Fühlt sich eng verbunden mit dem Wandbild Oskar Schlemmers: der Stuttgarter Galerist Freerk Valentien. Foto: Sabine Schwieder

Ein Wandbild von Oskar Schlemmer weckt Erinnerungen an eine Vaihinger Familie. „Familie“ schließt gegenwärtig eine Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie ab. Ein Bild, das eine schwierige Zeit erlebbar macht und das selbst schwierige Zeiten erlebt hat.

Vaihingen - Es gibt Bilder, die mehr erzählen als auf den ersten Blick zu sehen ist. Das Wandbild „Familie“ von Oskar Schlemmer, das gegenwärtig eine Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie abschließt, ist so eines. Ein Bild, das eine schwierige Zeit erlebbar macht und das selbst schwierige Zeiten erlebt hat. Eine Leserin hat unsere Zeitung darauf aufmerksam gemacht, dass es lange eine Villa am Knappenweg im Dachswald zierte. „Familie“ erzählt die Geschichte eines jungen Paares, das den von den Nationalsozialisten bedrängten Künstler mit einem Auftrag unterstützte.

Der Verleger und Kunstsammler Dieter Keller (1909-1985), dessen Familie den Kosmos-Verlag mitbegründet hat, gehörte mit seiner Schweizer Ehefrau Martha zu einem Kreis von Stuttgarter Bürgern, die zwar nicht aktiv im Widerstand waren, die Ideologie der Nationalsozialisten jedoch einhellig ablehnten. Sie interessierten sich für die Gegenwartskunst und pflegten einen intensiven Kontakt zu den verfemten Künstlern ihrer Zeit. „Mein Vater Fritz gehörte auch zu diesem Kreis“, erzählt der Galerist Freerk Valentien, dessen Leben zeitweise eng mit dem Schlemmer-Bild verknüpft war.

Ein Teil der Bilder wurde heimlich gezeigt

Der 1888 in Stuttgart geborene Maler, Bildhauer und Bühnenbildner Oskar Schlemmer hatte schon früh Schwierigkeiten mit den Nazis. „Seine Fresken am Weimarer Bauhaus wurden 1930 auf Weisung des damaligen Kultusministers übermalt“, berichtet Valentien. Eine Retrospektive im Württembergischen Kunstverein wurde noch vor der Eröffnung geschlossen. Ein Teil der Bilder Schlemmers wurde dann in der Galerie Valentien im Königsbau heimlich gezeigt, wo sich der Künstler und sein Mäzen vermutlich kennenlernten.

Mit Schafszucht, Gemüseanbau oder Auftragsarbeiten wie der Konzeption für den Tarnanstrich eines Gaskessels in Untertürkheim hielt sich Oskar Schlemmer während der Nazi-Herrschaft notdürftig über Wasser. Da kam im Jahr 1939 der Auftrag Dieter Kellers, eine Wand der Villa am Knappenweg zu bemalen, gerade recht. Und Schlemmer ließ sich Zeit mit den Vorbereitungen: Es gab über 70 Studienzeichnungen, bevor er sich an die Wandbemalung machte.

„Familie“ zeigt drei abstrahierte Menschenfiguren

„Familie“ zeigt drei abstrahierte Menschenfiguren: eine Frau vor einem hellblauen Kreis, einen Mann vor einer hellroten Raute und in der Mitte ein Kind: Martha Keller war zum Zeitpunkt des Entstehens schwanger. Mit Wachsfarben, Sand und Goldbronze malte Schlemmer auf imprägnierten und kreidegrundiertem Nessel, einer feinmaschigen Leinwand. Das 220 x 450 Zentimeter große Bild wurde auf eine Gipswand geklebt, mit der ein Durchgang in dem 1937/38 entstandenen Haus geschlossen worden war.

„Das Bild zeigt einerseits die Familie im Werden, andererseits die Todesdrohung, denn Dieter Keller sollte an die Front“, erzählt Freerk Valentien. Die beiden Figuren rechts und links der drei Personen können als Personifikation des Schicksals gesehen werden: eine stilisierte Figur, die den Bildraum verlässt und wie Orpheus den Blick zurück wendet, ein Profil, das auf die drei Personen blickt.

„Die Farben sind gedämpfter als bei Schlemmer üblich, und es fehlt, was sonst in der Bauhaus-Zeit eine große Rolle spielte: die Stellung der menschlichen Figuren im Raum, in der Architektur“, erläutert Valentien. Mit diesem Wandgemälde, so sagt der Galerist, sei der Künstler wieder zu seinem Ausgang zurückgekehrt.

Bild steht dem Verkauf des Hauses im Weg

Der Auftraggeber überlebte den Krieg als Übersetzer in Italien, das damals noch ungeborene Kind lebt in Stuttgart. Das Haus am Knappenweg jedoch wurde verkauft, die neuen Besitzer versteckten das Wandgemälde zeitweilig hinter einem Vorhang. Als sie schließlich das Haus und das große Grundstück verkaufen wollten, erwies sich das Bild als Hindernis: Sowohl das Amt für Denkmalschutz als auch der Nachlassverwalter des Künstlers, der Enkel Raman Schlemmer, wehrten sich mit allen juristischen Mitteln gegen den Abriss. Freerk Valentien, der Anfang der 90er-Jahre beauftragt wurde, das Bild abzubauen, schüttelt heute noch den Kopf über den jahrelangen Streit. „Sie hatten ja Recht, wenn sie wollten, dass das Wandbild zusammen mit dem Raum gezeigt werden sollte“, sagt er, „aber wenn der Raum nicht zu halten ist, dann ist der Ausbau doch die zweitbeste Möglichkeit.“

Erst als man eine Schadensersatzklage androhte, durfte das Wandbild von einem Fachmann extrahiert werden. In Valentiens Galerie in der Gellertstraße fand die „Familie“ zeitweilig Asyl. Mittlerweile ist 70 Jahre nach dem Tod Schlemmers das Urheberrecht ausgelaufen, und so kann die Arbeit in der Staatsgalerie gezeigt werden.

Das Bild spiegelt eine Geisteshaltung in Stuttgart

Wo das Bild aber eines Tages landen wird, ist noch unklar. „Ich finde, es gehört nach Stuttgart, weil es eine Geisteshaltung der Zeit spiegelt. Es gab damals Leute, die auf eine feine Art Unterstützung geleistet haben“, sagt Valentien. Leserin Gertraude Wittke, die auf die Villa am Knappenweg aufmerksam gemacht hat, sieht das genauso: „Hier ist es entstanden, und hier gehört es auch hin.“

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