Unter dem Motto #outinchurch haben sich 125 Mitarbeitende der katholischen Kirche als queer geoutet. Pfarrer, Religionslehrer und Jesuitenpater aus Baden-Württemberg berichten, warum sie ihre Sexualität nicht mehr verstecken wollen.
Stuttgart - Theo Schenkel gibt es für die katholische Kirche eigentlich gar nicht. Jedenfalls nicht als Mann, als Herrn Schenkel. In den Akten und allen Briefen ist der 27-Jährige weiter eine Frau. Ein Gedanke, der für ihn unerträglich ist. Eine runde Nickelbrille auf der Nase und das rötlich-lockige Haar kurz geschnitten, erzählt er eine Geschichte aus dem badischen Rheinfelden.
Ein Religionslehrer darf nicht gleichgeschlechtlich heiraten
Doch mit der Leugnung seiner Existenz als Mann ist die noch nicht zu Ende. Es geht noch ein bisschen schlimmer. Wenn der Referendar für Religion und Französisch seine Freundin heiraten würde, was die beiden vorhaben, gilt die Beziehung als gleichgeschlechtliche Partnerschaft. Ein No-Go für einen Religionslehrer, findet seine Arbeitgeberin, die katholische Kirche. Und mit nur einem Fach kann er nicht unterrichten.
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Theo Schenkel hat eine Geschlechtsangleichung hinter sich. Bei der Geburt entschied man, er sei ein Mädchen. Jetzt ist er ein Mann. Ein Weg, der auch ohne seine Kirche nicht immer einfach war – obwohl er, wie er sagt, gern für sie auftrete. Das Paar schiebt seine Hochzeit jetzt erst einmal auf.
Wer sich outet, verliert womöglich seinen Job
Wie Theo Schenkel geht es vielen Frauen und Männern, die mit der katholischen Kirche eng verbunden sind. Sie leben eine Sexualität, eine geschlechtliche Identität, die es dort nicht geben darf. Und wer sich dennoch outet, verliert schlimmstenfalls seinen Job. Doch Theo Schenkel wollte sich nicht mehr verstecken. Deshalb hat er sich für die ARD-Doku „Wie Gott uns schuf – Coming out in der katholischen Kirche“ vor die Kamera gestellt. Deshalb outet er sich zusammen mit 125 Mitarbeitenden der katholischen Kirche auf der Seite www.outinchurch.de als queer, also als nicht heterosexuell oder mit den traditionellen Geschlechternormen in Einklang. Unter ihnen sind Priester, Gemeinde- und Pastoralreferentinnen, Religionslehrer- und Religionslehrerinnen, aber auch Mitarbeiter aus der kirchlichen Verwaltung.
Mit ihrer Aktion, die sich in den sozialen Medien unter #outinchurch verbreitet, fordern sie eine Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts, so dass die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Identität künftig kein Kündigungsgrund mehr sind. Diffamierende Aussagen sollen aus der kirchlichen Lehre gestrichen werden. Sie fordern Zugang zu den katholischen Sakramenten und zu allen Berufsfeldern der Kirche.
Priester dürfen ihre Sexualität nicht ausleben
Auch Teil der Aktion ist Stefan Spitznagel (63), katholischer Pfarrer aus Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg). Der eigentliche Skandal bestünde darin, dass man das Queersein überhaupt zum Thema machen muss, sagt er. Und dass in der katholischen Kirche ein solches „Angst- und Diskriminierungsklima“ herrsche, dass Menschen sich nicht trauten, sich als schwul, lesbisch, bisexuell oder transsexuell zu outen. Bei ihm wüssten manche Gemeindemitglieder aufgrund ihrer „feinen Antennen“ von seiner sexuellen Orientierung, andere würden wohl erst jetzt davon erfahren. Er sei zuletzt sehr angespannt gewesen, nun spüre er langsam so etwas wie Erleichterung.
Für seine Arbeit befürchtet Spitznagel keine Konsequenzen aus dem öffentlichen Outing: „Wir Priester sind für die Kirche uninteressant, solange es den Zölibat offiziell noch gibt.“ Soll heißen: Weil er seine Sexualität sowieso nicht ausleben darf, könne er auch als schwuler Mann Priester bleiben, „alle anderen sitzen mehr auf einem Pulverfass und müssen Angst um ihren Job haben“.
Umso mehr hält er es für bedeutsam, dass durch die Aktion #outinchurch katholische Pfarrer sowie Mitarbeitende in katholischen Einrichtungen sich als queer outeten und Solidarität zeigten. Auch, um Mut zu machen: So wisse er aus den Gemeinden in Marbach, Filderstadt und Kornwestheim von drei ehemaligen Ministranten, die inzwischen als Frau lebten. Und in seiner Gemeinde in Marbach gebe es mehrere „Regenbogen“-Familien. „Die Kirche muss schmerzhaft lernen, dass sie keine Deutungshoheit mehr über Sexualität hat.“
Jemand sagte: „Alle Schwulen gehören eingesperrt“
Auch in der katholischen Gemeinde Langenargen am Bodensee dürfte es Diskussionen geben in diesen Tagen. Denn dass der noch recht neue Priester, Armin Noppenberger, schwul ist, wussten bisher nur die wenigsten. „Das soll aber auch eine Einladung sein, mich kennenzulernen“, sagt er. Bevor der 54-Jährige an den Bodensee kam, war er mehr als 18 Jahre lang im Dekanat Freudenstadt tätig. Auch dort wussten wenige von seiner Homosexualität. Bei einer Veranstaltung vor einigen Jahren habe mal jemand zu ihm gesagt: „Alle Schwulen gehören eingesperrt.“ Erst später habe er verstanden, dass dieser Spruch auf ihn bezogen gewesen war.
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In der katholischen Kirche werde „ganz viel auf ungute Weise geschwiegen“ und eine „unterkomplexe Lehre zum Thema Homosexualität wiederholt“, kritisiert er. Die Kirche müsse ihre Haltung erneuern: „Ich will mich nicht länger mit dem Schweigegebot knechten lassen.“ Das Coming-out von mehr als 180 Menschen aus der Schauspielbranche unter #actout vor rund einem Jahr sei ein Vorbild für #outinchurch gewesen.
Priester brach Führung durch den Kölner Dom ab
Während die katholischen Priester Spitznagel und Noppenberger bis Montagnachmittag bereits etliche Rückmeldungen zu ihrem Outing erhalten hatten – darunter vor allem positive und ermutigende, aber auch einige bedenkliche – kam bei Bernd Nauwartat (51) keine einzige Reaktion an. Der Leiter eines katholischen Pflegeheims in Mannheim ist darüber aber nicht überrascht: „Hier in Mannheim weiß jeder, dass ich schwul bin.“ Er lebe seit 32 Jahren „offen“. Diskriminierung habe er nur mal erlebt, als bei einem Gespräch um eine Stelle kurzzeitig die Sprache auf seine sexuelle Orientierung kam und als ein Priester eine Führung durch den Kölner Dom abbrach, nachdem Nauwartat ihm sagte, dass er schwul sei. „Ich hoffe, dass die katholische Kirche sich nun positiv zu unserer Aktion äußert.“
Unterstützung bekommen die Aktivisten von vielen katholischen Organisationen und Institutionen wie etwa der Katholischen Landjugendbewegung, der Deutschen Pfadfinderschaft, dem Forum katholischer Theologinnen und Theologen, dem Katholischen Frauenbund und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).
Segnung homosexueller Paare soll erlaubt werden
ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp fordert eine kirchliche Sexualmoral, die die Lebenswirklichkeit der Menschen akzeptiere und respektiere. „Man kann Sexualität nicht nur auf Fruchtbarkeit reduzieren“, sagte Stetter-Karp. Es könne auch nicht sein, dass Menschen in kirchlichen Kontexten aus Angst vor beruflichen Konsequenzen und Anfeindungen ein Schattendasein führen müssen, wenn sie nicht dem von der Kirche normierten Geschlechterbild entsprechen.
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Allerdings sieht Stetter-Karp auch erste Fortschritte. Im Rahmen des Synodalen Weges, der Erneuerungsbewegung innerhalb der katholischen Kirche, an der Kleriker und Laien teilhaben, ist das Thema „Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ ein zentrales. Kürzlich erhielt ein Basispapier in erster Lesung hohe Zustimmung, in dem viele Reformen angemahnt werden.
Pater erhält viel Zuspruch per Mail
Auch für den Jesuitenpater Ralf Klein aus St. Blasien im Schwarzwald ist klar, dass die Kirche sich zum Thema Sexualität neu positionieren muss. Und damit einer Entwicklung folgt, die es in den Gemeinden vor Ort schon lange gebe: „Der Großteil der Gemeindemitglieder hat kein Problem damit, wenn ein Kirchenmann homosexuell ist“, sagt Klein, der sich bereits Ende der 90er Jahre geoutet hat. Seit #outinchurch öffentlich ist, bekommt er viele Mails. „Fremde Menschen bedanken sich und wünschen mir alles Gute“, sagt Klein. „Das ist sehr berührend.“
Auch Theo Schenkel, der Religionslehrer aus Rheinfelden, ist über sein Outing froh. Im Lehrerzimmer müsse er jetzt nicht mehr in Panik verfallen, wenn eine Kollegin, die seinen alten Namen trägt, gerufen wird. Wie die Schüler auf sein mediales Outing reagieren, wird er am Mittwoch erfahren. Da wird er wieder vor sie treten. Er ist gespannt.
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