P1 im Porsche-Museum Echtheit des ersten Porsche beweist nur das Mikroskop

Von Jan-Philipp Schlecht 

Der Stempel P1 stammt wohl vom Firmengründer Foto: Porsche
Der Stempel P1 stammt wohl vom Firmengründer Foto: Porsche

Unter dem Elektronenmikroskop wollen Experten eines Göppinger Labors die Originalität der ersten Porsche bewiesen haben. Die Stanzung „P1“ stammt wohl vom Firmengründer.

Stuttgart - Manchmal liegt der Teufel sprichwörtlich im Detail. In dem Streit um die Echtheit des ersten Porsches hat dieses Detail in etwa die Größe eines Reiskorns. Es handelt sich um die Stanzung „P1“, die der Firmengründer Ferdinand Porsche anno 1898 auf die hintere linke Radnabe des frühen Elektrofahrzeugs gemeißelt haben soll.

Am gestrigen Montag präsentierte Porsche schließlich das vierte Gutachten, das nun alle Zweifler zum Schweigen bringen soll. Das Labor Castello Fine Arts mit Sitz in Göppingen scannte die Prägungen an der Radnabe unter dem Elektronenrastermikroskop und identifizierte eine davon als Fälschung, die andere nicht. An der vorderen rechten Radnabe hat sich demnach erst vor kurzem ein Unbekannter zu schaffen gemacht. Die hintere linke Stanzung hingegen stamme mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Zeit um 1898.

Der damals 22 Jahre junge Ingenieur Ferdinand Porsche stand zu dieser Zeit in den Diensten des Kutschenfabrikanten Jacob Lohner & Co. in Wien und tüftelte am Antrieb der Zukunft. Der bestand in seinen Augen aus einem Elektromotor, den er unter das Heck einer Holzkutsche schraubte. Heraus kam ein Elektroauto der ersten Stunde: Der Egger-Lohner C.2 Phaéton. Oder eben der erste Porsche. Wie man’s nimmt. Der Wagen steht seit dem 31. Januar dieses Jahres – prominent platziert – im Porsche Museum in Zuffenhausen. Und erhitzt die Gemüter. Das Technische Museum in Wien, in dessen Depot die Holzkutsche zwischen 1902 und 2009 im Dornröschenschlaf lag, bezweifelt die Echtheit des Kürzels „P1“ und sieht Ferdinand Porsche auch nicht als hauptverantwortlichen Konstrukteur der ­E-Droschke.

In Zuffenhausen wollte man dies freilich nicht hinnehmen und ließ eine Armada von Wissenschaftlern und Kunsthistorikern auf das Museumsstück los. Sie alle bestätigen die Echtheit des Exponats. Weder an seinem Alter, noch an seiner Herkunft und schon gar nicht an seiner Bedeutung zweifeln die Experten. Professor Kurt Möser vom Karlsruher Institut für Technologie sieht darin gar eine „Ikone der Automobilgeschichte für Elektromobilität“. Seine Doktorandin Gundula Tutt erforschte die verschiedenen Lackschichten auf der Holzkarosse. Ergebnis: alles original.Nur ein Detail gibt allerdings zu denken: Die P1-Stanzung. Von ihr finden sich auf den Radnaben des Wagens genau zwei Stück: eine am rechten Vorderrad, eine am linken Hinterrad. Keine von beiden hatte das Technische Museum Wien bei der Begutachtung des Wagens im Jahr 2009 entdeckt. Das­ ­Museum schätzte den Fund daher als wenig ausstellungswürdig ein und bot ihn zum Tausch an.

Ein bisher nicht genannter Händler akzeptierte, und das Museum erhielt im Gegenzug vier Exponate für seine Ausstellung. Das wohl prominenteste Stück darunter besteht in einem von Kaimann gebauten Rennwagen aus dem Jahr 1969, in dem einst Niki Lauda in der Formel V startete. Gut zwei Jahre später vollzieht das Wiener Museum den Tausch, die Spur des Egger-Lohner C.2 Phaéton verliert sich.

Bis der Wagen 2013 in Österreich wieder auftaucht. Damals wird Wolfgang Porsche das Museumsstück angeboten, dem Aufsichtsratsvorsitzenden des Sportwagenherstellers und Enkel von Firmengründer Ferdinand Porsche. Er schlägt zu. Doch: Von wem er den Wagen kauft und zu welchem Preis, darüber hüllen sich das Unternehmen und Wolfgang Porsche in Schweigen.

Zu dieser Zeit fallen erstmals die besagten Kürzel an den Radnaben auf. Sie legen die Vermutung nahe, bei dem Fahrzeug handle es sich um den ersten Porsche aller Zeiten – P1 für Porsche Nummer Eins. Auf einmal macht der Begriff „Sensationsfund“ die Runde in den Medien.

Doch Zweifel werden laut: Der Historiker Gunter Haug, der den Mythos Ferdinand Porsche in einem Buch beschreibt, glaubt nicht an die Echtheit der Stanzung. Es sei kaum vorstellbar, sagt Haug, dass der junge Ingenieur das Fahrzeug mit dem Kürzel gekennzeichnet habe. Er hätte sonst eine Kündigung bei Egger-Lohner riskiert. Auch ­Anne-Katrin Ebert, die beim Technischen Museum Wien die Abteilung Verkehr leitet, bekräftigt ihre Bedenken: Die Stanzung sei 2009 nicht auf dem Fahrzeug gewesen.

Allerdings stand der Wagen mit der linken Seite direkt vor einer Wand und wog gut eine Tonne. Gut möglich also, dass die Wiener Historiker sich nur die rechte Seite genauer angesehen hatten. So lautet die Argumentation der Stuttgarter. Anne-Katrin Ebert will dem auf Nachfrage weder zustimmen, noch widersprechen: Die Abteilungsleiterin des Technischen Museums Wien schweigt dazu.

Lesen Sie jetzt