Osmanen Germania Boxclub Jan Böhmermann im Visier von Erdogans Schlägertrupps

Von Franz Feyder 

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (links) und ZDF-Moderator Jan Böhmermann. Foto: dpa/Presidential Press Office
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (links) und ZDF-Moderator Jan Böhmermann. Foto: dpa/Presidential Press Office

Nach Recherchen unserer Zeitung und des ZDF-Magazins Frontal21 geriet Jan Böhmermann nach der Schmähgedicht-Affäre ins Visier der Osmanen Germania. Erdogan-Vertraute ordneten ein „Abstrafen“ des ZDF-Moderators durch Schlägertrupps an.

Stuttgart - Das Netzwerk regierungsnaher türkischer Kreise in Deutschland hat sich im vergangenen Jahr auch gegen den ZDF-Moderator Jan Böhmermann gerichtet. Nach Recherchen unserer Zeitung und des ZDF-Magazins „Frontal 21“ geriet Böhmermann ins Visier der Schlägertruppe Osmanen Germania sowie des regierungsnahen Lobbyvereins Union der Europäisch-Türkischen Demokraten (UETD) und der türkischen ­Regierungspartei AKP.

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Aus Erkenntnisberichten und Abhörprotokollen deutscher Sicherheitsbehörden, die unserer Zeitung und dem ZDF vorliegen, geht hervor, dass der damals amtierende Vorsitzende der UETD Rhein-Neckar, der Mannheimer Yilmaz Ilkay Arin, am 1. April 2016 den Präsidenten des Worldchapters der rockerähnlich organisierten Osmanen anrief. Mehmet Bagci sollte mit seinen Männern „eine Bestrafungsaktion bei einem ­Kritiker des türkischen Staatspräsidenten durchführen“. Gemeint, analysieren die ­Ermittler, sei der ZDF-Moderator Jan Böhmermann, der am Vortag in seiner zu nächtlicher Stunde ausgestrahlten Satire-Sendung „Neo Magazin Royale“ ein Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vorgetragen hatte.

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Arin habe Bagci – halbherzig verschlüsselt – den Auftrag erteilt, dieser solle „mit seinen Leuten eine Person abstrafen, die beim ZDF in Mainz arbeitet“ und den „Reis“ – dem türkischen Wort für „Führer“ – beschimpft und beleidigt habe. Vier Tage später habe Arin um 17.24 Uhr wieder beim Chefosmanen angerufen. Er wollte wissen, was aus seinem Auftrag geworden sei. Der Muskelmann erstattete Bericht. Seine Gruppe sei dabei, den ZDF-Moderator auszuforschen. Deshalb wisse er bereits, dass Böhmermann in Köln wohne. Die genaue Adresse werde er über einen Kontakt bei den „Onkels“ herausfinden.

Ist mit dem Codewort „Onkels“ ein Kontakt bei der Polizei gemeint?

Ermittler gehen davon aus, dass mit den Codewort „Onkels“ ein Kontakt bei der Polizei gemeint ist, mit dessen Hilfe Bagci die genaue Adresse Böhmermanns herausfinden wollte. Wer dieser Kontakt ist, konnten die Fahnder bisher nicht ermitteln. Sie warnten Böhmermann – der musste sich verstecken und wurde von Polizisten geschützt.

Drei Stunden vor dem Bagci-Telefonat hatte Arin einen anderen in Deutschland lebenden türkischen Migranten an der Strippe. In dem Gespräch habe der Mannheimer UETD-Mann deutlich gemacht, dass er seine Anweisungen von Erdogan-Freund und AKP-Abgeordneten Metin Külünk entgegennehme: „Mein Chef ist Metin Külünk. Ich mache, was er mir sagt.“

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Am 6. April 2016 war Külünk den Erkenntnisberichten nach selbst in der Sache Böhmermann aktiv. Um 16.33 Uhr telefonierte er mit einem Mitglied der UETD in Deutschland. Den Mann habe Külünk aufgefordert, weitere UETD-Anhänger zu mobilisieren, Strafanzeige gegen Jan Böhmermann wegen der Beleidigung des türkischen Staatsoberhauptes zu stellen.

Die Ermittler kommen zum Schluss: „Die Übertragung von Aufträgen an die Gruppierung der Osmanen Germania verdeutlicht die Absichten des türkischen Staates, unter tatkräftiger Unterstützung von in Deutschland verankerten Parteien und Unterstützern – wie es die UETD und die Osmanen Germania als Schlägertrupp sind – unter anderem Einfluss auf die Medienlandschaft, die Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland zu nehmen.“

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