Seit über 20 Jahren Freunde und musikalische Partner: Gregor Hübner (li.) und Richie Beirach: Foto: Veranstalter

Den New Yorker Pianisten Richie Beirach verbindet eine lange musikalische Partnerschaft mit dem schwäbischen Violinisten Gregor Hübner und dessen Bruder Veit. Im Interview sprechen die drei über New York, das Theaterhaus und Donald Trump.

Stuttgart -

Herr Beirach, Wie war das, als Sie vor zwanzig Jahren Gregor Hübner in New York kennen gelernt haben?
Beirach: Ich war ja zuerst sein akademischer Klavierlehrer. Ich fragte ihn, ob er auch auf seiner schönen Geige Jazz spielen könne. Er sagte, ob es Jazz sei, wisse er nicht, aber improvisieren könne er. Und wie er das kann! Sehr geschmackvoll, von großer Ideendichte und Reife. Von da an ist er mir ein gleichwertiger Partner gewesen, ein Bruder im Geist. Wir haben beide am 23. Mai Geburtstag, ich bin genau zwanzig Jahre älter als er. Für mich ist Gregor der Nachfolger des großen, zu früh verstorbenen Jazzgeigers Zbigniew Seifert. Und seit ich Gregors jüngeren Bruder Veit kenne, fühle ich mich wie ein Teil der Hübner-Familie.
Herr Hübner, mit welchen Gefühlen gehen Sie in das Konzert?
Gregor Hübner: Es fühlt sich jedes Mal frisch an, wenn wir auf die Bühne gehen. Zwischen 2005 und 2014 sind wir jeden August eine Woche lang im Jazz-Club Birdland in New York aufgetreten mit Randy Brecker, George Mraz und Billy Hart. Dies ist jetzt auch dokumentiert auf einer CD, die in Kürze beim Label ACT erscheint. Richie ist mit Randy, George und Billy aufgewachsen, er hat mit ihnen seine eigene Musiksprache entwickelt. Unser gemeinsamer Jazzstil erinnert an die 70er und 80er Jahre, als energetisches Spiel und der Drang nach Risiko bestimmend waren. Ich freue mich sehr, dass Randy mit uns unsere Geburtstage feiert.
Herr Beirach, reagiert das Publikum in New York und Stuttgart gleich auf modernen Jazz?
Beirach: Die Wahrheit ist, dass das Publikum umso interessierter und begeisterter ist, je mehr man sich von den großen Städten entfernt. Aber als New Yorker darf ich mich nicht beklagen, weil ich dort in Jazzclubs wie dem Village Vanguard oder Birdland immer sehr positiv aufgenommen werde. Das gilt genauso für Stuttgart und das Theaterhaus. Da bin ich in den vergangenen dreißig Jahren etwa zehnmal aufgetreten, und für Gregor und Veit sind das ja Heimspiele.
Welche Bedeutung hatte und hat das Theaterhaus für Sie und den Jazz?
Gregor Hübner: Das Theaterhaus mit seinen Sparten ist eine einmalige Einrichtung und eine Alternative zu den staatlichen Institutionen. Ich unterrichte ja seit einigen Jahren in München, und auch die selbstbewussten Münchner beneiden Stuttgart um das Theaterhaus. Das Festival an Ostern ist ein Höhepunkt für den deutschen Jazz, anders als andere hat Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier nie die deutsche Szene aus den Augen verloren. Die Mischung aus regionalem, deutschem, europäischem und US-Jazz ist einmalig in der Festivalszene.
Wie waren denn Ihre eigenen Anfänge im Theaterhaus?
Veit Hübner: Nachdem wir 1987 mit unserem Art Trio Jugend jazzt gewonnen hatten, durften wir 1988 im großen Saal des alten Theaterhauses in Wangen auftreten – vor Wolfgang Dauner und Al di Meola. Der hat beim Soundcheck um zwei Stunden überzogen, dann stellte Wolfgang Dauner fest, dass der Flügel im Vergleich zu Dino Saluzzis Bandoneon zu hoch gestimmt war und der Flügelstimmer noch einmal kommen musste. Wir hatten dann keinen Soundcheck-Zeit. Dann waren fast tausend Leute in den Saal und das Fernsehen, ich war noch nie so nervös vor einem Auftritt. Aber wir konnten das Publikum begeistern, und es hat richtig Spaß gemacht! Das Theaterhaus ist dann zu einer Homebase geworden und ich habe kaum ein Oster-Festival ausgelassen, weil das Programm mich immer sehr interessiert.
Haben Sie sich schon etwas vorgemerkt?
Veit Hübner: Den Alpenjazz. Andreas Schaerer und Christian Zehnder sind grandiose Vokalisten. Dieter Ilg mit seinem Quintett ist immer einen Besuch wert, Ack van Rooyen ist ein Muss. Er hat so viel zu erzählen und spielt in seinem hohen Alter unglaublich Flügelhorn. Auf die Geburtstagsabende freue ich mich natürlich besonders, ich bin ja auch bei Joo Kraus’ 50. am Samstag mit von der Partie!
Professor Beirach, stimmt es, dass Sie Präsident Trump einen Brief geschrieben haben?
Beirach: Ja, ich habe ihn aufgefordert, so schnell wie möglich zurückzutreten, weil er das Land vergiftet und eine Gefahr für die ganze Welt darstellt. Trump ist ein leicht reizbarer Narzisst, der als schwerreicher Geschäftsmann meint, er stehe weit über allen anderen Menschen. Umweltschutz und Kultur interessieren ihn kein bisschen. Jazz schon gar nicht. Er zieht dort überall Geld ab, etwa für Stipendien, er streicht Zuschüsse für Studiengänge und Komponisten, um seinen idiotischen Verteidigungshaushalt aufzustocken. Er verfügt über keinerlei Empathie, er folgt lieber diesem Einflüsterer Stephen Bannon, einem äußerst gefährlichen Feind der Demokratie. Ich habe Präsident Trump geschrieben, um meinem Herzen Luft zu machen. Denn so wie ich denken und fühlen viele Kulturschaffende. Nicht nur in den USA, vermute ich.
Gibt es aus der New Yorker Jazzszene Reaktionen auf Trump?
Gregor Hübner: Natürlich ist die Szene in New York vollständig geschockt von Trump mit seinen Twitter Postings. Aber das beschränkt sich nicht auf die USA. Nach einem Interview auf SWR 2 habe ich E-Mails von deutschen Trump-Anhängern bekommen mit dem Hinweis, meine Musik sei ja schon okay, aber ich solle mich doch politisch zurückhalten.
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