eigenen Weg wählen.“ Freiheit geht einem Traceur über alles.

Grundtechniken geben Sicherheit

Martin Heinrichs Handstand lässt die Traceure erwartungsgemäß kalt. Aufwärmen ist Pflicht für jeden, der Parkour betreibt. Ebenso die Grundtechniken wie auf Mauern klettern oder zwischen Bordstein und Straße hin und her hüpfen. "Die Grundtechniken geben einem die nötige Sicherheit", sagt Waibel.

Und dann stellt es sich ein, das Glücksgefühl. Vor allem, wenn ein Traceur ein neues oder ein bisher unüberwindbares Hindernis bezwingt. Dann ist es ihm egal, ob es eine hohe Mauer war, oder ein einfaches Geländer. Für ihn zählt der Weg.

Der nächste Einführungsworkshop für Teilnehmer ab 16 Jahren ist am 1. Oktober. Los geht’s um 11 Uhr auf dem Campus der Universität Vaihingen. Der Kurs dauert drei Stunden und ist kostenlos.

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