Kajal und Shapur sind asiatische Löwen. Weltweit gibt es nur noch 500 ihrer Art. Bis jetzt blieben sie in der Wilhelma von Corona verschont. Foto: dpa/Bernd Weissbrod

In der Wilhelma in Stuttgart war in den vergangenen zwei Jahren noch kein Tier mit Corona infiziert. Im belgischen Antwerpen hat es zwei Flusspferde erwischt. Ein beunruhigendes Zeichen, finden Zoologen.

Stuttgart - Der Tierarzt im Zoo in Antwerpen war beunruhigt. Das 14-jährige Nilpferd-Weibchen Imani und seine 41 Jahre alte Mutter Hermien schienen erkältet, „die hatten ordentlich Schnodder“, erzählt Thomas Kolpin, der Direktor der Wilhelma in Stuttgart. Den Nasenschleim wollte der belgische Veterinär Anfang Dezember genauer unter die Lupe nehmen und auf Bakterien untersuchen, aber auch auf Covid-19. Der Ausgang überraschte selbst Experten: beide Nilpferde waren positiv.

 

Die Pandemie erreicht Paarhufer

Bisher habe es in Zoos „ganz viele Fälle“ von infizierten Tieren gegeben. Vor allem Großkatzen wie Tiger und Löwen sowie Primaten wie Menschenaffen führt Kölpin an. „Doch bisher dachten wir ja, Corona betrifft nur Tiere, die sich in einer Linie mit der von uns vermuteten Infektionsfolge befinden, also dass ursprünglich Fledermäuse Träger des Coronavirus waren, das vermutlich über ein Raubtier, vermutlich über Marderhunde, auf den Menschen übertragen worden ist. Jetzt hat es auch Paarhufer erreicht, eine Tierart, die man bisher nicht für ein Reservoir von Coronaviren gehalten hat.“

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Ein Reservoir ist ein Lebewesen, welches den Erreger trägt und weiter geben kann. Nach dem ursprünglichen Reservoir Tier war der Mensch das sekundäre. Wenn das Virus aber nun auf eine andere Tierart überspringt und dort zirkuliert, entsteht ein zusätzliches Reservoir, ein tertiäres, wie Wissenschaftler es nennen.

Ausbreitung kann Fahrt aufnehmen

„Wenn man das Flusspferd verwandtschaftlich einsortiert, ist es als Paarhufer nahe bei Schweinen und bei Rindern. Also könnten wir es auch in unserer Nutztierhaltung bei Milliarden von Rindern und Schweinen mit Corona zu tun bekommen, wenn die sich tatsächlich über den Menschen anstecken könnten“, erläutert der Chef des zoologisch-botanischen Gartens. „Dann hätten wir ein großes Problem, denn das könnte die Generationenfolge beschleunigen und Mutationen vermehren.“

Kölpin sieht im Moment allerdings keine Gefahr, dass es in den Beständen zu einem Ausbruch kommen könnte. Horst Wenk, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbands Baden-Württemberg, sagt: „In der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung ist das Thema präsent, hat aber in der Praxis derzeit keine Relevanz.“ Das Friedrich-Loeffler-Institut, auf dessen Expertise sich das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft stützt, bestätigte im Jahr 2020 das Vorkommen von Coronaviren bei Heim- und Nutztieren, diese seien allerdings „von den Erregern der schweren respiratorischen Erkrankungen des Menschen deutlich zu unterscheiden“. Nachgewiesen haben die Forscher im Lauf der Pandemie jedoch, dass Schweine, Rinder und Geflügel resistenter gegen Sars-CoV-2 seien als beispielsweise der Weißwedelhirsch.

Schweine sollen resistenter sein

Hirsche in Amerika infiziert

Das Wildtier lebt in Nordamerika und in Kanada. Bei 40 von 380 getesteten Exemplaren ist in diesem Herbst das Virus nachgewiesen worden. „Die Weißwedelhirsche sind dort natürlich nah dran an den Rindern. Möglicherweise können sich also große, vielleicht sogar alle Säugetiergruppen infizieren und das Virus hin- und herübertragen. Wildtiere halten sich nun mal nicht an Lockdowns“, sagt Thomas Kölpin. Ungeklärt sei der Übertragungsweg auf Wildtiere. „Über Jäger? Über Jagdhunde? Ein Rätsel, das man aufklären muss.“

Bisher kein Infekt bei Wilhelmatieren

In Zoos habe man mehrfach Infektionswege verfolgt. Bisher sei das Virus nur von Pflegern auf Tiere übertragen worden, nie von Tieren auf Pfleger. „Wir achten deshalb darauf, dass der Abstand zwischen Besuchern, Pflegern und Tieren stimmt und die Maskenpflicht eingehalten wird. Bisher hatten wir keinen einzigen Infektionsfall bei den Tieren.“ Das hätten die Nasenproben ergeben, die bei Tieren gemacht worden seien, wenn sie wegen tierärztlicher Behandlung unter Narkose standen oder nachdem ein Tier gestorben war. Denn kein Tier lässt sich unsediert in der Nase herumstochern.

Pfleger setzen Schutzbrillen auf

Entwarnung gibt Thomas Kölpin in zweierlei Hinsicht: Beim heimischen Rotwild, Damwild, Rehwild und Schwarzwild sei das Virus noch nicht aufgetreten. „Selbst bei einem Hirsch auf dem Teller, der Corona hatte, wird man sich nicht anstecken.“

Das Nilpferdhaus in Antwerpen ist nach dem positiven Coronatest bei den beiden Flusspferddamen für die Öffentlichkeit geschlossen worden. Zum Schutz aller tragen die Pfleger jetzt Sicherheitsbrillen und Atemmasken und müssen ihre Schuhe desinfizieren, wenn sie zu den Tieren ins Gehege steigen. Was ein Massenausbruch bedeuten würde für die Wilhelma, kann man sich ausmalen.

Viren weltweit

Massives Phänomen
Nach Schätzungen des Bundesinstituts für Tiergesundheit schlummern zwischen 300 000 und einer Million bislang unbekannte Viren allein im Bereich der Säugetiere. Bei einem Teil besteht die Gefahr, dass sie auf den Menschen übergehen können.

Neue Erreger
2011 ist das Schmallenberg-Virus entdeckt worden, das zuvor weltweit noch nie beschrieben worden war. Für Menschen ist es nicht gefährlich, aber es hatte sich innerhalb weniger Monate über ganz Europa bei Wiederkäuern ausgebreitet. Das Bunthörnchen-Bornavirus wurde 2015 entdeckt. Es kann bei Pferden, Schafen und Menschen zu Infektionen des Gehirns und zu schweren, oftmals tödlichen Gehirnentzündungen führen.

Bekannte Erreger in neuer Dimension
2020/21 bracht die größte jemals in Deutschland dokumentierte Geflügelpest aus. Die Afrikanische Schweinepest wurde 2007 von Afrika nach Georgien eingeschleppt und hat sich seither nach Osten, aber auch nach Osten bis nach Deutschland verbreitet. 2018 wurde das West-Nil-Virus erstmals in Mitteldeutschland nachgewiesen. Es wird durch Zugvögel von Afrika, Indien, Israel, der Türkei und Nordamerika in die Mittelmeergebiete und nach Europa gebracht und durch Stechmücken übertragen. Auch die Ausbreitung und Population exotischer Stechmücken wie der Tigermücke nimmt stark zu in Europa.

Stand der Coronapandemie
Am 31. Dezember 2019 meldet China die ersten Fälle einer mysteriösen Lungenkrankheit der Weltgesundheitsorganisation WHO. Fast zwei Jahre Später, am 28. Dezember 2021, lag die Zahl der bestätigten Coronainfektionen laut WHO weltweit bei 280 119 931 Fällen, davon sind 5,4 Millionen Menschen gestorben. czi