Christel Hatwig bei ihrem Ziehvater in Kenia. Oliver Schmidt mit seiner Freundin in Thailand. Foto: privat

Ein Ehepaar aus Eislingen, ein Millionär aus Waiblingen und die Veranstalter des Heavy-Metal-Festivals Wacken Open Air – sie alle führen den gleichen Papierkrieg mit Behördenmitarbeitern, die nicht nach links oder rechts schauen.

Eislingen - Am Samstag ist es soweit: Christel und Hubert Hatwig aus Eislingen feiern ihre Hochzeit – ein Jahr nach der standesamtlichen Trauung geht es mit Familie und Freunden in die Kirche. Dass die beiden so lange gewartet haben, ist Christel Hatwigs Traum geschuldet: Der Mann, der sie als kleines Mädchen bei sich aufnahm und zehn Jahre lang wie sein eigenes Kind versorgte, soll sie zum Altar führen. Die Chancen, dass der Traum der 25-Jährigen wahr wird, stehen schlecht. Denn ihr Ziehvater, Davis Thoya Iha, lebt in Kenia, ihrer Heimat, die sie als 15-Jährige nach dem Schulabschluss verließ, um ihrer Mutter nach Deutschland zu folgen. Seit einem Jahr versuchen die Hatwigs nun schon, ein Visum für den Onkel aus Kenia zu bekommen. Jetzt soll ein Anwalt die Sache auf den letzten Drücker regeln.

Der Waiblinger Immobilienhändler Oliver Schmidt ist sofort zum Anwalt gegangen, als er die Ablehnung des Visumantrags seiner philippinische Freundin Lorna Pangilinan in den Händen hielt. Seit drei Jahren verbringt er jedes Jahr zwei, drei Monate mit ihr in Thailand. Jetzt wolle er sie für ein paar Wochen zu sich einladen. Während die Hatwigs ein Jahr lang versucht haben, es den Behörden recht zu machen, ist Schmidt auf dem Kriegspfad. „Wenn es sein muss, gehe ich bis vor das Verfassungsgericht“, droht der 54-Jährige. Im Gegensatz zu vielen anderen habe er schließlich die nötigen finanziellen Mittel.

Die Behörden wollen ganz sichergehen

Wie die Hatwigs hat auch er eine Verpflichtungserklärung unterschrieben, die ihn für alle Kosten, die durch den Besuch entstehen würden, verantwortlich macht. Selbst wenn seine Freundin das Waiblinger Rathaus in Brand stecken würde – er müsste für die finanziellen Folgen aufkommen. Wie die Hatwigs hat auch er eine Haftpflicht- und eine Krankenversicherung für seine Freundin abgeschlossen, wie die Hatwigs würde auch er sämtliche Reisekosten, die Unterkunft und die Verpflegung für seinen Gast finanzieren. Allein, der Bürokratie ist das noch nicht genug. Denn die Behörden wollen ganz sichergehen, dass Besucher aus armen Ländern Deutschland auch wieder verlassen.

Das mussten jetzt auch die Veranstalter des Metalfestivals Wacken Open Air feststellen, das zurzeit läuft. Sie hatten die kambodschanische Metalband Doch Chkae zu dem Festival eingeladen und sich ebenfalls bereit erklärt, für alle Kosten aufzukommen. Drei der vier Bandmitglieder seien als Waisenkinder im Heim aufgewachsen und hätten es geschafft durch die Musik in ein normaleres Leben zu finden, erzählte der Sozialarbeiter Timon Seibel von der Nichtregierungsorganisation Moms Against Poverty der Deutschen Presse-Agentur. Er kennt die jungen Musiker eigenen Angaben zufolge bereits seit einigen Jahren. Der Startschuss sei ein gemeinsamer Besuch eines Metal-Konzerts gewesen, woraufhin die Waisenkinder die Band gegründet hätten. Der Name bedeute ins Deutsche übersetzt Hundeleben.

Geprüft und entschieden wird meist streng nach Schema F

Das Konzert sollte für die jungen Musiker, die in Asien eine gewisse Bekanntheit erreicht haben, die Erfüllung eines Traums werden. Doch die zuständige Botschaft bescheinigte den Waisen, die ihre Musik zum Teil durch Müll sammeln finanziert haben, in ihrer Heimat nicht ausreichend ökonomisch verwurzelt zu sein, um eine positive Rückkehrprognose zu stellen.

Die Regeln, denen die Behörden bei der Vergabe von Visa folgen, gelten im Grunde für den gesamten Schengenraum. Wie die Vorgaben ausgelegt werden, liegt freilich bei den einzelnen Mitarbeitern. Aus Sicht von Schmidts Anwalt, dem Stuttgarter Verwaltungsrechtler Steffen Waitzmann, liegt das „Hauptproblem darin, wie die Botschaften versuchen, die Verwurzelung der Antragssteller in ihrer Heimat zu prüfen“: Die Mitarbeiter der deutschen Botschaften stellen Standardfragen zu den familiären, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Antragsstellers, etwa, ob dieser verheiratet ist, Kinder hat, einen Job oder Grundbesitz. „Das bedeutet natürlich, dass jemand, der jung, unverheiratet und kinderlos ist, von vorneherein kaum eine Chance hat.“ Ähnlich sieht es aus, wenn die Antragssteller keine gut dotierte Arbeitsstelle und kein Grundeigentum besitzen. Waitzmann hält diese Vorgehensweise für „problematisch“. Denn die Behörden übersähen dabei leicht wichtige Details. So ist Oliver Schmidts Freundin zwar nicht verheiratet und hat keine Kinder. Dafür ist sie sehr eng mit ihren Eltern und Geschwistern verbunden, studiert und baut – mit Schmidts finanzieller Hilfe – zurzeit ein Haus.

Christel Hatwig hofft auf einen Last-Minute-Flug

„Die wäre ja verrückt, wenn sie hier untertauchen würde“, sagt Schmidt deshalb. Statt legal mit ihm durch die Welt zu reisen, müsste sie in der Illegalität leben, könnte nicht mehr studieren, ihre Familie nicht sehen. . . Ganz besonders empört Schmidt, dass die Behörden seine Freundin nicht ins Land lassen, „obwohl ich ja sowieso für alles aufkommen würde. Der Staat hat ja keinerlei Risiko.“ Auch Waitzmann ist der Ansicht, dass dies in die Bewertung der Behörden einfließen müsste.

Fürs Erste geht Waitzmann den gleichen Weg wie der Anwalt der Hatwigs: Beide haben Einspruch erhoben. Waitzmann weist auf das Studium und den Hausbau seiner Freundin hin. Der Anwalt der Hatwigs führt an, das Davis Thoya Iha eine Immobilie besitzt und seine Neffen bei sich aufgenommen hat. Er zieht sie groß, wie er einst Christel Hatwig großzog, die jetzt davon träumt, dass die Behörden noch ein Einsehen haben und ihr Ziehvater mit einem Last-Minute-Flieger nach Deutschland kommt, um sie zum Altar zu führen. Bis jetzt liegt noch keine Antwort der Botschaft in Nairobi auf den Einspruch vor.

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