Niko Kappel hat in diesem Jahr bereits den WM-Titel gewonnen. Nun strebt er zum zweiten Mal Gold bei den Paralympics an. Foto: IMAGO/Beautiful Sports/IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Marcus Hartmann

An diesem Mittwoch beginnen in Paris die Paralympics. Niko Kappel vom VfB Stuttgart will Gold im Kugelstoßen – verbindet mit den Spielen aber auch andere Hoffnungen.

Eigentlich reicht die Liste an Höhepunkten ja, um gleich mehrere Jahre zu bestücken. Niko Kappel aber hat sie in nur wenige Monate gelegt. Einen neuen Weltrekord hat er aufgestellt, dabei die bis dahin magische Grenze von 15 Metern überboten. Weltmeister ist der kleinwüchsige Kugelstoßer geworden. Kürzlich durfte er vor dem Fußball-Supercup zwischen Bayer Leverkusen und dem VfB Stuttgart den Pokal präsentieren. Und am Samstag hatte er dann auch noch einen Auftritt im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF. Das Verrückte an der ganzen Nummer: Der eigentliche Höhepunkt des Jahres 2024 steht Niko Kappel erst noch bevor. An diesem Mittwoch beginnen in Paris die Paralympics, und der 29-Jährige zählt zu jenen deutschen Athletinnen und Athleten, denen man zutraut, mit einer Goldmedaille um den Hals aus der französischen Hauptstadt zurückzukehren. Am kommenden Montag (12.10 Uhr) steigt Kappel im Stade de France in den Ring, einige Tage davor hat er sich ausführlich Zeit genommen – und gesprochen über....

 

...seine Erwartungen an die Spiele von Paris:

Natürlich, Kappel ist Paralympics-Sportler. Aber mitgefiebert hat er kürzlich auch mit den deutschen Starterinnen und Startern bei den Olympischen Spielen – und war vor dem Fernseher ein ums andere Mal begeistert von den Bildern, die ihm aus Paris geboten wurden. „Dadurch“, sagt er, „ist die Vorfreude auf die Paralympics besonders groß.“ Zumal er den Wettkampf im Stade de France zu einem Heimspiel machen möchte. Rund 85 Wegbegleiter werden nach Paris reisen und Kappel unterstützen. „Das macht mich nochmal fünf Zentimeter größer“, sagt er lachend.

...sein sportliches Ziel:

Zunächst einmal, meint Niko Kappel, sei es für ihn „sehr wichtig“ gewesen, mal wieder den WM-Titel gewonnen zu haben. Seit 2017 hatte er sieben Jahre darauf warten müssen, ehe es in diesem Jahr in Japan wieder klappte. Den Weltrekord von 15,07 Metern hatte er schon vor der WM gestoßen – sich danach aber nicht zurückgelehnt. „Wir wollen herausfinden, wie weit die Kugel noch fliegen kann“, sagt er über sich und seine Trainer, „wir sind der Meinung, dass wir uns noch entwickeln können.“ Die Herausforderung der vergangenen Wochen bestand aber zunächst darin, das hohe Level zu konservieren. Denn das Paralympics-Gold liegt sogar noch länger zurück als der bis dahin letzte WM-Titel. Niko Kappel siegte 2016 in Rio – und peilt nach Bronze in Tokio nun wieder Gold an.

...die Erfolge der Olympia-Sportler:

Leo Neugebauer startet wie Niko Kappel für den VfB Stuttgart – und holte bei den Olympischen Spielen Zehnkampf-Silber. Yemisi Ogunleye kommt regelmäßig zum Training nach Stuttgart – und holte sensationell Gold im Kugelstoßen. Mit beiden hatte Niko Kappel nach deren Erfolgen Kontakt und sagt: „Es tut einfach gut, sich mit ihnen auszutauschen.“ Auch über ganz praktische Dinge. So berichtete vor allem Ogunleye über die Beschaffenheit des Rings, in dem in Paris gestoßen wird. Bei Nässe kann es rutschig werden – weshalb Niko Kappel speziellen Sprühkleber für die Schuhsohlen mit nach Paris nimmt.

...die Bedeutung der Spiele von Paris für den Behindertensport:

Mitten in Europa und ohne Zeitverschiebung kann sich der paralympische Sport in Paris einem breiten Publikum präsentieren – gerade in Deutschland. „Auch hier hat sich der paralympische Sport enorm entwickelt“, sagt Niko Kappel, der London noch als Gast im Jugendlager, Rio und Tokio dann als Athlet erlebt hat. Er sagt aber auch: „Wir haben in Deutschland eigentlich noch mehr Potenzial.“ In Tokio landete das deutsche Team auf Rang zwölf der Nationenwertung, der Kugelstoßer sähe Deutschland hier gerne deutlich weiter vorne. Wie das gelingen soll? Er plädiert für eine intensivere Zusammenarbeit von olympischem und paralympischem Sport – ähnlich, wie es in seiner Stoß-Trainingsgruppe praktiziert wird. In Stuttgart trainiert bei Coach Peter Salzer neben ihm nicht nur der ebenfalls kleinwüchsige Yannis Fischer, der in Paris in einer anderen Klasse startet, sondern zum Beispiel auch die Olympia-Teilnehmerin Alina Kenzel.

Zudem sieht Niko Kappel die mittlerweile hohen Ansprüche an junge Athletinnen und Athleten als Problem. Mit der Bestweite, die er selbst als junger Sportler erreicht hat, würde er heute aus der Förderung fallen – weil sich in der Spitze die Leistungen eben stark entwickeln haben. „Wir müssen“, sagt er, „den Nachwuchssportlern etwas mehr Zeit geben.“

Wer in der Förderung sei, habe mittlerweile aber auch als Behindertensportler gute Möglichkeiten über die Sporthilfe, die Bundeswehr und private Sponsoren – auch, um vom Sport zu leben. In Paris, erklärt der 29-Jährige, könnten die deutschen Athletinnen und Athleten nun zeigen, „dass es sich lohnt, viel Energie in den Sport zu stecken“.

...russische und belarussische Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

Mannschaften aus Russland und Belarus sind bei den Paralympics nicht zugelassen. Für Einzelsportler machte das Internationale Paralympische Komitee (IPC) aber schon vergangenen Herbst die Tür wieder auch. Zwar müssen sie unter neutraler Flagge starten, sind aber ansonsten ganz normal dabei – 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Russland, acht aus Belarus haben gemeldet. Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) sieht das problematisch und hatte gegen die Wiederzulassung gestimmt. Auch Niko Kappel findet es „absolut fragwürdig“. Zum einen wegen des nach wie vor andauernden Krieges, den Russland gegen die Ukraine führt. Zum anderen werfe das Thema Doping in Bezug auf Russland nach wie vor Fragen auf: „Da ist nichts besser geworden.“

...seinen persönlichen Paris-Fahrplan:

Die Eröffnungsfeier wird Niko Kappel auslassen, zu sehr würde die mehrstündige Veranstaltung im Herzen von Paris die folgenden Vorbereitungstage beeinflussen. Er reist stattdessen am 30. August mit dem Zug nach Paris, absolviert noch einen Trainingstag und setzt am Tag vor dem Wettkampf voll auf Entspannung. Am Abend gibt es dann einen Schluck Weißbier, „damit ich gut schlafe“, am 2. September steht dann der Wettkampf an. Als absoluter Höhepunkt der Saison.