Spielerberater Mino Raiola backt in der Szene die dicksten Brötchen. Foto: dpa

Die Spielerberater machen den Fußball verrückt. Die ersten Wutfans werfen schon mit Falschgeld.

Stuttgart - Wenn Fußballfans in Wut geraten, werden ihre Wurfinstrumente immer abscheulicher. Kürzlich wollte der schwedische Nationalverteidiger Ludwig Augustinsson für den FC Kopenhagen einen Eckball treten, als er von Fans des Lokarivalen Bröndby IF mit toten Ratten beworfen wurde. „Es war eklig“, sagte er später, aber als Wikinger blieb er eiskalt, kickte die Viecher hinter die Außenlinie – und trat seinen Eckball.

Die lustige Zeit der Bananen und Schweinsköpfe ist vorbei, stattdessen fliegen jetzt stinkende Kanalratten aufs Feld. Oder Falschgeld, wie neulich bei der U-21-EM in Richtung des 18-jährigen Torwart-Wunderkinds Gianluigi Donnarumma. Der Teenager hatte kurz zuvor bekannt gegeben, dass er seinen früheren Treueschwüren zum Trotz an einen jähen Abschied vom AC Mailand denkt, worauf angewiderte Tifosi das Plakat „Dollarrumma“ hochhielten und Münzen und Papiergeld in seinen Strafraum feuerten, um ihm ungefähr zu sagen: „Friss es und erstick daran.“

Sündhaft teuer

Oder galt der Gruß seinem Berater? Wollte der ihn sündhaft teuer zu Real oder einem anderen Geld- und Weltclub lotsen? Mino Raiola heißt der Geschäftstüchtige, und er gilt als glitzernde Kühlerfigur einer boomenden Branche. Die muss aber langsam ihr Image polieren.

„Blinddärme! Niemand braucht sie!“, hat schon vor langer Zeit der Kaiserslauterner Boss Rene C. Jäggi geflucht, dabei waren damals noch nette Kerle darunter. Heute? Immer öfter gilt das Motto: Der Scheck heiligt die Mittel.

Der 1. FC Köln würde beispielsweise von den Brüdern Patrick und Etienne Mendy keinen Gebrauchtwagen mehr kaufen. Profitlich betrieben die Agenten des Torjägers Anthony Modeste zuletzt dessen Wechsel zu Tianjin Quanjian. Ein Jahresgehalt von elf Millionen Euro und eine Ablöse von 35 Millionen Euro standen im Raum, was sich für alle gut anhörte – bis sich die Brüder laut „Bild“ für die eigene Altersversorgung noch ein Zubrot erbaten und FC-Sportchef Jörg Schmadtke der Kragen platzte: „Schluss!“

Klare Kante von Schmadtke

„Das ist klare Kante, gut so“, bedankte sich FC-Idol Bernd Cullmann. Nicht mehr sehen kann der Weltmeister von anno 74 die Fotos von „diesen Beratern mit ihren Rucksäcken“. Aber die brauchen sie, irgendwo muss das viele Geld zum Wegschleppen ja hin.

Ortswechsel. Leipzig. Dort wurde neulich der Agent des schwedischen Stars Emil Forsberg für die RB-Bullen zum roten Tuch, denn Hasan Cetinkaya gab urplötzlich bekannt: „Emil möchte den nächsten Schritt in seiner Karriere machen.“ Vom AC Mailand war die Rede. Die verblüfften Sachsen erlaubten sich, Cetinkaya an Forsbergs gerade erst bis 2022 verlängerten Vertrag zu erinnern, worauf dieser fauchte: „So eine arrogante Art habe ich noch nie erlebt. Ich weiß, wie lange Emil in Leipzig einen Vertrag hat.“ Gratis gab er den Leipzigern noch die Moralkeule: „Sie müssen damit leben, dass sie Emils Träume zerstören.“

Noch viel mehr müssen sie aber damit leben, dass da einer ihre Träume von seriösen Spielerberatern zerstört.

Die übrigen sind Gangster

Es gibt solche und solche, aber dummerweise auch andere. Ein Anwalt, der sich in der Szene gut auskennt, hat sich mit der Enthüllung zitieren lassen: „Jeder vierte Agent berät gut, jeder zweite nicht so gut, und die übrigen sind Gangster.“ An dem Punkt wird die Sache unübersichtlich, und bevor wir jetzt anfangen, mit der Stange im Nebel nach den guten Vierten, den halbguten Zweiten und den unguten Halunken zu stochern, reden wir der Einfachheit halber lieber über die prominenten Pfiffigen.

Der Strippenzieher

Viele kommen aus den ehrbarsten Berufen, waren also ursprünglich beispielsweise Gebrauchtwagenhändler, Sportjournalisten oder Nachtclubbesitzer wie Jorge Mendes. Der Strippenzieher von Ronaldo, Falcao, di Maria, Mourinho und Co. soll schon Transfers im Gesamtumfang von anderthalb Milliarden Euro abgewickelt haben. Auch Mino Raiola, in der Szene der „Pizzabäcker“, backt große Brötchen, er betreut Ibrahimovic, Balotelli, Mkhitaryan oder den Franzosen Paul Pogba, bei dessen 105-Millionen-Euro-Transfer von Juventus zu Manchester United er 49 Millionen kassiert haben soll. Angesichts solcher Ziffern drehen die Agenten das Schwungrad des Millionenkarussells verständlicherweise immer rasanter, jeder Wechsel verspricht Kies und Kohle.

Wechselspekulationen um Lewandowski machten die Runde

Sobald der verlängerte Arm eines Superstars öffentlich redet, rattert bei den Clubs die Alarmsirene, wie unlängst beim FC Bayern. Für alle völlig überraschend beschrieb Maik Barthel, der Berater von Robert Lewandowski, den inneren Zustand seines Starstürmers nach dem Verpassen der Bundesliga-Torjägerkanone als höchst unglücklich. „Wie mir Robert erzählt hat, gab es keine Unterstützung und keinen Appell des Trainers, Robert im letzten Spiel zu unterstützen, um Torschützenkönig zu werden“, wurde Barthel im „Kicker“ zitiert, „er war so was von enttäuscht, wie ich ihn noch nie erlebt habe.“ Sofort machten Wechselspekulationen die Runde. Erst als die Bayern der Konkurrenz für den Fall der unerlaubten Annäherung an ihren langfristig gebundenen Polen mit Fifa-Daumenschrauben drohten, kehrte wieder Ruhe ein, und Lewandowskis anderer Berater Cezary Kucharski drückte den Reset-Knopf: Der FC Bayern sei „der beste Verein für Robert“.

Ein zeitgemäßer Star hat inzwischen zwei Agenten: Der eine lässt die Pferde los – und der andere fängt sie notfalls mit dem Lasso wieder ein.

Berater sprechen oft mit den Zeitungen

Die Branche brummt, aber wenn das Geschäft überhitzt, droht Gewitter. Wie Blitz, Donner und Hagelschlag hat Bayerntrainer Carlo Ancelotti dieser Tage zurückgeschlagen, hören wir kurz rein: „Es ist nicht das erste Mal, dass Berater den Zeitungen etwas Falsches sagen. Es wäre gut, wenn sie mit mir oder dem Club sprechen würden.“

Oder vor Gericht. So argwöhnt der spanische Fiskus, dass ein paar der berühmtesten Mendes-Klienten gewisse Einnahmen über Briefkastenfirmen in Steueroasen laufen ließen. Und Mino Raiola hat mit einem Fifa-Disziplinarverfahren gegen Juventus zu tun, über Unregelmäßigkeiten beim Pogba-Transfer wird gemunkelt. Außerdem macht sein Rohdiamant Donnarumma plötzlich einen auf bockig und will doch in Mailand bleiben – bevor ihn die Fans statt mit Falschgeld mit toten Ratten bewerfen.

An der Stelle schließt sich der Kreis, und wir sind wieder bei Augustinsson. Der spielt künftig für Werder Bremen, seine Berater vom Büro Nsky haben den Transfer seriös abgewickelt. Und das ist gut so – denn einen Arschtritt des Schweden wünscht sich kein Agent, der gesehen hat, wie er die Ratten in Bröndby hinter die Eckfahne kickte.

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