Die Allgemeinärztin Annette Theewen befindet sich seit Pandemiebeginn im Dauerstress. Und weil Ärzte fehlen, wird sich das so schnell kaum ändern. Ein Gespräch über Politik, Bürokratie und Leidenschaft.
Die Quarantäne bei positivem Coronatest wird aufgehoben, Masken muss man kaum mehr tragen. Doch von Normalität sind die Hausärzte noch weit entfernt – und die Patienten ebenso. Der Blick, den Annette Theewen, Allgemeinärztin in Sindelfingen und die Pandemiebeauftragte des Kreises Böblingen, in die Zukunft wirft, macht zumindest wenig Hoffnung: Die medizinische Versorgung im Landkreis, sagt sie, sei längerfristig nicht gesichert.
Frau Dr. Theewen, die Pandemie ist vorbei – für mich und die meisten Menschen im Land. In Ihrer Praxis besteht noch Maskenpflicht. Warum?
Eine Pandemie ist eine weltweite Ausbreitung einer Infektion. Ob diese vorbei ist, muss fachlich und politisch überdacht werden. Corona jedoch beschäftigt uns in unserer Praxis täglich, da immer noch viele Patienten positiv sind und viele auch mit einem relativ schweren Verlauf. Dabei sind auch junge Leute betroffen, die wochenlang müde und erschöpft sind. Wir in der Praxis schützen uns, indem wir und die Patienten weiter Maske tragen. So habe ich es geschafft, mich bisher nicht zu infizieren.
Wie sehen Sie die Aufhebung der Isolationspflicht bei Corona-Positiven ohne Symptome?
Das ist eine politische Entscheidung. Allerdings bedeutet wenig Symptome bei Infektion ja nicht, dass man nicht ansteckend ist. Bedenken müssen wir die wirtschaftlichen Folgen, wenn ständig viele Leute wegen einer Coronainfektion zu lange im Beruf ausfallen. Ich persönlich denke, dass wir an einem Punkt sind, wo jeder für sich selbst entscheiden muss, wie er sich und andere im Alltag schützen möchte. Wie bei anderen Erkrankungen gilt: Wer krank ist, sollte niemanden anstecken und Kontakte meiden. Wir müssen lernen, mit Corona zu leben. Und zum Leben gehört auch, mal in ein Konzert zu gehen oder ins Theater. Wir können uns nicht ständig isolieren. Auch das führt zu Schäden im sozialen Miteinander der Bevölkerung. Ich denke, dass die meisten Menschen wissen, wie sie sich schützen können. Wer zum Beispiel eine Reise plant, achtet ja auch darauf, sich nicht kurz vorher noch zu infizieren und meidet deshalb den Besuch größerer Veranstaltungen oder trägt Maske.
Raten Sie zur vierten Impfung?
Ich halte mich an die Impfempfehlung der Stiko. Die sieht eine zweite Booster-Impfung für Menschen über 60 und bestimmte Risikogruppen vor. Eine Impfung ist immer eine individuelle Sache. Ich schaue mir den Patienten und seine Krankengeschichte genau an und entscheide dann. Es kommt auf viele Umstände an: den Beruf, das Umfeld, die Vorerkrankungen.
Wie hat Corona Ihre Arbeit verändert?
Corona hat unsere gesamte Arbeit auf den Kopf gestellt. Da gab es verschiedene Phasen. Anfangs haben die Menschen unsere Praxen gestürmt, weil sie widersprüchliche Informationen hatten, die Angst gemacht haben. Dann kam die Zeit, in der wir versucht haben, die Menschen vom Impfen zu überzeugen. Es wurde vor allem politisch propagiert, um damit Corona besiegen oder Ansteckungen verhindern zu können.
Sie haben das anders gesehen?
Zumindest wurde medizinisch gesehen schnell klar, dass eine Impfung Ansteckungen nicht komplett verhindert. Aber es zeigte sich, dass sie schlimmere Verläufe verhindern kann. Das ist ja auch bewiesen. Wir haben kaum noch Krankenhauseinweisungen für Corona-Patienten. Aber diese Diskrepanz zwischen politischen Aussagen und der fachlichen Realität hat uns allen geschadet.
Inwiefern?
Die Menschen sind durch die Corona-Krise und jetzt noch den Ukraine-Krieg und die Energiekrise enorm verunsichert. Ich merke das ganz konkret in meiner Praxis. Die Leute kommen öfter und fragen sehr genau nach. Es ist Vertrauen verloren gegangen.
Warum?
Ich formuliere mal so: Es wäre wünschenswert, wenn politische Statements und Entscheidungen auf allen Ebenen im Konsens mit fachlich kompetenten Ratgebern getroffen würden und gemeinsam getragen und kommuniziert werden könnten.
Viele Ärzte klagen über eine starke Belastung durch Grippefälle, die nach zwei Jahren Pause nun gehäuft auftreten. Wie ist die Situation im Moment?
Ich beobachte, dass früher eher harmlose Infekte, zum Beispiel Magen-Darm-Erkrankungen, nun länger dauern und die Leute deshalb länger ausfallen. Das hat sicher damit zu tun, dass wir wegen Isolation und Maskenpflicht in den vergangenen Jahren wenig Kontakt mit diesen Viren hatten. Weitaus ernster ist aber, dass viele Menschen notwendige Kontrolluntersuchungen während der Pandemie rausgeschoben haben. Wenn sie jetzt zu uns kommen, entdecken wir häufig schlimme Erkrankungen und oft ist es dann schon spät für eine Behandlung.
Welche anderen Auswirkungen hatte Corona auf ihre Arbeit?
Die Belastungen durch die Pandemie in den vergangen zwei Jahren waren so hoch, dass Mitarbeiter abgesprungen sind. Das betrifft viele Krankenhäuser und Arztpraxen, aber auch andere Betriebe. Auch bei uns hat eine Mitarbeiterin nach vielen Jahren gekündigt. Und neue qualifizierte Leute zu finden, ist sehr schwierig.
Sie aber halten weiter durch?
Ich bin mit großer Leidenschaft Ärztin und möchte das noch möglichst lange weiter machen. Unsere Arbeit wird aber sehr erschwert durch ständig neue Verordnungen der Politik und der Krankenkassen. Wir bekommen fast jeden Monat neue Formulare der Kassen, neue Vorschriften und Abrechnungsziffern der Kassenärztlichen Vereinigung, die wir umsetzen und in unsere EDV-Systeme einpflegen müssen. Das kostet sehr viel Zeit, die ich dann nicht für meine Patienten habe. Aktuell zum Beispiel haben wir ja die Krankmeldungen, die nun online an die Kassen geschickt werden müssen, nicht mehr durch den Patienten oder Sammelpost. Das erleichtert den Kassen die Arbeit. Für uns aber bedeutet es jeden Abend eine halbe Stunde zusätzliche Arbeit. Diese Zeit würde ich lieber meinen Patienten widmen.
Sie sind auch in der Ärztekammer aktiv.
Ja, das ist wichtig, um unsere Interessen und die unserer Patienten zu vertreten. Sehen Sie, wir haben ein echtes Problem: Wir haben nicht genug Ärzte und die, die wir haben sind überlastet. Es fehlen vor allem Haus- und Kinderärzte. Im Kreis Böblingen ist der Mangel schon gravierend. Neuzugezogene Bürger finden häufig keinen Arzt mehr, der sie aufnimmt.
Woran liegt das?
Das liegt an den vielen Vorschriften und Schwierigkeiten, eine Praxis eigenständig zu führen. Wir haben eine Überregulierung. Junge Ärzte haben Angst, eine Praxis zu übernehmen, weil es viele Fallstricke außerhalb ihrer medizinischen fachlichen Tätigkeit gibt.
Zum Beispiel?
Nehmen Sie das Budget, das jeder Arzt für jeden Patienten hat. Wir dürfen nur eine bestimmte Menge an Medikamenten verschreiben, die die Kasse zahlt. Aber wir haben kein System, das uns sicher erlaubt, das zu kontrollieren. Unter Umständen können hohe Zahlungen auf die Praxis zukommen. Das kann eine Praxis wirtschaftlich hart treffen. Wir müssen unbedingt wieder dahin kommen, dass ein Arzt weniger Bürokratie und dafür mehr Zeit für den Patienten hat. Das gilt im übrigen für alle medizinische Berufe wie Pflege, Krankenhäuser und Praxen.
Was muss sich ändern?
Reduktion des bürokratischen Aufwands, neue Vorschriften und Formulare höchstens einmal pro Jahr. Wir Ärzte brauchen mehr Zeit, um uns unserer Aufgabe zu widmen: Patienten zu behandeln und zu betreuen.
Engagierte Medizinerin
Person
Annette Theewen stammt aus dem Harz in Niedersachsen. Sie studierte Medizin in Köln und arbeitete dort anderthalb Jahre in der Chirurgie. Ihre Facharztausbildung zur Allgemeinärztin beendete sie in Böblingen. 1993 gründete sie gemeinsam mit dem Arztehepaar Kadauke eine Praxis in Sindelfingen, die sie seit dem Ausscheiden des Paares vor fünf alleine führt. Sie beschäftigt zwei Ärztinnen und fünf Fachangestellte.
Ämter
Theewen ist Mitbegründerin der Notfallpraxis am Sindelfinger Krankenhaus. und die Pandemiebeauftragte des Kreise.