Pfarrerin Dorothee Eisrich bei der Aufzeichnung des Ostergottesdienstes in der Schorndorfer Stadtkirche. Foto: Gottfried Stoppel

Wegen des Coronavirus konnten Christen in diesem Jahr an Ostern nicht zum Gottesdienst zusammenkommen. In Schorndorf im Rems-Murr-Kreis hat die evangelische Kirche stattdessen ein besonderes Zeichen gesetzt.

Schorndorf - Zahlreiche Rückmeldungen sind nach dem Ostergottesdienst bei Dorothee Eisrich eingegangen, sie sei geradezu damit geflutet worden, berichtet die Pfarrerin der evangelischen Stadtkirchengemeinde Schorndorf am Montagmorgen. Die Menschen berichteten ihr, sie seien „tief ins Herz getroffen“ und „zu Tränen gerührt“ worden, sie sprechen von „Gänsehaut“, „Balsam für die Seele“ und dass es „unglaublich gut getan habe“.

Musik vom Kirchturm

Dabei beziehen sie sich nicht nur auf den Videogottesdienst, den die Pfarrerin gehalten hat, sondern auch auf etwas, das es in Schorndorf so noch nicht gegeben hat: Nach dem Glockengeläut um 10 Uhr erklang für rund acht Minuten Musik vom Kirchturm, die von Hannelore Hinderer an der Orgel und Rainer Schnabel an der Trompete in der Kirche gespielt und mit sechs Lautsprechern auf den Turm und von dort ins Freie übertragen wurde. Je 50 Kilogramm wogen die Lautsprecher, die über eine Wendeltreppe und an den Glocken vorbei hinauf auf den Turm geschafft werden mussten, erzählt Eisrich. Möglich gemacht haben das der Veranstaltungstechniker Oliver Schönek und die Bürgerstiftung, die die Kosten übernommen hat.

„Wir konnten vorher nicht testen, wie es klingt“, sagt Dorothee Eisrich. Sie sei jedoch zuversichtlich gewesen, dass es klappt – und ist überzeugt, dass es in solchen Zeiten ein „starkes Hoffnungssymbol“ braucht: „Da reichen die Worte, da reicht ein Gottesdienst über das Internet nicht aus“, sagt sie. Vielmehr müsse die Hoffnung erlebbar gemacht werden – etwa durch die Musik vom Kirchturm, die bis nach Plüderhausen zu hören gewesen sei und sogar Kirchenskeptiker berührt habe, wie Eisrich berichtet wurde.

Zeichen der Auferstehung

Doch auch der in der Stadtkirche aufgezeichnete Gottesdienst wurde in diesem Jahr stark nachgefragt: Bis Montagmorgen verzeichnete die Gemeinde 850 Abrufe. Normalerweise nehmen rund 600 Menschen am Ostergottesdienst teil, erzählt Eisrich. „Und die Predigt, die in der Kirche zum Nachlesen ausliegt, muss ich gerade ständig nachlegen“, fügt sie hinzu. In der Vorbereitung auf den Gottesdienst habe sie sehr lange darüber nachgedacht, was Auferstehung heute für uns bedeuten kann, sagt sie. „Dass unser Leben endlich ist, das müssen wir wohl alle irgendwie akzeptieren. Aber Ostern kann uns helfen, über den Tod hinauszuschauen“, hieß es dann in der Predigt, deren zentrales Thema die Hoffnung war. „Die Hoffnung auf ein gutes Ende erfüllte Jesus so, dass er anfing, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Was durch ihn an Hoffnung und Liebe in die Welt kam, war durch seinen gewaltsamen Tod nicht totzukriegen.“

Auch in unseren Tagen lebe der Geist der Liebe und der Hoffnung weiter, es gebe unzählige Zeichen von Auferstehung: Solidarität, Mitgefühl, Nachbarschaftshilfe. „Die Bedrohung ist groß. Aber die Hoffnung auch“, predigte Dorothee Eisrich am Ostersonntag. In einer großen leeren Kirche könne man sich verloren vorkommen, zumal der Gottesdienst für sie ein „stark dialogisches Geschehen“ sei. „Aber die Leute waren mir innerlich präsent, ich war mit ihnen im Geist verbunden“, sagt sie.

Neuer Zugang zur Kirche

Auch für sie selbst sei es ergreifend gewesen, auf dem Kirchplatz zu stehen, die Musik zu hören und wahrzunehmen, dass die Hoffnung lebt. „Wir alle brauchen solche Kraftmomente, um mit der Situation klarzukommen“, ist die Pfarrerin überzeugt. Es sei wichtig, auch der Seele immer wieder neue Nahrung zu geben. Die außergewöhnliche Situation in diesem Jahr habe den Menschen einen anderen Zugang ermöglicht – „auch denjenigen, die sonst nicht in die Kirche gegangen wären. Die Leute hören wieder neu hin“, hat Dorothee Eisrich beobachtet. Sie freut sich, dass der Ostersonntag vielen Menschen neuen Mut gemacht hat. „Das werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen“, hat ihr jemand geschrieben.

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