Franziskus bricht Tabuthemen auf – und vor allem ist ihm eines gelungen: Er hat die katholische Kirche vielen Gläubigen wieder näher gebracht. Foto: AP

Sein runder Geburtstag soll ein Tag wie jeder andere sein. Doch zum 80. von Papst Franziskus brodelt es mächtig im Vatikan. Die Gegenbewegung der Konservativen wird immer stärker.

Rom - An diesem 17. Dezember feiert Jorge Mario Bergoglio seinen 80. Geburtstag. Es wird ein Tag wie jeder andere sein, seit er in Fußstapfen des Apostels Petrus als 266. Papst getreten ist. Früh aufstehen, beten, die Heilige Messe zelebrieren, Gäste empfangen, Briefe schreiben. Termine, Termine, Termine.

Für die deutschen Kardinäle Joachim Meisner (83) und Walter Brandmüller (87) wird es wohl kein Jubeltag sein. Die katholische Welt ist ihrer Meinung nach aus den Fugen. Ihr oberster Chef, Oberhaupt von fast 1,3 Milliarden Gläubigen, geht auf wiederverheiratete Geschiedene zu, erlaubt (in Ausnahmefällen) den Gebrauch von Kondomen und schlägt Töne an, die sich ihrer Meinung nach für einen Papst nicht gehören.

Brandbrief der Kardinäle

Die beiden erzkonservativen Kirchenfürsten hatten Papst Franziskus im September zusammen mit Kurienkardinal Raymond L. Burke und dem emeritierten Erzbischof von Bologna, Kardinal Carlo Caffarra, einen öffentlichen Brief geschrieben. In diesem forderten sie in fünf „Dubia“ (lateinisch für Zweifel) vom Pontifex Aufklärung über dessen Schreiben über Familie und Liebe, „Amoris Laetitia“. Franziskus antwortete nicht – zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

Im Kern geht es um die Frage, wie man in der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen umgehen soll und ob sie anders als bisher in Ausnahmefällen (was Papst Johannes Paul II. noch strengstens untersagt hatte) zur Kommunion zugelassen werden dürfen oder nicht. Der Brief sei ein unglaublicher Vorgang, meinen viele. Von einem „schwerwiegender Skandal“ und einer „Ohrfeige“ spricht Pio Vito Pinto, der ehemalige Dekan der Römischen Rota, einem der höchsten Gerichte der katholischen Kirche.

Widerstand gegen den Reformprozess

„So einen direkten Angriff von Kardinälen gegen den Papst hat es noch nie gegeben“, betont Marco Politi. „Und das ist nur die Spitze des Eisberges einer ständig wachsenden Opposition.“ Franziskus erlebe diese Tage in „vollkommener Gelassenheit“, sagt zu den Querelen um den Brief der Franziskus-Vertraute und Ordensbruder Antonio Spadaro Radio Vatikan. „Der Papst weiß sehr gut, dass der Reformprozess der Kirche, wenn er effektiv ist, Spannungen schafft.“ Für den Jesuitenpater Spadaro ist klar, dass „die große Mehrheit der Kardinäle und Bischöfe“ auf der Seite des Papstes steht. „Nur einige wenige leisten Widerstand.“

Franziskus sieht manchmal müde aus, aber an Eifer und Einsatz fehlt es ihm nicht. Auch wenn der Wind, der ihm entgegen bläst, immer rauer wird, der Ton immer schärfer, die Intrigen immer dreister. Zu seinem 80. Geburtstag werden unzählige Glückwünsche im Vatikan eingehen. Aber so beliebt, wie es scheinen mag, ist der Argentinier nicht. Vor allem in den eigenen Reihen formiert sich ernstzunehmender Widerstand.

Der Papst räumt auf

Am 13. März 2013 trat der Erzbischof von Buenos Aires die Nachfolge von Benedikt XVI. an. Schon seine ersten Worte an die auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen waren ungewöhnlich: „Brüder und Schwestern, guten Abend.“ Vom ersten Tag an hat Franziskus die Kirche mit seiner spontanen Art auf den Kopf gestellt. Was wörtlich zu nehmen ist. Der Argentinier stellt sich die Kirche als eine umgekehrte Pyramide vor, die von unten geführt wird und nicht von den Mächtigen da oben in Rom. Dass ihm das Motto von einer „armen Kirche für die Armen“ Ernst ist, zeigen auch seine unzähligen Treffen mit Obdachlosen, Flüchtlingen, Häftlingen, Ausgestoßenen der Gesellschaft.

Was hat der Argentinier seit seiner Wahl nicht schon alles angepackt: Erst mischte er die skandalträchtige Vatikanbank auf, dann schickte er reihenweise enge Berater seines Vorgängers Benedikt XVI. in die Wüste, installierte einen Kardinalsrat als neues Machtorgan und stauchte verdiente Vatikan-Granden zusammen, indem er ihnen „spirituellen Alzheimer“ und Machtallüren vorwarf. Franziskus treibt den interreligiösen Dialog voran, lobt Martin Luther und die Reformation, greift Tabu-Themen wie die kirchliche Sexualmoral an und lässt das Diakonat der Frau prüfen.

Kratzer am öffentlichen Bild des „Super-Mario“

Doch das öffentliche Bild vom charismatischen Erneuerer, progressiven Reformer und tatkräftigen Macher hat Kratzer bekommen, seit Franziskus mit provokanten Äußerungen für Irritationen sorgte. Seine deftigen Worte über Karnickel, Prügelstrafe und Faustschläge haben bei manchen Zweifel an den pontifikalen Führungsqualitäten aufkommen lassen. Die anfängliche Begeisterung über „Super-Mario“ ist zunehmend Enttäuschung und Skepsis gewichen.

Auch wenn zur Enttäuschung vieler bei vielen seiner Reformen bisher keine greifbaren Ergebnisse herausgekommen sind: Zumindest bricht Franziskus Tabuthemen auf. Und vor allem ist ihm eines gelungen: Er hat die katholische Kirche vielen Gläubigen wieder näher gebracht.

In der Kurie und im Episkopat indes rumort es. „Die Gegenbewegung ist ein wenig wie die T-Party in den USA“, sagt Autor Politi mit Bezug auf die konservative politische Bewegung in Amerika. Dabei geht es längst um mehr als nur um die Amtszeit von Franziskus. „Die Bewegung will Einfluss auf die Entscheidung über einen Nachfolger von Franziskus.“

Wie gesund oder krank ist der Papst?

Noch ist Franziskus Papst, warum also über einen Nachfolger sprechen? Die Debatte erinnert an die letzten Monate des Pontifikats von Joseph Ratzinger. Franziskus selbst war es, der das Thema Rücktritt schon zu Beginn seiner Amtszeit auf den Tisch gebracht hatte. Auch er könne sich einen Schritt wie ihn Benedikt tat vorstellen, wenn er zu schwach für das Amt werde, hatte er gesagt.

Franziskus ist ein alter Mann. Wie gesund oder krank er wirklich ist, ist vatikanisches Staatsgeheimnis. In seiner Jugend musste ihm wegen einer Lungenkrankheit ein Teil eines Lungenflügels entfernt werden. Das Mammutprogramm, das er jeden Tag absolviert, deutet nicht darauf hin, dass er schwächelt. Das Geheimnis seiner Energie? Er schlafe wie ein Stein, sagte er unlängst in einem Interview.

Denkt Franziskus an Rücktritt?

Zu seinem Geburtstag wird er wieder im Mittelpunkt stehen, obwohl er, der Bescheidene, am liebsten kein großes Aufheben um diesen Tag machen würde. Franziskus wohnt seit Beginn seines Pontifikats in einem einfachen Appartement im vatikanischen Gästehaus Santa Marta, wo er täglich mit anderen Gästen eine Morgenandacht hält, bevor er zu Fuß in den Palast geht, wo seine Sekretäre wohnen.

Vielleicht geht es auch zünftig zu, so wie beim 88. Geburtstag des emeritierten Papstes Benedikt am 16. April 2015: Damals stieß er mit einem Traunsteiner Hofbräu, das ihm bayerische Gebirgsschützen aus seiner Heimat mitgebracht hatten, auf das neue Lebensjahr an. „Ich freu mich drüber, wie viele Jahre mir der liebe Gott noch schenkt, lieber nicht so arg viele, es ist gar nicht so lustig, im Alter noch so herumzukrabbeln“, sagte Joseph Ratzinger.

Ob Franziskus auch so denkt und innerlich schon auf seinen Rücktritt hinlebt? Es wäre ihm zuzutrauen.

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