Gerettet! Eine der Schlüsselszenen aus Alfonso Coaròns Film „Roma“ Foto: Netflix

Welche große Geschichte wird die Oscarnacht am Sonntag erzählen? Vielleicht diese: Netflix gewinnt seine ersten Academy Awards. Oder diese: Die alten Studios haben noch mal die Nase vorn. Der Ausgang ist noch offen. Aber Hollywood zittert.

Stuttgart/Los Angeles - Wenn am Montagmorgen mitteleuropäischer Zeit eine Oscar-Nacht zu Ende geht, dann hat sie dem Zuschauer fast immer irgendeine Geschichte erzählt. In jüngerer Zeit gab es die Oscar-Nacht, in der erstmals die afroamerikanischen Künstler Hollywoods im Mittelpunkt standen. Es gab die Oscar-Nacht, die gegen den lügenbasierten US-Krieg protestierte. Es gab die Oscar-Nacht, in der die Moderatorin Ellen DeGeneres live ein Smartphone-Selfie mit Schauspielerinnen der ersten Reihe über Facebook postete. Es gab die Metoo-Oscar-Nacht. Und was wird die Geschichte sein der Oscar-Gala 2019, die am Sonntagabend Ortszeit in Los Angeles beginnt? Nun, womöglich ist es die Story, wie Hollywood bekennen muss, dass der beste Film des Jahres von Netflix kommt.

Vor über neunzig Jahren, im Januar 1927, wurde der Oscar erfunden – von Louis B. Mayer, dem damals mächtigsten Produzenten des noch jungen Hollywood, Chef der Metro-Goldwyn-Mayer-Studios (MGM – die mit dem brüllenden Löwen im Logo). Er wollte dem neuen Massenmedium Film eine jährliche Auszeichnung bescheren, die einerseits die im zurückliegenden Jahr Erfolgreichen ehrte, zugleich aber auch jene technischen und künstlerischen Innovationen, die seiner Meinung nach für die Zukunft des Films unerlässlich waren, um das Publikum stets neu ins Kino zu locken. Zu diesem Zweck wurde die Academy of Motion Picture Arts and Sciences gegründet.

Am Ende kommt der „beste Film“ als Produzentenpreis

Die erste Preisgala fand am 16. Mai 1929 statt – im Bankettsaal des Hollywood Roosevelt Hotels vor 270 geladenen Gästen. Es gab Oscars für Schauspieler, Regisseure und Autoren. Aber am Ende stand als Höhepunkt der „Outstanding Picture“, der beste Film – zum Auftakt noch ergänzt durch einen weiteren Oscar für die „einzigartige künstlerische Produktion“. Der beste Film wurde „Wings“, die beste künstlerische Produktion „Sunrise“ – überreicht nicht etwa den Regisseuren William Wellman und Friedrich Murnau, sondern den produzierenden Studios: Paramount für „Wings“ und Fox für „Sunrise“. Das ist die Philosophie des Oscars bis heute.

Man muss diesen Rückblick halten, um verstehen zu können, um was es am Sonntag in der Oscar-Gala geht. Die rund 5500 Mitglieder der American Academy haben dann in geheimer Wahl abgestimmt über die Oscar-Preisträger in 25 Kategorien. Nach der Zahl der Nominierungen liegen vorab zwei Filme mit zehn gleichauf vorn: Das Schwarzweiß-Sozialmelodram „Roma“ des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón, die bewegende Geschichte eines Kindermädchens, und der Kostümfilm „The Favourite“ vom Griechen Giorgos Lanthimos, ein großer praller Intrigantenstadel vom Hof der englischen Rokoko-Königin Anne.

Es ging nur noch darum, die Oscar-Kriterien zu erfüllen

Aus Sicht der meisten Kritiker kann kein Zweifel bestehen, dass diese beiden Filme tatsächlich die herausragenden Produktionen des vergangenen Jahres waren. Aber es gibt da ein Problem: nur „The Favourite“ ist klassisch (ko-)produziert worden von einem US-Studio (Ironie der Filmgeschichte: es ist wieder Fox), zunächst für die Kinos dieser Welt, dann für die üblichen Weiterverwertungen. „Roma“ stammt dagegen vom Streamingdienst Netflix.

Das Unternehmen sitzt auch in Kalifornien, aber in Los Gatos, produziert seine Filme und Serien ganz vorrangig nicht für Kinobesucher, sondern für Streaming-Abonnenten in aller Welt. Und dass es „Roma“ trotzdem hier und da in Kinos gezeigt hat, diente einem einzigen Zweck: um die Mindestanforderungen der Academy für eine Oscar-Nominierung zu erfüllen und am Sonntag den vielen schon treuen und den noch mehr unentschlossenen Filmfreunden zeigen zu können: „Seht uns an! Denn wir produzieren die besten Filme der Welt – sagt inzwischen selbst Hollywood.“

Welches Studio hätte bei dieser Geschichte denn zugeschlagen?

Wenn es denn so käme, wäre es rein qualitativ völlig gerechtfertigt. „Roma“ ragt aus allem, was dieses Jahr im Oscar-Rennen startet, künstlerisch so deutlich hervor, dass man als Filmfan gar nicht anders kann, als in vielen Kategorien – bester Ton, bester Schnitt, bestes Drehbuch, beste Kamera, beste Regie und, ja, auch bester Film – die Daumen für Cuarón zu drücken.

Und hat Netflix denn Hollywood wirklich etwas weggenommen? Welches große Studio hätte denn zugeschlagen bei dem Vorschlag, einen Schwarzweißfilm über ein indigenes Kindermädchen Anfang der 1970er-Jahre, der fast nur mit mexikanischen Laiendarstellern besetzt ist und dessen erste 15 Minuten aus Alltagsszenen im Haushalt und dem mühsamen Einparken eines viel zu großen Autos in einer viel zu engen Hauseinfahrt bestehen? Ist das nicht gerade der aktuelle Stand der Filmdinge: dass solche ganz klassische Filmkunst eben nicht mehr aus den alten Studios kommt, sondern von Netflix?

Vielleicht geht die Geschichte aber auch ganz anders aus

Wenn es nur nach Qualität geht, kann nur ein anderer Film dieses Eingeständnis am Sonntag noch verhindern: eben „The Favourite“. Die Intrigengeschichte am Hofe der englischen Königin Anne ist ebenfalls großes Bilderkino, intelligent konstruiert, witzig und böse – und noch dazu hervorragend besetzt mit den Stars Olivia Colman, Rachel Weisz und Emma Stone. Endet Lanthimos’ Werk vorn, hätten sich die Academy-Mitglieder zumindest nicht für deutlich konventionellere Mitbewerber entschieden. Das wäre ein Ausweg. Und die Geschichte der Oscar-Nacht 2019 hieße dann: „Wie Netflix wenigstens noch ein Mal von der Party wieder ausgeladen wurde.“

Es gab natürlich in den neunzig Jahren Oscar-Geschichte auch immer wieder die Story: Wie Filme mit -zig Nominierungen in die Abstimmung gingen – und zum Schluss mit fast nichts nach Hause gingen. Vielleicht hat auch plötzlich Spike Lee die Nase vorn, der mit seiner Rassenwahn-Satire „BlacKkKlansman“ ja auch politisch für einiges Aufsehen gesorgt hat. Aber auch das wäre 2019 eine Botschaft. Der Film kann sich auf Dauer nicht drücken, Stellung zu beziehen. Derweil sind nämlich, wie es scheint, die Filmfans schon längst auf dem Weg zu ganz neuen Ufern.

Zu allen Oscar-Favoriten 2019 geht es hier.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: