Der Ortsverein der Grünen in L.-E. hat Zulauf – seit 2018 hat er 21 neue Mitglieder verzeichnen können. Foto: dpa/Jochen Lübke

Der Ortsverein der Grünen in Leinfelden-Echterdingen hat viele neue Mitglieder. Warum haben sie sich für den Parteieintritt entschieden, und was haben sie vor? Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.

L.-E. - A n diesem Abend wird es voll. Immer mehr Menschen suchen im Nebenzimmer des Restaurants „Sale e pepe“ nach einem Sitzplatz, Uwe Janssen rückt Tische zusammen und macht Stühle frei. „Man weiß nie vorher, wie viele Leute kommen“, sagt er. Janssen, 68 Jahre alt, ist seit 16 Jahren Mitglied des Ortsvereins L.-E. der Grünen, lange Zeit als Sprecher des Vorstands. Heute sind viele da, der Vorstand des Ortsvereins der Grünen in Leinfelden-Echterdingen, die Stadträte, die Mitglieder des Ortsvereins. Zum „Offenen Grünen Treff“, wie der heutige Abend betitelt ist, kann man aber auch ohne Parteibuch kommen – ein Angebot, das oft angenommen wird.

Der grüne Ortsverein in Leinfelden-Echterdingen hat Zulauf. 67 Mitglieder hat er aktuell, das jüngste ist 15, das älteste 92 Jahre alt. 2019 sind gleich 13 neue Mitglieder dazu gekommen, 2018 waren es acht. Auch die Wähler entscheiden sich häufiger für grün: Bei der Kommunalwahl 2019 verbesserten sich die Grünen von fünf Sitzen auf sechs, von 19,1 Prozent auf 23,2 Prozent, jetzt sind sie zusammen mit den Freien Wählern die stärkste Kraft im Gemeinderat. Auch auf Bundesebene sind die Grünen im Aufwind, die Umfragen sehen sie zeitweise vor der Union.

„Wenn es dich so beschäftigt, musst du aktiv werden“

Carolin Wedel ist seit November 2019 die neue Sprecherin des Vorstands im Ortsverein. Mitglied ist sie erst seit dem vergangenen Sommer. „Ich war nie ein unpolitischer Mensch“, sagt sie, „habe mich immer informiert, die Nachrichten gelesen, bin wählen gegangen“. Mit ihrem Mann lebt sie seit fünf Jahren in Leinfelden-Echterdingen, gerade promoviert sie an der Universität Hohenheim am Institut für Lebensmittelwissenschaften. Der Sommer 2018 wurde für die 30-Jährige in mehrfacher Hinsicht zum Wendepunkt: Ihr Sohn kam auf die Welt, und die „Fridays for Future“-Bewegung erzeugte ein immer größeres Medienecho. Und Carolin Wedel dachte sich: In welcher Welt wird mein Kind aufwachsen? Welche Zukunft hat es? Und was kann ich dazu tun? Das Thema ließ sie nicht los. Schließlich sagte ihr Mann: „Wenn es dich so beschäftigt, dann musst du aktiv werden.“

Wedel wurde Mitglied bei den Grünen, ging zum offenen Stammtisch, fand Anschluss unter Gleichgesinnten. „Die Grünen sind meiner Meinung nach die einzige Partei, die sich progressiv für die Umwelt und den Klimaschutz einsetzt“, sagt sie. „Der Klimawandel ist das dringlichste Thema unserer Zeit.“ Aber nicht das einzige: Für Wedel ist ihr Parteiengagement auch eine Positionierung gegen Rechtspopulismus, für Vielfalt und Toleranz.

Dass sie es gleich auf den Posten der Sprecherin geschafft hat, hat Carolin Wedel selbst überrascht. „Uwe Janssen hat mich angesprochen, ob ich Lust darauf hätte, und mich ermuntert“, erzählt sie. Janssen sagt: „Man muss gute Gelegenheiten nutzen. Da kommt ein junges Talent, das sich engagieren will – natürlich soll sie das machen.“ Die flache Hierarchie, dass eine junge Frau mit Kind hier Chancen hat, die sie in anderen Parteien vielleicht nicht hätte – auch dies bestätigt sie darin, dass sie hier richtig ist. Neben den organisatorischen Dingen, die als Sprecherin anfallen, hat Wedel sich um einen Instagram-Account für den Ortsverein gekümmert. „Wir dürfen das Internet nicht den rechtspopulistischen Stimmen überlassen, sondern müssen Präsenz zeigen.“

Engagement gegen Rechtspopulismus

Ganz ähnlich wie Carolin Wedel beschreibt auch Marco Diepold seine Gründe, den Grünen beizutreten: „Für mich sind die Grünen die richtige Wahl, um mich für Klima- und Umweltschutz, Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Fortschritt einzusetzen“, sagt der 15-Jährige. Er ist zurzeit das jüngste Mitglied des Ortsvereins, sitzt auch im Jugendgemeinderat und meldet sich ungezwungen und selbstsicher beim grünen Stammtisch zu Wort. „Ich habe in den vier Monaten, seit ich Mitglied geworden bin, schon viele tolle, aktive Menschen kennen gelernt, die etwas bewegen wollen“, sagt Diepold.

Zum ersten Mal Politik richtig wahrgenommen habe er auf einer Demonstration gegen Stuttgart 21. „Ich war mit meiner Mutter dort. Es hat mich irgendwie fasziniert, wie so viele Menschen ihre Meinung kundtun und für ihre Interessen eintreten“, erinnert er sich. Auch der wieder erstarkte Rechtspopulismus motiviert ihn, sich dagegen zu engagieren. Aber die lokalen Sorgen in L.-E. hat er ebenso im Blick. „Die mangelnde Ausstattung der Schulen, die Digitalisierung, die Flächenpolitik auf den Fildern“, zählt der 15-Jährige einige Problemfelder auf.

Uwe Janssen freut sich über den Zulauf im Ortsverein. Ein wichtiger Beweggrund, erzählt er, sei das Eintreten gegen aufkeimenden Rechtspopulismus und die damit verbundene Spaltung der Gesellschaft: „Dem wollen sie etwas entgegensetzen.“ Ein weiterer Grund sei der Klimaschutz: „Die Grünen waren ja schon immer die Partei, die das Thema in die politischen Debatten getragen hat.“

Offene Diskussion, was man gegen den Klimawandel tun kann

In der Arbeitsgruppe Klimaschutz wird gerade ein Klimaschutztag auf die Beine gestellt – mit viel Information für die Bürger, was man selbst tun kann. „Viele denken ja: Wenn ich etwas an meinem Verhalten ändere, dann ändert das global trotzdem nichts“, sagt Carolin Wedel. „Aber wir müssen es alle angehen – jeder einzelne trägt zum Problem bei, deshalb kann auch jeder einzelne zur Lösung beitragen.“ Dass der Klimawandel längst da sei, hätten beispielsweise die Brände in Australien gezeigt. „Es gibt konkrete Ansätze, wie man den Klimaschutz effektiv gestalten kann“, sagt Wedel, „und die Diskussion darüber darf so offen sein, wie sie will. Aber nicht, wenn es um die wissenschaftlichen Fakten des Klimawandels geht: Er ist da, und er betrifft Menschen, die unter ihm leiden“.

Beim nächsten Treffen des Ortsvereins soll weiter überlegt und diskutiert werden. Vielleicht kommt diesmal ja auch eines der Gründungsmitglieder vorbei – als Ministerpräsident von Baden-Württemberg hat Winfried Kretschmann aber wohl schon andere Termine im Kalender.

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