Hier ist er Mensch, hier will er sein: Tibor Wodetzky genießt es, den ganzen Tag mit seinen Hunden, Schafen und Ziegen zu verbringen. Foto: Ines Rudel

Tibor Wodetzky hat die Schäferei der Stadt Ostfildern gepachtet und hält dort zurzeit noch 40 Ziegen und 30 Schafe. Mittelfristig will er die Herde aber auf 200 bis 300 Tier aufstocken.

Ostfildern - Wenn Tibor Wodetzky in Richtung Weide ruft, bekommt er ein vielstimmiges und lautstarkes Geblök und Gemecker zur Antwort. Was freilich nicht als Unmutsäußerungen verstanden werden darf. Ganz im Gegenteil: es sind seine Ziegen und Schafe, die sich über den Besuch des Chefs freuen und schnellstmöglich zum Zaun traben, um die ein oder andere Streicheleinheit des 28-Jährigen zu ergattern. Seit gut zwei Monaten ist Tibor Wodetzky der neue Pächter der Schäferei in Ostfildern. Vom Schafstall Nellingen aus beweidet er mit seinen 40 Ziegen und 30 Schafen rund 30 Hektar städtische Wiesen und Weiden.

Landschaftspflege – Ziegenfleisch – Pädagogik

Der 28-Jährige, der mit seiner Frau Isa und seinem Töchterchen Ira in Scharnhausen wohnt, hat schon viel Erfahrung in anderen Berufen gesammelt. Als Koch stand der gebürtige Stuttgarter am Herd der früheren Gaststätte „Leib und Seele“, in der Waldorfschule in Sillenbuch hat er Gartenkunde unterrichtet und seit rund zwei Jahren intensiviert er seine Leidenschaft für die Arbeit als Ziegenhirte und Schäfer. Zunächst beweidete er im Auftrag landwirtschaftliche Flächen und seit kurzem verdient er seinen Unterhalt als Pächter der städtischen Schäferei. Was er weiter vor hat, lässt sich auf seinem Werbebanner am Stall ablesen: „Landschaftspflege – Ziegenfleisch – Pädagogik“. Denn neben der Beweidung will er sein Angebot von pädagogischen Projekten für Kinder und Jugendliche in der Schäferei ausbauen und nach und nach den Verkauf von Ziegen- und Lammfleisch forcieren. Mittelfristig peile er an, seine Herde auf 200 bis 300 Tiere aufzustocken. Dass der Ostfilderner Stall Platz für 400 bis 500 Ziegen und Schafe böte, lässt ihn unbeeindruckt: „Was bringt es mir, wenn ich zu viele Tiere habe und dann Futter zukaufen muss?“

Fragt man Tibor Wodetzky nach seinen Ausbildungen, antwortet er geradezu philosophisch: „Ich habe gelernt, das Leben zu genießen.“ Das schließt bei ihm harte Arbeit allerdings nicht aus. Aber wichtig ist ihm, für das zu stehen, was er tut und sich mit Leidenschaft dafür einzubringen. „Alles, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe, habe ich mit Herzblut gemacht.“ Mit dieser Einstellung sei die „Freude am Leben“ vorprogrammiert, was er auch jenen Menschen vermitteln wolle, die gerne als Schäfer oder Ziegenhirte auf Zeit bei ihm mitarbeiten wollen.

Er besitze zwar kein Bio- oder Demeterzertifikat, bewirtschafte seinen Betrieb aber absolut sauber, wovon sich jeder vor Ort überzeugen könne. Chemie komme bei ihm nicht zum Einsatz, seine Tiere bekämen nur Natürliches zu fressen. Diese Transparenz ist ganz nach dem Geschmack der Ostfilderner Stadtverwaltung und des Gemeinderats. Denn ihnen war wichtig, dass die Schäferei – anders als früher – „mit weniger Tieren arbeitet, sich auch Besuchern gegenüber offen präsentiert und vor allem Kindern und Jugendlichen pädagogische Angebote macht“.

Volle Unterstützung durch die Landwirte

Fast alle Tiere von Tibor Wodetzky haben einen Namen, „schließlich sind sie meine Freunde“. Dass diese für die Fleischproduktion und damit die Existenz der Familie Wodetzky ihr Leben lassen müssen, sei unvermeidlich, lasse ihn aber auch nicht kalt, erklärt der 28-Jährige: „Die Nacht vor dem Schlachttermin ist immer schwierig für mich, und meine Frau kommt gar nicht erst mit.“ Aber auch auf dem letzten irdischen Weg wolle er den Vierbeinern Leid ersparen. Es gehe auch beim Metzger in Lenningen-Gutenberg völlig stressfrei zu, „und das schmeckt man dann auch am Fleisch“, ist der Ziegenhirte überzeugt.

Die südafrikanischen Burenziegen, die er hegt und pflegt, sind eine reine Fleischrasse. Sie können übrigens auch im Winter grasen, denn die Stadt verfügt über eine Winterweide, „die für mich Gold wert ist“, sagt Tibor Wodetzky.

Als Städter habe er in Ostfildern keinerlei Voreingenommenheiten seitens der Einheimischen erfahren. Die hiesigen Landwirte hätten ihn von Anfang an voll unterstützt. Sie haben offenbar gleich gemerkt, dass es stimmt, wenn der Schäfer und Ziegenhirte Tibor Wodetzky sagt: „Ich bin glücklich mit meinen Tieren – egal, ob es stürmt oder schneit.“

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