Sein Sound wurde mit David Lynch verglichen und er hat namhafte Magazine begeistert. Jetzt könnte der Stuttgarter Musiker Michael Fiedler auf dem Weg zum Oscar sein.
Den Preis der Jury beim Filmfestival von Cannes hat „In die Sonne schauen“ schon geholt. Nun geht Mascha Schilinskis Film über vier Frauen, die durch Jahrzehnte voneinander getrennt sind und doch miteinander verbunden sind, als deutscher Beitrag ins Rennen um den Oscar. Am 16. Dezember wird bekannt gegeben, ob er auf der Shortlist des begehrten Filmpreises steht. An diesem Wochenende läuft er in den deutschen Kinos an. Und Michael Fiedler, Musiker aus Stuttgart, wird in einem der Kinos sitzen und die Musik hören, die er für diesen Film schrieb. „Den eigenen Sound im Kino zu erleben“, sagt er, „das wird sensationell.“
Seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht Michael Fiedler Alben, gibt Konzerte. Er spielt elektronische Musik, arbeitet mit Field-Recordings, hat sich spezialisiert auch auf Ambient-Klänge. Seine Alben erscheinen unter Pseudonymen wie Jah Schulz, Tokyo Tower oder Ghost Dubs. Internationale Musikmagazine wie Mojo oder The Wire wurden auf ihn aufmerksam. „If David Lynch had ever been driven to Dub, it might well have sounded like this“, konnte man dort im August 2024 in The Wire lesen, in einer Rezension des Ghost Dubs Albums „Damaged“: „Hätte es David Lynch je zum Dub gezogen, dann hätte es sich vielleicht so angehört.“
Michael Fiedler: Der Soundtrack für die Stille
Die Chance, Musik für einen Film von David Lynch zu machen, besteht leider nicht mehr, aber Mascha Schilinskis dunkles, eindringliches Drama könnte diese Liga fast erreichen. Einmal zuvor schon arbeitete Michael Fiedler mit der Regisseurin zusammen – gemeinsam mit Anna Illenberger bildet er das Avantgarde-Elektronik-Duo Annagemina, das Songs zu Schilinskis Film „Die Tochter“ (2017) einspielte. Auch dieser Film erhielt mehrere Auszeichnungen.
Die Magie der Improvisation in „In die Sonne schauen“
Bei „In die Sonne schauen“ war Michael Fiedlers Vorgehensweise anders. Er arbeitete allein an der Filmmusik, kam im August 2024 zum Team hinzu, als der Film bereits gedreht und geschnitten war. „Musik“, sagt er, „spielt hier eher eine untergeordnete Rolle. Der Film lebt vor allem von starken, atmosphärischen Bildern und arbeitet oft mit Stille.“ Als musikalische Elemente werden neun dunkle Ambient-Tracks von Michael Fiedler eingesetzt, die mit Beiträgen anderer Komponisten kontrastieren – etwa einem Akkordeonstück, einem Popsong, der eine Unterwasserszene untermalt.
„Als ich mit der Arbeit begonnen habe“, sagt Michael Fiedler, „habe ich die fertig geschnittene Version des Filmes bekommen, auf meinen Rechner gelegt und improvisiert.“ Der Computer diente ihm dabei nur als Aufnahme- und Effektgerät, das eigentliche Klangmaterial lieferten Synthesizer, Feedbacks. „Ich habe das modifiziert, gepitcht und versucht, Klänge von einer bestimmten Charakteristik zu bekommen. Es war sehr experimentell. Im Grunde war das wie in einer Live-Situation, nur eben im Studio. Ich wollte eintauchen in diese Welt, ganz ohne Rücksicht darauf, was von mir erwartet wurde. So habe ich eine Soundpalette angelegt, mit 40 oder 50 Stücken, die ich nach Berlin geschickt habe. Aus ihnen wurden die Stücke im Film ausgewählt.“
Mit Filmmusiken hat Michael Fiedler Erfahrung. Über Jahre hin trat er auf mit Live-Improvisationen zu Stummfilmklassikern wie „Nosferatu“ oder „Metropolis“ – zuletzt im Stuttgarter Stadtpalais. Als einen Filmschaffenden sieht er sich dabei aber längst nicht – er fühlt sich zuhause in seinem Studio, in dem er Klänge entwickeln und sich dabei Zeit lassen kann. Die Filmbranche, die von Wettbewerben und Zeitdruck bestimmt wird, ist nicht seine Welt. „Ich betrachte das eher von außen und freue mich über den Erfolg derjenigen, die den Film gemacht haben“, sagt er.
Wenn Bilder zum Klang werden
In größeren Abständen an Filmen mitarbeiten, das möchte er jedoch durchaus. „Ich nehme dabei auf jeden Fall etwas für mich mit“, sagt er. „Wenn man Musik macht, dann hat man ja immer Bilder im Kopf, und im besten Fall geht es dem Publikum ebenso. Wenn man aber Musik für einen Film macht, dann ist es ganz anders – dann sind die Bilder schon da, man verstärkt sie nur.“ Für den Musiker ist das eine fundamentale Erfahrung.
„In die Sonne schauen“ hat Michael Fiedler bereits gesehen – aber nicht in der endgültigen Abmischung mit den Klängen, die er selbst für diesen Film schuf. Deshalb geht er nun ins Kino. „Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe“, sagt er, „hat er mich ziemlich erschlagen. Aber es gibt Szenen in ihm, die in der ehemaligen DDR spielten. Dort bin auch ich aufgewachsen. Darin habe ich mich wiedergefunden.“
Vom Studio ins Kino: Eine emotionale Reise
Was nun aber, wenn „In die Sonne schauen“ gewinnt – wenn es bei der Oscarverleihung 2026, den 98. Academy Awards, am 15. März im Dolby Theatre in Los Angeles, den Preis tatsächlich holt? Michael Fiedler lacht. „All das war so in meinem Leben ja gar nicht vorgesehen“, sagt er. „Was bis jetzt passiert ist, das ist ja schon völlig fantastisch. Und was jetzt noch kommt, das ist einfach nur on top.“
Wer Michael Fiedler live erleben möchte, hat am 25. Oktober in der Manufaktur in Schorndorf Gelegenheit dazu. Der Stuttgarter Musiker ist dort mit seinem Projekt Ghost Dubs zu Gast.
In die Sonne schauen, ab 28.8. in deutschen Kinos >>>
Ghost Dubs, Manufaktur Schorndorf, Hammerschlag 8, Schorndorf, 25.10. 20.30 Uhr >>>