Jana Spegel geht in Paris gleich in drei Wettbewerben an den Start – sie kann mit Druck gut umgehen. Foto: Hannes Doesseler

Sie ist 21 Jahre alt, spielt erst seit viereinhalb Jahren Tischtennis – und doch tritt Jana Spegel ab dem 29. August bei den Paralympics in Paris an. Wie hat das „Ausnahmetalent“ das geschafft?

Das Dorf und die Atmosphäre. Die anderen Sportarten und die Wettkampfhalle. Selbstverständlich auch: die schiere Größe der Veranstaltung. Fragt man Jana Spegel, worauf sie sich in den kommenden Tagen von Paris freut, fällt es der jungen Frau durchaus schwer, sich festzulegen. Aber: Natürlich sind die Prioritäten recht klar. Jana Spegel reist zu den Paralympics in die französische Hauptstadt vor allem, um an der Tischtennisplatte zu überzeugen. Was vor gar nicht allzu langer Zeit noch nahezu unvorstellbar war.

 

Zwar spukte die Teilnahme an den Paralympics im Kopf von Jana Spegel in den vergangenen zwei, drei Jahren durchaus als machbare Option herum. „Dass es aber jetzt schon geklappt hat“, gibt sie zu, „hätte ich nicht gedacht.“ Sie hat sich also selbst ein Stück weit überrascht. Wie das möglich war? Beschreibt der Bundestrainer recht gut in wenigen Worten: „Sie ist ein echtes Ausnahmetalent.“

Volker Ziegler ist jedenfalls beeindruckt von dem, was Jana Spegler geschafft hat – seit 2019. Denn erst in diesem Jahr probierte sich die damals 16-Jährige erstmals an der Platte aus. Sie war überredet worden, zu einem inklusiven Trainingstag mitzukommen, nahm den Schläger in die Hand und erinnert sich heute: „Mir hat Tischtennis gleich viel Spaß bereitet.“ Dass sie dabeibleibt, war dennoch erst einmal unklar. Denn es gab da ja noch andere Interessen.

Einst spielte Jana Spegel, die in Stuttgart geboren wurde, Handball. Dann aber bremste sie eine neuromuskuläre Erkrankung mehr und mehr aus, „das Laufen fiel mir immer schwerer“. Seit sie zwölf Jahre alt ist, bestimmt auch diese Krankheit das Leben der heute 21-Jährigen. Auf den Sport aber wollte sie nie verzichten. Sie spielte unter anderem Rollstuhlbasketball, doch nach dem ersten Tischtenniserlebnis ließen die Trainerinnen und Trainer nicht mehr locker. „Sie mussten Überzeugungsarbeit leisten“, erinnert sich Jana Spegel, lacht – und sagt heute: „Ein Leben ohne Tischtennis kann ich mir eigentlich nicht mehr vorstellen.“

Fokus lag eigentlich auf 2028

Die Sportart sei sehr inklusiv, sagt Jana Spegel, „sie ist schnell, und der taktische Aspekt spielt eine große Rolle“. All das, ergänzt sie, „macht Tischtennis so außergewöhnlich“. Ihr Weg in eben dieser Sportart ist es ebenso.

„Außergewöhnlich.“ Genau dieses Wort benutzt auch der Bundestrainer Volker Ziegler, wenn er über die „rasante Leistungssteigerung“ der Stuttgarterin spricht. „Jana ist zwar erst recht frisch dabei“, sagt er, „hat sich aber in kurzer Zeit unheimlich entwickelt.“ Was ein Blick in die Statistik bestätigt.

Deutsche Vizemeisterin in der Jugend 2021. WM-Bronze 2022. EM-Silber 2023. Erfolge, die Jana Spegel in ihrem Glauben bestärkten, es 2028 zu den Paralympics zu schaffen. „Darauf“, sagt sie, „lag eigentlich mein Fokus.“ Seit April aber ist nun klar: Sie ist schon in diesem Jahr in Paris dabei. Oder besser gesagt: permanent mittendrin.

Die Tischtennisspielerin, die für den Club in Frickenhausen spielt, wird in Paris ein ordentliches Pensum abspulen – weil sie gleich in drei Wettbewerben an den Start geht. Im Einzel geht es für sie am 2. September los, im Doppel (mit Sandra Mikolaschek) und im Mixed (mit Paralympics-Sieger Valentin Baus) dagegen gleich am ersten Wettkampftag der Spiele, am 29. August. „Das wird ein straffes Programm“, sagt Jana Spegel – aber damit kennt sie sich ja aus.

Denn trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkung – sie ist mittlerweile komplett auf den Rollstuhl und eine 24-Stunden-Assistenz angewiesen – hat Jana Spegel bisher alle Herausforderungen gemeistert. Ihr Abitur hat sie 2022 an der Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd mit der Note 1,0 abgeschlossen. Zwei Jahre lebte sie dafür im Internat in Heidelberg. Nun wohnt sie wieder in Stuttgart und studiert im vierten Semester Medizintechnik. Ein Studiengang, der Mobilität voraussetzt, da die Vorlesungen und Kurse mal in Stuttgart, mal in Tübingen stattfinden. Zu alldem kommt der Leistungssport. Den Jana Spegel zwar mit allem Elan betreibt, aber auch mit der nötigen Vorsicht.

Muskelkater muss unbedingt vermieden werden

Denn bei ihrer Krankheit gilt: Übertreibt sie es mit der muskulären Belastung, kann das ihre Leistungsfähigkeit unwiederbringlich schädigen. „Ich muss, zum Beispiel, aufpassen, dass ich keinen Muskelkater bekomme“, sagt sie, „denn dann nimmt meine Kraft langfristig ab.“ Schon aktuell kann sie etwa den Tischtennisschläger nicht ohne Unterstützung einer Bandage in der Hand halten. „Es ist“, sagt Jana Spegel zu ihrem sportlichen Leben zwischen Belastung und Regeneration, „immer eine Gratwanderung.“ Diese hinzubekommen sei ihre „größte Herausforderung“.

Als weitere kommt nun das sportliche Highlight in Paris.

In den vergangenen Wochen hat Jana Spegel die TV-Übertragungen der Olympischen Spiele verfolgt – und konnte es manchmal kaum glauben, wenn sie daran dachte: „Genau dort bin ich auch bald.“ Trotz der Erfahrungen bei der WM in Granada und der EM in Sheffield ist sie sicher: „An die Paralympics kommt nichts heran.“ Warum? Da könnte Jana Spegel schon jetzt jede Menge aufzählen. Und danach vermutlich noch viel mehr.