Spektakuläre Bilder: Die Athleten bei den Paralympics vollbringen Höchstleistungen. Foto: Getty

Verena Bentele über die Paralympics, das deutsche Team und ihre Enttäuschung, weil sie wegen der Krim-Krise nicht nach Sotschi fahren kann.

Verena Bentele über die Paralympics, das deutsche Team und ihre Enttäuschung, weil sie wegen der Krim-Krise nicht nach Sotschi fahren kann.
 
Sotschi - Frau Bentele, an diesem Freitag beginnen die Paralympischen Winterspiele in Sotschi – und Sie sind nicht mehr dabei. Kommt da nicht ein bisschen Wehmut auf?
Ein bisschen. Manchmal denke ich: ‚Hey, gebt mir ein paar Skier. Ich will mitlaufen’. Aber ich finde immer noch, dass es eine gute Entscheidung war, nicht mehr selbst zu starten. Es war der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt.
Dabei ist es das erste Mal, dass die deutschen Sportler bei Olympischen und Paralympischen Spielen die gleichen Prämien für Medaillen bekommen. Für Sie wäre das doch eine tolle Chance gewesen, noch ein bisschen Geld zu verdienen.
Solchen Dingen trauere ich nicht nach. Ich finde es super, dass die Prämien angeglichen worden sind. Ich habe schon als Sportlerin dafür gekämpft. Es war überfällig, denn bei den Paralympics wird genauso Leistungssport betrieben wie bei Olympia. Ich freue mich für meine Sportkollegen, dass die Angleichung endlich stattgefunden hat.
Glauben Sie, das deutsche Team kann sich in Sotschi auf einen finanziellen Segen in Form von Medaillenprämien freuen?
Ich traue unserer Mannschaft einige Medaillen zu. Wir haben tolle Sportlerinnen und Sportler. Anna Schaffelhuber bei den Alpinen zum Beispiel oder Andrea Eskau und Willi Brem bei den Langläufern, um nur ein paar zu nennen. Natürlich haben zusammen mit mir einige erfolgreiche Athleten aufgehört, aber wir haben gute Sportler, die nachrücken. Wobei ich mir persönlich noch mehr Nachwuchs wünschen würde.
Hat der deutsche paralympische Sport Nachwuchsprobleme?
Ich kann jetzt nur für meine Sportarten – also Langlauf und Biathlon sprechen –, aber hier fehlen definitiv Nachwuchsathleten.
Was läuft falsch?
Es sind unterschiedliche Punkte. Ein wichtiger ist, dass unser Sport eine Herausforderung ist. Er ist sehr intensiv. Sowohl was die Kosten betrifft, als auch die Zeit. Um trainieren zu können, braucht man Unterstützung und man muss sich überlegen, wie man den Sport attraktiver macht. Wichtig ist die gute Zusammenarbeit von Leistungs- und Breitensport. Da brauchen wir bessere Strukturen.
Glauben Sie, dass es Sportler mit Behinderung schwerer haben? Nur wenige sind bei der ­Polizei oder Bundeswehr untergebracht. Die meisten haben einen Vollzeitjob.
Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass es schwierig ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Ich habe Sport getrieben und dabei noch studiert. Um die Rahmenbedingungen musste ich mich teilweise selbst kümmern. Unter solchen Umständen ist es schwierig, professionell zu trainieren. Aber ohne Professionalität geht’s auch im Behindertensport nicht. Wenn wir wirklich Sport fördern wollen, auch paralympischen, dann muss es mehr Stellen für die Sportlerinnen und Sportler im Öffentlichen Dienst geben. Das ist die Grundvoraussetzung. Ein Land wie Deutschland sollte sich das leisten.
Da hört man die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung heraus. Können Sie Ihre neue Funktion nutzen, um im Sport etwas zu bewirken?
Auf dem Sport liegt dabei nicht das Hauptaugenmerk, aber arbeiten kann ich deshalb trotzdem daran (lacht). Oder anders ausgedrückt: Der Sport ist ein Teil meiner Arbeit, aber natürlich gibt es da noch viele andere Anliegen.
Wie definieren Sie Ihre neue Aufgaben in der Politik?
Ich berate die Bundesregierung und vertrete die Interessen der Menschen mit Behinderungen in den Gesetzgebungsverfahren. Ich bin in engem Kontakt mit Selbsthilfeorganisationen und den Betroffenen. Deren Anliegen und Interessen trage ich an die Bundesregierung heran.
Welche Themen sind das?
Es ist zum Beispiel wichtig, über das Bild von Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit nachzudenken und daran zu arbeiten. Wie leben wir miteinander, was denken wir übereinander und wie können wir mit weniger Vorbehalten aufeinander zugehen? Das Thema Arbeitsmarkt wird mich beschäftigen und generell die Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen. Barrierefreiheit ist natürlich ebenfalls wichtig.
Sie haben die Öffentlichkeit angesprochen. Was ist an dem Bild von Menschen mit Behinderung falsch?
Ich finde Vielfalt wichtig, dass jeder Mensch als Bereicherung für unsere Gesellschaft gesehen wird. Eine tolle Herangehensweise ist, wenn man erst darüber nachdenkt, was kann dieser Mensch, was ist für ihn wichtig, welche Bedürfnisse hat er. Und erst dann spricht man darüber, was vielleicht schwierig für ihn ist.
Sie scheinen in Ihrem neuen Job bereits ­angekommen zu sein.
Ich habe einen tollen Job, der viele Herausforderungen mit sich bringt, der viel Energie kostet, aber bei dem ich das Gefühl habe, dass wir viel erreichen können.
Ihre Arbeit bringt es nun aber mit sich, dass Sie nicht nach Sotschi fahren, weil die Bundesregierung wegen der Krim-Krise keine Delegation schickt.
Ich bin sehr enttäuscht, dass ich nicht dabei sein kann, wenn unsere Sportlerinnen und Sportler starten. Ganz ausdrücklich möchte ich der Mannschaft sagen: ‚Ich unterstütze euch und werde euch aus der Ferne anfeuern und meine Gedanken und guten Wünsche nach Sotschi schicken.’
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