Der Virologe Christian Drosten hält die Pandemie in Deutschland für beendet. Doch was bedeutet das? Kann jetzt sofort Schluss sein mit allen Vorsichtsmaßnahmen? Nein, kommentiert Politik-Redakteur Tobias Peter.
Es gibt Schüler, die überhören es meist gern, wenn es zu Beginn der Stunde läutet. Sie haben dafür aber ein überaus sensibles Gehör für das Klingeln zum Stundenende. Diejenigen, die sich an den Einlassungen des Virologen Christian Drosten oft gestoßen haben, dringen nun besonders laut darauf, seine Worte müssten unmittelbare Folgen haben. Denn Drosten hat gesagt, nach seiner Einschätzung sei die Coronapandemie in Deutschland vorbei.
Müssen jetzt alle Ampelmaßnahmen schnellstens fallen, wie es die FDP fordert? Oder wäre das leichtsinnig, wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) warnt? Drosten ist einer der weltweit führenden Experten auf dem Feld der Coronaviren. Seine Worte sind nicht die Zehn Gebote – aber sie haben Gewicht. Gerade deshalb ist es wichtig, hinzuhören, was er genau gesagt hat.
Droht eine böse Überraschung?
Drosten führt im Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ aus, er erwarte, dass es in Deutschland nach dem Winter eine so breite und belastbare Bevölkerungsimmunität geben werde, dass im Sommer „kaum noch ein Virus durchkommen“ könne. Es sei denn, es gebe „eine böse Überraschung, einen weiteren Mutationssprung“. Doch damit rechne er nicht mehr.
Es stimmt optimistisch, wenn einer, der stets zur Vorsicht gemahnt hat, ein Licht am Ende des Tunnels sieht. Nur: Sowohl Drosten als auch Gesundheitsminister Lauterbach weisen mit großem Recht darauf hin, dass die Krankenhäuser und auch die Intensivstationen momentan personell am Limit sind – durch Atemwegsinfektionen einschließlich Covid-19.
Nicht auf einen Schlag alles vorbei
Das Ende der Pandemie: Diese Aussicht bedeutet eben nicht, dass auf einen Schlag mit Corona alles vorbei ist. Es kommt nur nicht mehr zu einer exponentiellen Vermehrung des Virus. Fraglos spricht damit alles dafür, dass die verbliebenen Coronabeschränkungen innerhalb der kommenden Monate auslaufen sollten. Denn in einer demokratischen Gesellschaft dürfen solche Freiheitsbeschränkungen nur der gut begründete Ausnahmefall sein.
Allein: Die Lage in den Kliniken ist so angespannt, dass es dumm wäre, von jetzt auf gleich alle Vorsicht fahren zu lassen. Die wenigen verbliebenen Maßnahmen sind im Infektionsschutzgesetz ohnehin bis Anfang April limitiert – und in vielen Fällen können die Länder entscheiden, welche Maßnahmen sie noch nutzen wollen.
Ist die Maskenpflicht für Besucher in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ein so großer Freiheitseingriff, dass sie über diesen Winter nicht mehr zumutbar wäre? Nein, das bisschen Lästigkeit sollte uns der Schutz von Alten und Kranken in der Übergangszeit wert sein. Und ja, das Tragen einer Maske im ICE nervt – aber es lässt sich noch ein wenig aushalten, wenn wir so sicherer über den Winter kommen.
Der Blick nach China
Über den Rest an Krisenmanagement hinaus liegen vor Deutschland jetzt zwei Herausforderungen. Der Blick nach China zeigt, dass die Lage in Deutschland stabil, aber in anderen Teilen der Welt sehr wohl noch hochgefährlich ist. Die Bundesregierung muss also prüfen, was sie – im Bündnis mit anderen – noch tun kann, damit anderswo noch mehr geimpft wird. Eine neue, gefährliche Mutation ist umso unwahrscheinlicher, je weniger das Virus zirkuliert.
Die Menschen in Deutschland wiederum sollten sich fragen, was sie in der Pandemie für die Zeit danach gelernt haben. Die Zeit von Umsicht und Rücksichtnahme muss ja nicht unbedingt vorbei sein. Gute Hygiene sollte der Standard bleiben. Eine Maske kann man, wenn sinnvoll, auch mal freiwillig aufsetzen. Und: Wer krank ist, sollte zu Hause bleiben. Wenn wir diese Lehren aus der Pandemie mitnehmen, ist schon viel gewonnen.