Parasitische Stadtführung Die Tour aller Touren durch Stuttgart

Von Andrea Jenewein 

Warum führen viele Stadtführungen zur Oper? „Weil man dort optimale Gruppenfotos machen kann“, sagt Bill Aitchison (rechts). Foto: Max Kovalenko
Warum führen viele Stadtführungen zur Oper? „Weil man dort optimale Gruppenfotos machen kann“, sagt Bill Aitchison (rechts). Foto: Max Kovalenko

Die Liste an Stadtführungen wächst. Jetzt gibt es die Führung schlechthin – das besagt zumindest ihr Name: die Tour aller Touren. Es ist ein Experiment über die Natur des Tourismus.

Stuttgart - Damit die Tour aller Touren auf Touren kommt, sind alle Mittel erlaubt. Auch Guerilla-Marketing – besonders, wenn Kaspar Wimberley von Arttours auf seine charmante Art auf Touristen-Aufsammel-Aktion geht. Nico Schwab hat er am Tag zuvor im Schlossgarten aufgegabelt: Der junge Mann lag dort und las. „Kaspar Wimberley hat mich einfach angesprochen, ob ich an der Stadtführung teilnehmen möchte“, sagt Schwab. Er wollte. Es ist die erste Stadtführung für den Schwaben, der seit drei Jahren in Stuttgart lebt. Da liegt es nahe, sich gleich für die Tour aller Touren zu entscheiden.

So treffen Schwab und andere Interessierte am Freitag vor dem i-Punkt auf der Königstraße auf Bill Aitchison. Der Brite ist Performance-Künstler und fungiert an diesem Tag als Stadtführer. Natürlich nicht als irgendeiner. Sondern als ein parasitischer.

Was das meint? Nun, Aitchison, der selbst Tourist in Stuttgart ist, hat als solcher zunächst an Stadtführungen teilgenommen. „Davon gibt es in Stuttgart sehr viele – über 100 verschiedene “, sagt er. So hat er sich mit Stuttgart Marketing auf den Stadtrundgang begeben, sich durch die Wilhelma führen lassen, das Mercedes-Benz- und das Porsche-Museum angeschaut, eine Stadtrundfahrt im Bus mitgemacht und Architektur- und Kunstführungen besucht. Ganz wie ein normaler, wenngleich sehr vielseitig interessierter Tourist mit viel Zeit.

Dann wurde aus dem Tourist ein Touristenführer. Einer, der den bestehenden Routen folgt und die meistbesuchten Orten der Stadt besucht – und der doch alles ganz anders macht. Denn die Tour aller Touren ist eigentlich eine Tour über die Touren: Aitchison berichtet an den Touristenattraktionen nicht über diese, sondern von den anderen Führungen, die an dem Ort vorbeikommen.

„Hier kann man schlicht optimale Gruppenbilder machen“

Ein solcher Ort ist die Oper. „Hier führen viele Stadtführungen hin“, sagt Aitchison. „Wollt ihr wissen, warum? Dann steigt auf die Treppenstufen“. Die Teilnehmer blicken sodann auf den Eckensee – und in Aitchisons Kameraobjektiv. Klick: das Foto ist gemacht. „Hier kann man schlicht optimale Gruppenbilder machen“, sagt er.

Doch seine Ausführungen sind auch kritisch.So beklagt er, dass in den Bussen bei den Stuttgart Tours die Ansagen in englischer Sprache weniger Infos bieten. Auch für Alleinreisende gäbe es weniger Angebote als für Gruppen. „Die Alternative ist ein kostenloser Stadtplan und Architekturführer von Stuttgart Marketing, mit dem man seine eigene Stadtführung bestreiten kann“.

Asiaten kommen eher selten allein nach Stuttgart – meist rollen sie in großen Gruppen mit dem Reisebus an, werden am Karlsplatz ausgeladen und gehen dann Mittagessen. Wo? Im „China Garden“ auf der Königstraße, hat Aitchison in Erfahrung gebracht.

Auch über Rebecca, die im Bordell Dreifarbenhaus residiert, weiß er erstaunlich viel. Aber nicht aus eigener Anschauung, sondern von einem Sex-Führer im Internet. Aitchison hat zudem von einer FKK-Club-Tour gehört, die auch nach Stuttgart führt. „Aber die Tour aller Touren ist familienfreundlich, darum gehen wir weiter.“

„Das war interessant und sehr cool“, urteilt Nico Schwab. Aitchison freut sich über das Lob, ist dies doch seine erste Tour aller Touren. Er veranstaltete sie in Kooperation mit Arttours, die in Stuttgart Stadtführungen, und Karten entwickeln.

Auf die Idee, diese besonderen Stadtführungen anzubieten, kam Aitchison in Dubrovnik in Kroatien. „Dort gibt es viel zu viele Touristen“, sagt Aitchison. Er versuchte, die Touristen zu meiden und das „echte“ Dubrovnik zu finden. Dann erkannte er, dass „die Touristen zum echten Dubrovnik gehören“. Nach Stuttgart kommen nicht ganz so viele Touristen. Vielleicht ändert sich das: Schließlich will Aitchison lokale Stadtführer ausbilden.

Die Tour aller Touren wird am heutigen Samstag und am Sonntag angeboten. Um 11 Uhr gibt es die Tour jeweils auf Deutsch (Andreas Miedler), um 16 Uhr auf Englisch (Bill Aitchison). Treffpunkt: i-punkt, Königstraße 1a. Anmeldung: Telefon 01 75-1 99 89 17. Spenden erbeten. www.billaitchison.co.uk www.stuttg-arttours.de

Lesen Sie jetzt