Der Angeklagte Selcuk Sahin (2. v.r.) im Gerichtssaal. Rechts neben ihm sein Anwalt Klaus Rüther. Foto: Lichtgut/Piechowski

Im Osmanen-Verfahren belastet die Ex-Geliebte den Welt-Vizechef Selcuk Sahin: Er habe die Bestrafung eines Querulanten angeordnet.

Stuttgart - Am Ende musste der Koran herhalten, um die Ehre des Selcuk Sahin zumindest für ein paar Wochen wieder herzustellen. Der Welt-Vizechef der Osmanen Germania hatte seine Freundin belogen, betrogen, geschlagen, gedemütigt. Sie wollte ein Zeichen seiner Liebe. Da kramte der Muskelmann das heilige Buch aus seiner Bauchtasche und schwor, seine Gefährtin sei die einzige und es sei ewige Liebe. So zumindest erzählt es die junge Frau aus dem Schönbuch den Richtern des Stuttgarter Landgerichts. Die versuchen seit März herauszufinden, wer einen Querulanten der rockerähnlichen Gruppe in Herrenberg in den Oberschenkel schoß, ihn tagelang malträtierte und wer die Bestrafungsaktion anordnete.

„Ihm sollte eine Abreibung verpasst werden“

Sahins Schwur auf den Allmächtigen war gelogen, noch bevor er die Lippen verließ: Bilder in sozialen Netzwerken zeigen ihn deutlich vor dem Eid innig mit einer Prostituierten, die sich seinen Spitznamen auf ihren Hals hat tätowieren lassen. Zudem lebt in Hessen seine Ehefrau mit den beiden Kindern. Sie, soll Sahin seiner enttäuschten Liebe anvertraut haben, brauche er nur, „damit sie meine Wäsche wäscht, mir Essen kocht und die Kinder versorgt“.

Der Konflikt zwischen den Geliebten des Muskelmänneranführers scheint jetzt späte Folgen für Sahin zu haben: Er, so bezeugte die junge Frau ruhig , sachlich und ihre Vermutungen von Beobachtungen trennend, der Welt-Vize, habe ihr erzählt, er habe den Stuttgarter Filialleiter Levent Uzundal angewiesen, den Querulanten Celal Sakarya „weg zu flexen“.

Ob damit gemeint gewesen sei, ihn zu töten, hakte der Bericht erstattende Richter Lars Kemmner nach. „Nein, ihm sollte eine Abreibung verpasst werden“, stellte die Zeugin klar. Sie übergab der Polizei Fotos, SMS und Chat-Verläufe. Ein Bild zeigt Hände an einer Kiste voller Ermittlungsakten in einem Saarbrücker Verfahren gegen dortige Osmanen. Ein zweites die Ladung Sahins als Zeuge in diesem Prozess: „Er hat mir erzählt, dass sein Anwalt jetzt 5000 Seiten Akten hat.“ Sahin ist auch angeklagt, Zeugen bedroht und ihre Aussagen beeinflusst zu haben. Das Herrenberger Opfer sagte – entgegen seiner Darstellungen bei der Polizei – kürzlich aus, Sahin habe nichts mit den Torturen zu tun, die er Anfang Februar 2017 hatte erleiden müssen.

Osmanen-Chef mit zwei Frauen, die sich für ihn prostituieren müssen

Auch Uzundal belastet die Zeugin stark. Der Stuttgarter Chef-Osmane habe zwei Frauen gehabt, die sich gleichzeitig für ihn hätten prostituieren müssen. Dafür habe jedoch eine strenge Regel geherrscht: Den einen Teil der Woche habe die eine Frau bei ihm gelebt, während die andere ihrem Gewerbe nachging. In der zweiten Wochenhälfte hätten die Frauen ihre Rollen getauscht. Einmal hätte die sich prostituierende Frau starke Unterleibsschmerzen gehabt. Sie hätte aber nicht nach Hause gekonnt, weil dort gerade ihre Konkurrentin lebte. Das Leiden sei später operiert worden, zusammen mit dem Stuttgarter Chef-Osmanen will die Zeugin sie in der Klinik besucht haben.

Sie zählte die Namen von Frauen auf, die sich für Osmanen in der Schweiz und in Deutschland prostituierten. Ruhig beantwortet sie Nachfragen des vorsitzenden Richters Joachim Holzhausen: Warum sie Sahin beleidigt habe, ihm gedroht habe, bei der Polizei gegen ihn auszupacken? „Ich bin von ihm die ganze Zeit belogen worden. Er hat mich schrecklich behandelt. Das habe ich als ungerecht empfunden.“

Nahe am Stellvertreter der Osmanen lebend erfuhr die Zeugin Details über Strukturen, handelnde Personen und Finanzierungsmodelle der nationalistischen Osmanen-Gruppe, die engstens mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyib Erdogan und seiner Partei AKP verbandelt sind. Am kommenden Dienstag ab 9 Uhr wird die Befragung der Frau im Stammheimer Gericht fortgesetzt.

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