Paralympics-Siegerin Anja Wicker auf dem Weg zu Gold im Biathlon-Sprint bei der Para-Ski-WM in Norwegen im Januar 2022. Foto: imago images/Ralf Kuckuck/Ralf Kuckuck via www.imago-images.de

Anja Wicker vom MTV Stuttgart, Paralympics-Siegerin von 2014, spricht vor dem Start der Winterspiele an diesem Freitag über die politische Lage samt Ausschluss von Russland und Belarus – und erklärt darüber hinaus, warum sich der Parasport nicht zu verstecken braucht.

Stuttgart - Anja Wicker startet bei ihren dritten Winter-Paralympics in Peking im Biathlon und Langlauf in der sitzenden Klasse. Nach Gold in der Biathlon-Mitteldistanz und Silber auf der Langdistanz in Sotschi 2014 verpasste sie 2018 in Pyeongchang die Medaillenränge. Beflügelt von ihrem zweiten Weltmeisterschaftsgold im Januar dieses Jahres will die 30-jährige Athletin, die für den MTV Stuttgart startet, nun wieder zurück an die Spitze.

 

Frau Wicker, wie fühlt es sich für Sie an, angesichts des Kriegs in der Ukraine nun die Paralympics zu bestreiten?

Es ist ein richtig doofes Gefühl. Die ursprünglich größte Sorge, überhaupt gesund nach China zu kommen, wurde von der wirklich schlimmeren Nachricht aus der Ukraine überschattet, und das Thema Sport rückte in den Hintergrund. Die Euphorie ist weg, und die Gedanken sind beim ukrainischen Team und der gesamten Bevölkerung.

Wie blicken Sie auf den Ausschluss der russischen und belarussischen Athleten von den Spielen?

Politisch und menschlich konnte es meiner Meinung nach nur eine Entscheidung geben, und das ist der Ausschluss. Rein sportlich gesehen ist es sehr schade, da nun ein großer und guter Teil des Starterfeldes fehlt.

Bereits ohne den Kriegsausbruch standen die Paralympics vor schwierigen Bedingungen. Hat Corona auch Ihre Vorbereitung geprägt?

Gott sei Dank eigentlich nicht. Wir haben das Jahr über die gleiche Vorbereitung, die gleichen Trainingslager absolviert, die wir auch ohne Corona gemacht hätten, mit etwas mehr Vorsicht und Hygienevorschriften. Dort konnte man Corona sogar ein bisschen vergessen.

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Wie muss man sich Ihren Trainingsalltag in letzter Zeit vorstellen?

Es gab seit einem halben Jahr nichts anderes mehr als zweimal Training am Tag, abgesehen von Regenerationstagen. Wir waren viel in Livigno in Italien, um uns an die Höhe zu gewöhnen. Zwischen den Trainingslagern war ich weiterhin in Stuttgart auf den Feldern mit Skirollern unterwegs, zum Schießen auf einem Bauernhof bei Stammheim und zweimal die Woche beim Krafttraining im Olympiastützpunkt.

Während der Pandemie haben deutlich weniger Para-Weltcups stattgefunden. Was hieß das für Ihre Routine?

Ich bin schon so lange dabei und habe viel Wettkampfroutine. Letztes Jahr hatten wir im März zum Glück doch noch zwei späte Weltcups. Ich fühle mich gut vorbereitet und konnte mit gutem Gewissen auf einen Weltcup im Dezember verzichten und trainieren.

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Offenbar mit Erfolg: Nach dem Biathlon-Gesamtweltcup im März 2021 haben Sie bei der Para-Ski-WM im Januar Gold im Biathlon-Sprint und Bronze im Langlaufsprint geholt. Wie sah Ihr Weg seit den Paralympics 2018 aus?

2018 habe ich mir vorgenommen, dass ich es noch einmal besser machen möchte. Da ging es mir gesundheitlich nicht gut, ich konnte zwei Jahre nicht vernünftig trainieren. Ich wollte mir beweisen, dass ich mich körperlich noch einmal auf ein anderes Niveau bringen kann, und ich glaube, das habe ich gut geschafft.

Welche Rolle hat dabei Ihre neue Technik gespielt?

Als es in den letzten Jahre wieder besser lief, hatte ich den Ehrgeiz, auch im Laufen besser zu werden und mich im Biathlon nicht nur auf mein Schießen zu verlassen. Früher dachte ich: Ich muss möglichst wenig auf der Strecke verlieren und dann die Null schießen, dann bin ich vorne dabei. Wir haben analysiert, was ich ändern muss: mehr Geschwindigkeit und eine höhere Frequenz in meinen Bewegungen. Daran habe ich zwei Jahre lang hart gearbeitet, aber es hat sich ausgezahlt. Läuferisch war ich bei der WM nun immer vorne mit dabei und wurde wahnsinnigerweise mit Langlauf-Bronze belohnt. Jetzt kann ich mir auch mal einen Schießfehler erlauben und den Rückstand herauslaufen. Ich finde es schön, dass beides so langsam zu meiner Stärke wird.

Was ist Ihr Ziel für Peking?

Ich will um die Medaillen laufen, das ist klar. Ob ich das schaffe, weiß ich nicht, aber ich will zumindest sagen können: Ich war nicht weit weg und habe die Konkurrenz geärgert.

Wie hat sich die Konkurrenz in Ihren Disziplinen entwickelt? Mit Oksana Masters und Kendall Gretsch gibt es beispielsweise aktuell zwei sehr starke US-Athletinnen.

In den letzten fünf, sechs Jahren ist das Feld extrem zusammengerückt. Die beiden Amerikanerinnen sind eigentlich nur durch ein Wunder zu schlagen, wenn sie in Normalform sind. Es gibt zurzeit sechs bis acht Athletinnen, die aufs Podest laufen können, was eine unglaublich tolle Entwicklung ist. Bei diesem Feld kommt es wirklich auf die Tagesleistung an, man weiß nie, wie es ausgeht, und muss alles geben, auch wenn man sich gegenseitig in- und auswendig kennt.

Sie sind schon lange im Parasport aktiv und nehmen seit mehr als zehn Jahren an internationalen Wettbewerben teil. Wie hat sich der Sport seitdem insgesamt verändert?

Ich war schon 2010 bei den Paralympics in Vancouver im Jugendlager dabei. Da habe ich zum ersten Mal erlebt, wie groß Parasport, wie groß die Paralympics sind. Das Medieninteresse ist seitdem gewachsen. Das Fernsehen kommt nicht mehr nur alle vier Jahre zu den Paralympics, sondern es wurde zur Regel, dass Kamerateams auch bei Weltcups dabei sind und bei der WM sowieso. Das Interesse steigt, und unsere Erfolge werden breiter wahrgenommen.

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Also quasi als selbstverständlicher Teil des großen Wintersport-Zirkus.

Genau, es ist zum Teil schon so, dass manche im Nichtbehindertensport sich unsere Aufmerksamkeit und Übertragungszeiten im Fernsehen wünschen würden. Wir stehen auf jeden Fall nicht mehr in der letzten Reihe. Und wenn Biathlon im Nichtbehindertensport populär ist, schauen sich die Leute das auch als Parasport an, weil sie es spannend finden – oder beeindruckend, wie das für Menschen mit Behinderung funktioniert.

Wer begleitet Sie in Peking?

Zuschauer außerhalb der Mannschaft sind nicht zugelassen. Aber wir sind eine halbe Familie hier in der Mannschaft und das ganze Jahr zusammen unterwegs. Ich habe die Leute um mich, die ich brauche – diejenigen, die sonst bei Wettkämpfen dabei sind, sind jetzt auch da.