Die Coronazeit ist für Beziehungen eine Belastungsprobe – vor allem, wenn schon zuvor Probleme bestanden. In Stuttgart bieten auch Beratungsstellen Paarberatungen an. Die Telefonseelsorge ist ebenfalls gefragt. Eine Paartherapeutin gibt Einblicke.
Stuttgart - Nicht jedes Paar, das sich laut streitet, ist gleich in einer tiefen Krise. Für manche, sagt die Stuttgarter Paartherapeutin Martina Rudolph-Zeller, gehörten die Auseinandersetzung und die anschließende Versöhnung zum Beziehungsleben dazu. Die steckten einen Streit gut weg, weil sie ein ähnliches Streitverhalten hätten. Doch zuletzt dürfte die Zahl der Paare zugenommen haben, bei denen sich eine laute Auseinandersetzung eben nicht um ein „reinigendes Gewitter“ handelt.
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Gerade wenn schon Probleme bestanden hätten, wirke Corona wie ein Brennglas, sagt Rudolph-Zeller. Wenn beide im Homeoffice seien, die Kinder vielleicht auch noch zu Hause, könne man sich natürlich schlechter aus dem Weg gehen – Nähe könne dann schwer auszuhalten sein. Aber letztlich sei es sehr unterschiedlich, wie die Menschen in der Coronazeit reagierten, je nach Betroffenheit. Wenn Sorgen um Kinder und Angehörige hinzukämen, man nicht berufstätig sein könne, erhöhe sich der Druck. Das kann zu Hause dazu führen, „dass es wegen jeder Kleinigkeit zum Streit kommt“, wie sie es ausdrückt. Die analytische Paar- und Familientherapeutin weiß das nicht nur aus ihrer Praxis. Im Hauptberuf ist sie Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge.
Single sein in der Pandemie – keine erstrebenswerte Aussicht
Dort meldeten sich schon immer auch Frauen und Männer, die in einer Beziehungskrise stecken. In der Coronazeit sei der Anteil aber noch mal gestiegen, entnimmt Martina Rudolph-Zeller der Statistik – wenn auch nur leicht. Bei 16,1 Prozent aller Anrufe in 2020 ging es um familiäre Beziehungen oder Paarbeziehungen (2019: 14 Prozent). „Es melden sich vor allem Einzelpersonen, die ihren Schmerz und ihre Hilflosigkeit mit uns teilen wollen“, sagt sie.
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Bei der katholischen Telefonseelsorge Ruf und Rat war das Thema familiäre Beziehungen im Jahr 2020 der am häufigsten genannte Anlass für das Gespräch: mit 19,24 Prozent – ähnlich hoch wie im Vorjahr (18,95 Prozent). So mancher äußere dabei auch seine Angst vor einer Trennung und der damit drohenden Einsamkeit in der Coronazeit, berichtet Bernd Müller, der der stellvertretende Leiter von Ruf und Rat, der für die Telefonseelsorge zuständig ist.
Single sein in der Pandemie, das ist offenbar keine erstrebenswerte Aussicht. Bei akuten Notsituationen vermittele man weiter an die hauseigene Paarberatung. Dann erhielten die Betroffenen zeitnah einen Termin. Müller geht davon aus, dass die Nachfrage nach Paarberatungen nach Ende der Sommerferien deutlich zunehmen wird. „Im Moment können wir den Bedarf noch gerade so decken“, sagt er.
Paare sind dankbar über Präsenzangebote, berichtet eine Leiterin
Für Paare in Not bieten drei Beratungsstellen in Stuttgart spezielle Paarberatungen an: Neben Ruf und Rat sind das die Psychologische Beratungsstelle der Evangelischen Kirche und die Familienberatungs- und Behandlungsstelle Beratung 1, die von der Stadt gefördert wird. Alle drei Beratungsstellen berichten, dass die Nachfrage nach Paarberatung gestiegen sei.
„Der Mangel an ,echten‘ sozialen Kontakten hat sich in Erschöpfung, Müdigkeit, Antriebsschwäche bis hin zu Depressionen und Angststörungen niedergeschlagen“, sagt Dorothee Wolf, die Leiterin der evangelischen Psychologischen Beratungsstelle. Bei Beratung 1 ist es zwar momentan ferienbedingt ruhiger geworden, aber im Frühjahr seien die Anfragen merklich hochgegangen, so die Leiterin Simone Kofler. Sie führt das auf mehrere Aspekte zurück: den Mangel an sozialen Kontakten außerhalb der Paarbeziehung in der dunklen Jahreszeit. Dazu sei dann ein Mangel an Perspektive gekommen, vielfach auch Existenzängste. Bei Beratung 1 hätten sie durchgängig neben Online- auch Präsenztermine angeboten. Darüber seien viele Klienten dankbar gewesen, denn so habe man „den Konflikt rausnehmen“ können aus der Wohnung.
In acht Sitzungen komme man schon ziemlich weit
Ob auch Stuttgarter Paartherapeuten in der Pandemie stärker nachgefragt gewesen sind, ist schwer zu ermitteln. Es handelt sich um keine Kassenleistung, was Martina Rudolph-Zeller zum Beispiel bedauert. Bei ihr jedenfalls gingen zuletzt mehr Anrufe ein. Einen Teil vermittele sie weiter, berichtet sie, da sie ihr eigenes Angebot wegen ihres Hauptberufs reduziert hat. Seit 30 Jahren hilft sie Paaren durch Krisen. In dieser Zeit hat sich viel getan. Aus Angst vor der „Blamage“ seien früher viele vor der Paartherapie zurückgeschreckt. Heute sei das anders. Wobei nicht jedes Paar tatsächlich daran interessiert sei, die eigene Beziehung zu retten. Manchmal säßen ihr auch Menschen gegenüber, da merke sie, die machten das nur, um es abzuhaken und sagen zu können, sie hätten es ja probiert. „Das klärt sich dann sehr schnell.“
Paartherapie sei vor allem konstruktiv, und in acht Sitzungen komme man schon ziemlich weit. „Es geht um eine gemeinsame Sichtung der Situation und den ehrlichen Umgang damit“, erklärt Martina Rudolph-Zeller. Zusammen versuche man auszuloten, wo die jeweiligen eigenen Bedürfnisse lägen. „Manchmal wundere ich mich schon, wie lange Menschen immer weitermachen und die Schwere aushalten“, sagt sie. Wem das offene Reden schwerfällt, dem rät sie, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. „Da kann man im anonymen Bereich das Sprechen über Gefühle üben.“
Auch das Jugendamt unterstützt
Familienrat
Für Eltern in der Krise bietet auch das Stuttgarter Jugendamt viel an Unterstützung. Ein Instrument ist zum Beispiel die Institution des Familienrats – um konstruktiv zu Lösungen zu kommen. Ein Anlass für einen Familienrat kann sein, wenn ein Elternteil ausfällt oder Eltern sich im Streit trennen. Gemeinsam mit den eigenen Vertrauten wird beraten, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt und was man selbst beitragen kann. Kontakt zum Familienratbüro gibt es unter familienrat@stuttgart.de.
Kontakte
Die evangelische Telefonseelsorge ist unter 08 00 / 111 0 111 zu erreichen, die katholische Telefonseelsorge unter 08 00 / 111 0 222. Die Psychologische Beratungsstelle der Evangelischen Kirche hat die Nummer 07 11 / 66 95 90 und das Sekretariat der Beratungsstelle von Ruf und Rat die Nummer 07 11 / 2 26 20 55. Beratung 1 ist unter Telefon 07 11 / 67 81 - 4 23 zu erreichen.
Veranstaltung
Eine kostenpflichtige ganztägige Veranstaltung im Hospitalhof am Samstag, 11. September, geht darum, wie man „selbstbestimmt und doch verbunden“ in einer Beziehung bleibt. Eine der Referentinnen ist Martina Rudolph-Zeller, der Thementag findet in Kooperation mit Psychologie Heute statt. Mehr Informationen unter www.hospitalhof.de.