Osmanen-Prozess in Stuttgart Wie aus Opfern treue Handlanger werden

Von Franz Feyder 

Mehmet Bagci mit einem seiner Verteidiger, dem Stuttgarter Juristen Tobias Voggel Foto: Lichtgut / Piechowski
Mehmet Bagci mit einem seiner Verteidiger, dem Stuttgarter Juristen Tobias Voggel Foto: Lichtgut / Piechowski

Im Osmanen-Verfahren beschäftigen sich Richter, Ankläger und Verteidiger mit dem kriminellen Vorleben des früheren Osmanen-Weltchefs Mehmet Bagci.

Stuttgart - Im November 2017 plauderte ein Informant des Ludwigsburger Polizeipräsidiums mit seinem Führungsbeamten. Am Ende des Gesprächs, mehr beiläufig, erzählte der Spitzel, welche Mitglieder des Osmanen Germania Boxclubs im Januar 2017 den Gießener Präsidenten der rockerähnlichen Gruppe malträtiert haben sollen. Über das Treffen mit dieser Quelle sagte jetzt ein Kriminalhauptkommissar, der den Informanten betreute, im Osmanen-Verfahren vor dem Stuttgarter Landgericht aus. Sein Gesprächspartner habe jenseits des eigentlichen Grundes ihres Treffen seine Unterhaltung mit einem mutmaßlichen Tatbeteiligten der Herrenberger Gewalttat wiedergegeben: Orhan Kirmit.

Der habe seinem Informanten erzählt, dass es „wegen Unstimmigkeiten mit Frauen“ Ärger zwischen dem ehemaligen Welt-Vizechef der Osmanen, Selcuk Sahin, und dem Gießener Filialleiter Celal Sakarya gegeben habe. Zum Jahreswechsel 2016/2017 vermittelten einige Granden der Gruppe verstärkt Prostituierte in die Schweiz. In einem Bordell in Sankt Magrethen hatte Sakarya an der Elektronik gewerkelt – und dabei einige Frauen zumindest kennengelernt. Sahin habe, so der Polizeispitzel, den Stuttgarter Chapter-Chef Levent Uzundal beauftragt, Sakarya eine „Abreibung zu verpassen“. Dies wurde offenbar Anfang Februar erledigt: Zusammen mit mehreren Kumpanen malträtierten Stuttgarter Osmanen Sakarya in Herrenberg und schossen ihm in den rechten Oberschenkel. Die Kugel hatte knapp die Hauptschlagader verfehlt. Sein Informant, sagte der Kriminale, habe für diese Information kein Geld bekommen.

Das Opfer wurde malträtiert und erniedrigt

Orhan Kirmit setzte sich - zusammen mit den Beschuldigten Mustafa Kilinc und Ibrahim I. - nach der Tat in die Türkei ab. Bundesweit hatten erstmals unsere Zeitung und das ZDF-Magazin „Frontal 21“ am 15. Dezember 2017 über die Umstände der Tat und Tatbeteiligte berichtet.

Die Richter beschäftigten sich jetzt auch mit dem kriminellen Vorleben des früheren Osmanen-Weltchefs Mehmet Bagci. Zu dem gehört auch ein Urteil des Frankfurter Landgerichtes aus dem Jahr 2013. Bagci war damals zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden: 2008 sollten er und ihm unterstellte Türsteher für einen Discothekenbesitzer vermeintliche Schulden eintreiben. Dabei malträtierten und erniedrigten die Männer ihr türkisch-stämmiges Opfer. Bagci selbst, so das Urteil, habe dem Treiben zwar nur zugesehen. Für die anderen Türsteher sei er aber zweifellos ein Vorbild gewesen, dessen Anweisungen sie bereitwillig folgten – so die Beweisaufnahme in Stuttgart.

Was in der bislang nicht vorkommt: Der Mann, den Bagci und seine Kumpane 2008 malträtierten, erscheint ab 2016 als enger Vertrauter des Chef-Osmanen und seines Stellvertreters Selcuk Sahin in zahlreichen Abhör- und Observationsberichten des hessischen Landeskriminalamtes, die unserer Zeitung und dem ZDF vorliegen.

Eine Maschinenpistole vom Typ Scorpion

So orderte Bagci in einem am 7. Mai 2016 um 13.43 Uhr mitgeschnittenen Telefonat eine Maschinenpistole des Typs Scorpion. Zusammen mit Sahin feierte der Weltvorsitzende damals im Bodenseeraum die Hochzeit eines Konstanzer Kumpanen. Die Waffe, so Bagci in dem Gespräch, sollten die beiden Beschaffer eben jenem Mann übergeben, der 2008 unter Bagcis Augen malträtiert wurde. Ihm berichteten die beiden Waffentransporteure laufend aus ihrem Ford Fiesta, wie mitgeschnittene Gespräche belegen.

In einem abgehörten Telefonat um 16.10 Uhr wies Bagci einen weiteren Osmanen an, die Waffenübergabe in Hessen zu organisieren. Die genaue Adresse werde der Weltchef noch schicken. Brisant: Auch der die Übergabe der Maschinenpistole organisierende Mann ist Bagci bestens bekannt: Er hatte 2008 als Zeuge für seinen geschundenen Freund ausgesagt. Am 8. Mai 2016 stoppte eine Polizeistreife den Kleinwagen. Die Polizisten fanden unter dem Beifahrersitz die Scorpion samt drei Magazinen.

Blaupause für Bestrafungsaktionen

Acht Jahre später sind die Opfer der Discothekenschlägerei Mitglieder des Osmanen-Weltvereins. Der Malträtierte kontaktiert gar - wie weitere Abhörprotokolle zeigen - vertraute Juristen für Bagci und Sahin, besorgte Osmanen in deren Auftrag „saubere“ Mobiltelefone oder begleitete Sahin zu Bestrafungsaktionen nach Nordrhein-Westfalen.

Das Vorgehen Bagcis 2008 wirkt wie die Blaupause für die Bestrafungsaktionen, mit denen die Osmanen widerspenstige Mitglieder unter Kontrolle brachten oder ausschalteten. So wie die Fälle, die aktuell vor dem Stuttgarter Landgericht verhandelt werden. Dabei scheint den auch vor Gericht charismatisch auftretenden Bagci vor allem ein Charakterzug auszuzeichnen: Er ist in der Lage, aus Feinden und Opfern Verbündete und Handlanger zu machen.

Eine Fähigkeit, die er nicht brauchte um Geld für Waffenkäufe aufzutreiben. Das steckte ihm ein enger Vertrauter und Jugendfreund des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyib Erdogan, der AKP-Abgeordnete Metin Külünk, ganz freiwillig zu. Als Parlamentarier wird Külünk das nicht mehr wiederholen. Er kandidiert bei den Wahlen zum neuen türkischen Parlament am 24. Juni nicht mehr.

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