Familie Degen aus Alfdorf im Rems-Murr-Kreis hat beim zweiten Kind auf Stoffwindeln umgestellt und würde es nicht mehr anders machen – vor allem, aber nicht nur wegen der Umwelt.
Beim ersten Kind hatten Philipp und Florence Degen, die jeder Fleur nennt, gerade erst beschlossen, dass sie jetzt mal langsam mit der Familienplanung anfangen wollen, da war Fleur auch schon schwanger. Zeitgleich musste noch das Eigenheim fertig werden und es gab jede Menge zu organisieren und zu planen. Viel Zeit zum Nachdenken blieb da nicht. „Es ging alles so schnell, dass ich gar nicht richtig reinwachsen konnte in die neue Lebensphase.“
Auf die Idee, nicht mit herkömmlichen Wegwerfwindeln zu wickeln, wäre die 33-Jährige bei ihrem mittlerweile dreijährigen Sohn deshalb gar nicht gekommen. Doch beim zweiten Kind war sie schon sehr viel routinierter und hatte genügend Zeit, sich mit dem Thema ausgiebig auseinanderzusetzen. Mit dem Ergebnis, dass die 16 Monate alte Tochter quasi von Anfang an nur mit Stoffwindeln gewickelt wurde und Fleur so überzeugt ist, dass sie es nicht mehr anders machen würde. „Sollte noch ein drittes Kind kommen, würde ich sofort zu Stoffwindeln greifen“, sagt die Frau, die mit ihrem Mann und den Kindern in Alfdorf wohnt.
Die junge Mutter will durch Stoffwindeln wenig Müll produzieren
Hauptsächlich der Umweltaspekt war es, der die junge Mutter davon überzeugt hat, nicht mehr mit Wegwerfwindeln zu wickeln. „Da entstehen Unmengen an Müll“, sagt Fleur Degen und betont, dass das Ganze längst nicht mehr nur was für Randgruppen sei. „Das Thema muss raus aus der Ökoecke. Mit dem Vorurteil, dass nur vegane Birkenstockträger Stoffwindeln benutzen, will ich aufräumen.“
Wer die Familie in ihrem Eigenheim mit dem an freie Felder und Wald angrenzenden Garten besucht, der glaubt ihr. Fleur Degen wirkt wie eine ganz normale Mutter, es gibt auch Plastikspielzeug, und die Ernährung ist so vielseitig, wie es mit Kleinkindern nun mal ist. Einzig die Kleidung des einjährigen Mädchens könnte ein Indiz dafür sein, dass die Familie schon sehr auf Biomaterialien achtet, denn das aufgeweckte sechzehn Monate alte Kind trägt Wolle und Selbstgenähtes, aber da heiligt der Zweck wohl die Mittel. „Ich bin schon ein wenig als Ökospezialistin verschrien, aber ich nähe die Kleidung gern, will da jetzt auch ein Gewerbe anmelden, und wenn weniger Chemie drin ist und die Sachen länger halten, dann müsste das doch für jeden interessant sein – öko hin oder her.“
Ihrem Mann und ihr sei es einfach wichtig, überlegt und nachhaltig zu handeln. Sie würde niemanden verurteilen, der mit Wegwerfwindeln wickle, wünsche sich aber ein bisschen mehr Toleranz. „Philipp war auch skeptisch, weil er das Gefühl hatte, dass ich mir mit den Stoffwindeln mehr Arbeit aufbürde, denn man muss mehr waschen, aber davon abgesehen überwiegen einfach die Vorteile“, sagt Fleur Degen. So sei es eine Geldersparnis, trotz des größeren Wäscheaufkommens. Zudem würden die Stoffwindeln deutlich seltener auslaufen. „Und Kinder, die mit Stoffwindeln gewickelt werden, sind schneller trocken, weil das Körpergefühl nicht unterdrückt wird, sondern sie spüren, wenn sie nass sind.“ Wegwerfwindeln würden dagegen so arbeiten, dass sie die Nässe aufsaugen, damit das Kind sich nicht unwohl fühle und Eltern eine ruhige Nacht hätten.
Stoffwindel versus Wegwerfwindel: Fleur Degen ist entspannt im Umgang
Das Argument mit der ungestörten Nachtruhe kann die Notarfachwirtin in Elternzeit übrigens nur zu gut nachvollziehen und plädiert für einen entspannten Umgang ohne Dogmen. „Es spricht doch nichts dagegen, wenn man gerade nachts oder auch wenn man unterwegs ist oder das Kind krank ist, eine Wegwerfwindel nutzt. Es geht um das generelle Bewusstsein und nicht darum, dass keine Ausnahmen gemacht werden dürfen.“ Ausnahmen fände bestimmt auch der Kreis nicht schlimm, der das Thema seit Neuestem mit maximal 100 Euro pro Kind bezuschusst. Damit will die Abfallwirtschaft Rems-Murr-Familien und Inkontinenzbetroffene dazu bewegen, Einwegprodukte gegen Mehrwegwindeln zu tauschen. Konkret heißt das: Wer im Rems-Murr-Kreis wohnt und Mehrwegwindeln kauft, bekommt 50 Prozent der Anschaffungskosten zurück.
Fleur Degen hat sich sehr gefreut, als sie von dem Zuschuss erfahren hat. „Anderswo hatte ich davon längst gehört, daraufhin hatte ich mich auch erkundigt. Gut, dass es jetzt auch hier mehr im Fokus ist und gefördert wird.“ Und was ist mit den Feuchttüchern, die gerne zum Säubern genutzt werden? Die seien komplett unnötig und vermeidbar. „Wir nehmen kleine Waschlappen, die danach in die Waschmaschine kommen.“ Beim Thema Waschen würde wie generell bei dem Thema viel an Vorurteilen und Unwissenheit umhergeistern. „Das Meiste davon ist Blödsinn. Aufklärung ist dringend nötig. Die Windeln bestehen aus einer Windelhose und einem Einsatz oder einer Einlage. Wenn was drin ist, kann ich die Einlage säubern oder unter die Dusche halten. Danach kommt sie in die Kochwäsche, basta.“ Wichtig sei, dass es eben Kochwäsche sei und dass die Stoffwindeleinlagen und Einsätze regelmäßig gewaschen würden. Die werden in einem sogenannten Wetbag bis zum Waschen gesammelt.
Das Baby angelt nach dem Stoffwindel-Wetbag
Während Mama Fleur routiniert eine neue Einlage aus der voll gepackten Stoffwindel-Kiste holt, faltet und in die Überhose aus Wolle reinlegt, angelt ihr Baby vergnügt nach besagtem Wetbag. Es gebe ganz unterschiedliche Modelle, bei denen es wie auch bei Wegwerfwindeln gelte, das individuell passende Produkt zu finden. „Es gibt Stoffwindelberater. Die erklären und zeigen alles und bieten Probierpakete an.“ Und auch bei den Herstellern gebe es längst die Möglichkeit, Stoffwindeln zur Probe zu bestellen, um auszuprobieren, ob es etwas sei und welche Stoffwindel im Detail die richtige sei. „Die Möglichkeiten sind groß, und es eine tolle Art, etwas für die Umwelt zu tun, ohne komplett öko oder völlig verschroben zu sein“, sagt Fleur Degen.