Die drei Berufsrichter der 3. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichtes: Der Vorsitzende Joachim Holzhausen (Mitte) erklärte, welche Strafen Foto: Lichtgut

Richter des Stuttgarter Landgerichtes legten dar, welche Strafen acht Mitglieder der rockerähnlichen Gruppe nach bisherigem Verfahrensverlauf zu erwarten haben.

Stuttgart - Im Verfahren gegen acht Mitglieder der rockerähnlichen Gruppe Osmanen Germania Boxclub haben die Richter des Stuttgarter Landgerichts die zu erwartenden Strafen mit den Angeklagten erörtert. Zugleich empfahlen sie dem Staatsanwalt, das Verfahren in sechs der insgesamt 21 angeklagten Fälle einzustellen. Dabei handelt es sich um minder schwere Straftaten wie die Beleidigung eines Polizeibeamten oder Rauschgiftbesitz. Aber auch um den Überfall auf einen Kurden im November 2016 in Ludwigsburg. Die Indizien in diesem Fall belasten die Osmanen kaum.

Nach der sogenannten Erörterung des Verfahrensstands nach Paragraf 257 b der Strafprozessordnung muss der frühere Stuttgarter Osmanen-Chef und Waffenmeister der Osmanen-Weltgruppe mit einer sehr hohen Haftstrafe rechnen. Nachdem die drei Berufs- und beiden Laienrichter alle bislang gehörten Beweise würdigten, ziehen sie für den 36 Jahre alten Levent Uzundal eine Strafe zwischen sieben Jahren, zehn Monaten und acht Jahren, sieben Monaten in Betracht.

Ex-Welt-Vize Selcuk Sahin drohen drei bis viereinhalb Jahre Haft

Weil er seine Freundin zur Prostitution gezwungen haben soll, erwägen die Richter eine Einzelstrafe von neun bis 14 Monaten. Besonders lang könnte bei Uzundal die einzelne Strafe für die blutige Bestrafungsaktion des unliebsamen Gießener Osmanen-Chefs im Februar 2017 in Herrenberg mit fast fünf Jahren zu Buche schlagen.

Ein Fall, der auch bei Selcuk Sahin besonders ins Gewicht fällt. Der Ex-Welt-Vize-Anführer muss eine Gesamtstrafe zwischen drei Jahren und neun Monate und vier Jahren und fünf Monaten befürchten. Die Richter hatten bereits in einem früheren Hinweis angeregt, die Anklage wegen des Herrenberger Vorfalles von versuchtem Mord in gefährliche Körperverletzung abzumildern.

Der flüchtige Mustafa Kilinc wird zum Problemfall

Kompliziert wird gerade dieser Fall dadurch, dass sich einer der mutmaßlichen Haupttäter, Mustafa Kilinc, zusammen mit weiteren Beschuldigten in die Türkei abgesetzt hat. Jüngst regte er an, sich im deutschen Konsulat in Izmir als Zeuge zu der Bluttat vernehmen zu lassen. Ein Verfahren, das alleine dadurch scheitert, weil sich Kilinc weigert, dem Gericht eine ladungsfähige Anschrift zu übermitteln. Zudem taucht der Flüchtige nach gemeinsamen Recherchen unserer Zeitung, des ZDF-Magazins „Frontal 21“ und der „Neuen Zürcher Zeitung“ am Sonntag immer wieder in der Schweiz bei früheren Osmanen-Kumpanen unter.

Mit Blick auf die mögliche Festnahme des mit internationalem Haftbefehl gesuchten Kilinc kämen – folgerte Richter Joachim Holzhausen – „die hiesigen Angeklagten als Zeugen in Betracht“. In diesem Fall wären die jetzigen Angeklagten als Zeugen verpflichtet, vollständig und ehrlich auszusagen. Aus diesem Grund empfahl er: „Je detaillierter eine mögliche Einlassung ausfällt, desto höher ist ihr Gewicht nicht nur in vorliegenden Verfahren, sondern auch im Hinblick auf denkbare andere Verfahren.“

Bis zu anderthalb Jahren Haft für den Welt-Osmanen-Führer Mehmet Bagci

Dem früheren Welt-Chef der Osmanen, Mehmet Bagci, droht eine Haftstrafe zwischen einem Jahr und drei Monaten und einem Jahr und sechs Monaten. Ihm wirft Staatsanwalt Michael Wahl vor, einen Zeugen so beeinflusst zu haben, dass dieser seine ursprüngliche Aussage gegen Bagcis Stellvertreter Sahin widerrief. Politische Bezüge der Osmanen zum türkischen Staatschef Erdogan spielten im Stuttgarter Verfahren keine Rolle. Sie könnten allerdings noch in diesem Jahr in Darmstadt angeklagt werden.

Alle anderen Angeklagten müssen mit Haftstrafen zwischen zwei und fünf Jahren rechnen. Am 25. Oktober, so signalisierte Holzhausen, könne er die Beweisaufnahme aus Sicht der Kammer abschließen. Eine Frist, die die Verteidiger mit eigenen Beweisanträgen noch verlängern können.

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