Kein Grund zur Panik: Es handelt sich nur um einen Wintereinbruch, meint unser Redakteur Jan-Philipp Schlecht.
Das Thermometer zeigt – oh mein Gott! – Minusgrade im Januar. Auf den Wiesen liegen – maximale Vorsicht! – ein paar Zentimeter Neuschnee. Und der Wetterbericht kündet von – jetzt aber wirklich ganz arg aufpassen! – weiteren Schneefällen. So weit hat uns der Klimawandel schon gebracht, dass ein mehr oder weniger normaler Wintereinbruch in manchen Medien schon zur Tragödie nationalen Ausmaßes hochstilisiert wird.
So übertrieb es eine ohnehin für ihre Übertreibungen bekannte Boulevardzeitung wirklich komplett, als sie am Donnerstag in fetten Lettern titelte: „Lebensgefahr! Ab heute Abend zuhause bleiben.“ Ein todbringender Blizzard sei im Anmarsch. Am nächsten Tag wütet dann auf der Titelseite schon die „Schneehexe Elli“ und legt das halbe Land lahm. Und nicht nur der Boulevard, auch mehr oder weniger seriöse Online-Medien machen aus einem Schneegestöber gern gleich eine monströse „Schneewalze“, die unerbittlich über uns hinwegfegt und das Land in eine polare Eiswüste verwandelt.
Jetzt mal ganz langsam, liebe Kollegen der schreibenden Zunft: Das, was da wahlweise als todbringende „Schneewalze“ oder gar „Schneehexe“ zum eisigen Dämon gemacht wird, nannte man bis vor Kurzem schlicht und ergreifend: Winter. Es mag ja sein, dass die kalte Jahreszeit zuletzt immer weniger Schnee brachte und auch nur vereinzelt Minusgrade. Aber angesichts eines niederschlagsreichen Tiefdruckgebiets gleich Todesängste zu schüren, geht doch entschieden zu weit.
Und dabei soll es hier nicht darum gehen, reale Gefahren klein zu reden. Sicher ist es richtig, dass man Vorsorge trifft und etwa der Bahnverkehr eingeschränkt wird, wo es notwendig und sinnvoll ist. Oder Warnhinweise an die Bevölkerung rausgehen. Und es ist auch klar, dass „Elli“ uns in Baden-Württemberg bisher verschont hat und wir von hier aus gelassener auf die Dinge blicken können als im Norden, wo es tatsächlich heftiger stürmt. In schwäbischen Gefilden herrscht gerade eher Tauwetter, die Lage auf den Straßen ist ruhig und die Bahnen fahren auch nicht viel unpünktlicher als sonst. Umso unverständlicher daher, dass die kollektive Schneepanik hier ebenso um sich greift.
Der Spiegel füllt einen eigenen „Snowblog“
Das Nachrichtenmagazin Spiegel springt genauso auf den Zug auf, befüllt einen „Snowblog“. Wer den liest, erfährt aber nichts für den Winter Unnormales: Glatteis-Unfälle, gesperrte Bahnstrecken, gestrichene Flüge und ein abgesagtes Fußballspiel. Dazu eilends recherchierte Tipps, die nicht einer gewissen Komik entbehren: „Wenn Finger, Nase und Ohren stundenlang ohne Schutz Minusgraden ausgesetzt sind, drohen Erfrierungen.“ Ja, sieh mal einer an. Griff man früher bei Kälte zu Handschuhen, Mütze und Schal, braucht es jetzt schon die medizinische Aufklärung durch einen Facharzt.
Nur unter ferner liefen ordnet Meteorologe David Menzel vom Deutschen Wetterdienst dann die Lage treffend ein: „Es ist ein winterlicher Sturm und – wenn man das große Ganze betrachtet – nichts sonderlich Außergewöhnliches.“ Das klingt zum ersten Mal vernünftig.
Zumal es in unserem Land ja durchaus Routine im Umgang mit Schnee und Eis gibt, wie der Blick in die gut laufende Maschinerie der Winterdienste im Kreis Böblingen zeigt. Diese heimlichen Helden in Orange, die oft schon Kilometer über Kreis-, Landes- und Bundesstraßen schrubben, wenn die Mehrheit der Menschen noch in den Federn liegt. Morgens sind die wichtigsten Straßen durch ihre Arbeit oft schon eisfrei. Dank des Winterdienstes kann der Schnee gerne kommen und wir uns an der weißen Pracht erfreuen – anstatt in kollektive Panikmache und grundlose Hysterie zu verfallen.