Der Meister von Messkirch: Anbetung der Heiligen Drei Könige (Ausschnitt) Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Näher dran am Meister von Messkirch: Was steckt hinter dem Goldglanz der Altäre im frühen 16. Jahrhundert? Beim StN-„Ortstermin“ am Freitag, 2. März, um 16 Uhr in der Staatsgalerie fragen wir nach.

Stuttgart - Sattes Rot und Goldglanz hier, fast Comic-artige Bildgeschichten dort – mit der Reformation wird die Kunst in Deutschland Teil der Glaubenspropaganda. Erstmalig überhaupt ermöglicht die Große Landesausstellung „Der Meister von Meßkirch. Katholische Pracht in der Reformationszeit“ in der Staatsgalerie Stuttgart eine umfassende Bestandsaufnahme. Leserinnen und Leser unserer Zeitung sind näher dran an der großen Kunst – beim „Ortstermin“ am 2. März.

Herr Spira, die Ausstellung beginnt mit einer Achse – hier die reformatorische Bild/Text-Erzählung, die zugleich das Künstler-Ich propagiert, dort der Farb-, Form- und Materialglanz des katholischen Auftragswerkes. Warum dieser Auftakt?
Dem Besucher wird gleich am Anfang bewusst, dass der Meister von Meßkirch nicht stellvertretend für das Kunstschaffen seiner Generation zu verstehen ist, sondern dass es damals wie heute mehrere Antworten auf eine Frage gab und mehrere Wege, auf denen man sich diesen Fragen und Antworten mit künstlerischen Mitteln annähern konnte.
Und dieses bildnerische Gegeneinander war parallel erlebbar?
Mit Beginn der Reformation trat eben nicht einfach eine „reformatorische Kunst“ ­anstelle der „alten“ katholischen Kunst, es existierte vielmehr ein Nebeneinander. Das ist auch das Besondere an der Ausstellung: Sie zeigt nicht eine weitere Ausstellung zu protestantischen Künstlern und sie ­beschränkt sich auch nicht auf das Kunstschaffen der altgläubigen Seite, sondern lässt die Wesenszüge beider Richtungen greifbar werden.
Der Meister von Meßkirch bleibt als Person eine unbekannte Größe. Wie lässt sich aber die Urheberschaft für die doch weit verstreuten Tafeln nachweisen?
Wenn man sich die Liste der Leihgeber anschaut, merkt man, dass das Werk des Künstlers auf zahlreiche öffentliche und private Hände verteilt ist. Dessen ungeachtet verbindet alle Tafeln die eine Hand des Künstlers, sprich eine gemeinsame künstlerische Handschrift. Diese hatte die kunsthistorische Forschung bereits früh ­erkannt.
Was kennzeichnet diese Handschrift?
Ich glaube, dass auch die Besucher, wenn sie sich Zeit nehmen, bestimmte stilistische Eigentümlichkeiten ausmachen können. Man beachte hier beispielsweise die Ausformung der Wolken oder wiederkehrende ­Gesichtstypen.
Gibt es weitere Merkmale?
Aus der kunsttechnologischen Untersuchung der Tafeln aus dem Bestand der Staatsgalerie ergab sich beispielsweise, dass die Vorzeichnungen auf den Tafeln stets überaus detailliert ausgeführt wurden, was keineswegs bei allen Künstlern der Fall war, und auch technische Details wie der ansonsten eher selten nachweisbare Gebrauch von Eisengallustinte als Zeichenmedium konnten hier festgestellt werden.
Wie muss man sich die konkrete Arbeit in Meßkich vorstellen?
Das ist eine der großen Fragen zum Meister von Meßkirch. Wo fand sich seine Werkstatt, wie viele ­Mitarbeiter zählte sie, wie lange waren sie dort beschäftigt, also wurden Mitarbeiter nur für die Dauer des Großauftrages in Meßkirch angeworben oder hatte er feste Gesellen, die er über Jahre hinweg in Anstellung hielt? Eine Werkstatt vor Ort selbst wäre möglich, muss aber nicht vorausgesetzt werden. Ebenso wäre es denkbar, dass der Meister nur für Absprachen mit seinem Auftraggeber dort weilte, die Tafeln aber andernorts ausführte und dann zur Aufstellung nach Meßkirch bringen ließ.
Weiß man etwas über die Aufgabenverteilung?
Grundsätzlich gab es eine klare Arbeitsteilung. So gab es beispielsweise die Farbenanreiber, die die Farbpigmente in die Bindemittel einrieben, es gab die Zubereiter, die die Tafeln vorbereiteten und grundierten und es gab auch Spezialisten, beispielsweise für das Vergolden. Wie viele Mitarbeiter ein Meister beschäftigte hing von den jeweiligen Bedingungen vor Ort ab. War ein Maler zum Beispiel Mitglied in einer Zunft, so musste er sich zumeist festen Regeln hinsichtlich der Zahl der von ihm beschäftigten Lehrlinge und Gesellen unterwerfen. Hofmaler hingegen waren häufig von solchen Regelungen entbunden, doch wird natürlich der Landesherr darauf geachtet haben, dass eine leistungsstarke Werkstätte nicht das Einkommen der übrigen Handwerker und damit deren Steuerleistung über Gebühr minderte.
Die Schau ist eine Große Landesausstellung. Wie lange dauerten denn die Vorbereitungen?
Erste Planungen für die Ausstellung setzten bereits 2013 ein, als es gelang, mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung den Wildensteiner Altar zu erwerben, ein Hauptwerk des namenlosen Künstlers. Elsbeth Wiemann als verantwortliche Kuratorin für die Altdeutsche und Niederländische Malerei hatte sich aber schon viel früher mit dem Meister beschäftigt.
Und wie viele Personen sind in der Staatsgalerie an einem solchen Projekt beteiligt?
Das gesamte Team des Hauses ist ­involviert. Von unserer Direktorin Christiane Lange, ohne die ein solches Ausstellungsvorhaben natürlich nicht umgesetzt werden kann und Elsbeth Wiemann, die das Konzept der Ausstellung plante und die Leihgaben auswählte, über die Restauratoren, die sicherstellen, dass die Werke unter optimalen Bedingungen präsentiert werden können. Dann das Team der Ausstellungskoordination, das ­dafür verantwortlich ist, dass die Ausstellungsräume hergerichtet werden – hier muss beispielsweise gestrichen werden, müssen Vitrinen gefertigt, Stellwände aufgebaut und Objektbeschriftungen in Auftrag gegeben werden. Die Registrare, die für die ordnungsgemäße Abwicklung des Leihverkehrs Sorge ­tragen. Bis hin schließlich zur Abteilung Marketing und Kommunikation, die die Werbung und das Begleitprogramm plant, Führungen koordiniert, aber auch den ­Kontakt zu den Medien pflegt.
Sie scheinen noch nicht am Ende?
Stimmt. Weiter geht es mit den Kollegen, die sich speziell um die sicherheitsrelevanten Fragen bei so einer Ausstellung kümmern, dazu Mitarbeiter, die sich um die Einholung der Bildrechte kümmern, unseren Fotografen, die die Werke aus eigenem Bestand für den Katalog fotografieren, die Abteilung Controlling, der die wichtige Aufgabe der Finanzbuchhaltung zukommt, bis hin zur Abteilung Zentrale Dienste, die sich beispielsweise unter anderem darum kümmert, dass all die Post, die bei so einer Ausstellung anfällt, verpackt und verschickt wird.
Und wie wird aus Ihrer Sicht die Altdeutsche Malerei aktuell wahrgenommen?
Ich denke schon, dass gerade das Reformationsjubiläum vielen Menschen einen neuen Blick auf die Altdeutsche Malerei eröffnet hat. Man muss sich vergegenwärtigen, dass in dieser Zeit das Bild als Agitationsmittel gezielt genutzt und eingesetzt wurde. Arbeiten Cranachs, in denen die Papstkirche und ihre Vertreter diffamiert wurden, nutzten dieselben künstlerischen Mittel, wie politische Propaganda des 20. Jahrhunderts oder heutige Karikaturisten. Das ist ja auch das Schöne, dass jede Ausstellung neue Sichtweisen eröffnet und sich jede Generation mit neuen Fragen und neuem Blick der Altdeutschen Malerei zuwendet.
Wie sehen Sie die Zukunft der Vermittlung dieser Kunst? Helfen die digitalen Möglichkeiten?
Natürlich erleichtern die digitalen Mittel die Vermittlung von Kunst. Es ist toll, dass man heute vor oder nach dem ­Besuch der Schau die Möglichkeit hat, unter www.staatsgalerie.de in der Sammlung Digital alle aus­gestellten Werke noch einmal in Ruhe zu ­betrachten. Oder dass man Details nachspüren kann. ­Etwa der Frage, warum der Meister von Meßkirch den Heiligen Konrad mit einer Spinne auf dem Abendmahlskelch zeigt. Letztlich er­muntern die Digitalen Medien wie auch die Vermittlung über den Audioguide dazu, ­Fragen zu stellen, bei denen man früher nie gewusst hätte, wo man nach möglichen ­Antworten suchen kann oder wer um Rat zu bitten ist. Den Weg ins Museum hin zu den Originalen aber kann alle ­Digitalisierung nicht ersetzen.
b>So können Sie dabeisein

Was? Wie sieht es hinter den Kulissen der großen und kleinen Kultureinrichtungen in der Region Stuttgart aus? Mit welchen Projekten wollen sie ihre Besucher begeistern? Unsere Zeitung gibt mit ihrer Veranstaltungsreihe „Ortstermin“ Antworten. Nächste Station ist am Freitag, 2. März, die Große Landesausstellung „Der Meister von Meßkirch“ in der Staatsgalerie Stuttgart . Beginn im Metzler-Saal (Staatsgalerie-Altbau) ist um 16 Uhr.

Exklusives Angebot unserer Zeitung

Wie? „Ortstermin“-Besucher zahlen für die Einführung mit den Ausstellungs-Mitverantwortlichen Elsbeth Wiemann und Benjamin Spira und die Führung durch die Ausstellung „Der Meister von Meßkirch“ den ermäßigten Preis von 10 Euro. Dieses „Ortstermin“-Ticket ist ein besonderes Angebot unserer Zeitung und der Staatsgalerie Stuttgart. Folglich sind weitere Ermäßigungen (etwa „Freunde der Staatsgalerie“) nicht gültig. 100 Leserinnen und Leser können dabei sein. Ihre Anmeldungen nehmen wir gerne entgegen – online unter: www.stn.de/ortstermin .

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