„Verteufelt brisant“: Szene aus „Ein Tanz auf dem Vulkan“ Foto: Sabine Haymann

Wie sieht es hinter den Kulissen der großen und kleinen Kultureinrichtungen aus? Wer sind die Macher? Die Veranstaltungsreihe „Ortstermin“ der „Stuttgarter Nachrichten“ gibt Antworten. Nächste Station ist am 31. Januar um 18 Uhr das Alte Schauspielhaus in Stuttgart. Anlass ist die Revue „ Ein Tanz auf dem Vulkan“.

Stuttgart - Es werden goldene Zeiten kommen. Das kann man voraussagen. Goldene Zeiten für Veranstalter auch eher zweifelhafter Nostalgie-Shows. In den 2020er Jahren winkt das große Erinnerungsgeld – immerhin ­gelten die 1920er Jahre als das Jahrzehnt der Dopplung der Begriffe Moderne und Freiheit, aber auch als das Jahrzehnt der größten Umbrüche und bitterer Armut.

„Schmettern des Jazz“ in Stuttgart

In seinen Reisenotizen „Visum der Zeit“ skizziert der russische Schriftsteller und Journalist Ilja Ehrenburg 1927 die Situation in Stuttgart: „Unter den Lindenbäumen sind heute nicht die Seufzer Schumanns, sondern das Schmettern des Jazz zu hören; im Stadtpark gibt es eine ,Vorführung der Sommermoden’. Das riesengroße Café ist überfüllt: Kleinbürger, Handlungsgehilfen, Kontoristen, Doktoren und Buchhändler der 20 Musterbuchhandlungen bringen hier ihren Tagesverdienst durch...“.

Und in der Nacht tanzt Josephine Baker

Eine Skizze, die der Historiker Jörg Schweigard nur zu gern bestätigt: „Beliebter Treffpunkt“, sagte Schweigard unserer Zeitung, „war das Excelsior an der Ecke Büchsen- und Schloßstraße. Die junge Lale Andersen sang hier Seemannslieder. Kabarettist Joachim Ringelnatz rezitierte immer angesäuselt in seinem Matrosenanzug ­anstößige Gedichte. Häberle und Pfleiderer, also Willy Reichert und Oscar Heiler, erlebten im Excelsior 1931 ihre Geburtsstunde. Und ganz in der Nähe, im Friedrichsbau, führte Josephine Baker, die ja mit ihrem ­Bananenröckchen das Plakat für die ­Ausstellung ,I Got Rhythm – Kunst und Jazz seit 1920’ im Stuttgarter Kunstmuseum ­zierte, ihre erotische Tänze auf. Während die Nackttänzerin anderswo Auftrittsverbot hatte, war sie in Stuttgart ein gern gesehener Gast.“

Avantgarde in Kunst und Architektur

Umgekehrt sorgen in der Stadt, die architektonisch mit Erich Mendelsohns ­unerreicht rhythmisierten Kaufhaus Schocken, der im Rahmen der Werkbundaustellung von 1927 entstandenen Weißenhofsiedlung oder auch mit dem Verlagshochhaus für das „Stuttgarter Tagblatt“ (eine von seinerzeit 20 Tageszeitungen in Stuttgart!) Zeichen setzt, junge Künstler für Furore. Allen voran Oskar Schlemmer, dessen „Triadisches Ballett“ 1922 eine neue Ära des ­Bühnenspiels begründet. Die anderen Töne, die harten Töne eines politischen Außenseiters, nimmt man zunächst nicht besonders wahr. Schon gar nicht die Reden, die dieser Adolf Hitler zu Fragen der „nationalen ­Kultur“ hält.

„Ortstermin“ am 31. Januar

Haben wir heute, mit dem Wissen um die Vergangenheit, die Chance, Töne der Ausgrenzung, Sätze der vorgeblichen Selbstvergewisserung schärfer zu hören? Das ist die Ausgangsfrage für die Revue „Tanz auf dem Vulkan“, die Manfred Langner, Intendant der Schauspielbühnen Stuttgart, für das ­Alte Schauspielhaus inszeniert hat. Da platzt in den 2020er Jahren ein selbst ernannter Tugendwächter in eine Show über die 1920er. Und Manfred Langner sagt dazu: „Ich denke, wir müssen unsere Geschichte kennen, um daraus lernen zu können. Und die bedenkliche Entwicklung, die unsere Gesellschaft gerade macht – weg von Erfahrungen, Tatsachen und Fakten, hin zu dumpfen und dubiosen Behauptungen politischer Propagandisten – bestärkt mich darin, an eine ähnliche historische Entwicklung zu ­erinnern, die die Welt schon einmal in den Abgrund geführt hat.“

„Die Publikumsreaktionen“ freut sich Langner, „sind bisher ausschließlich positiv. Unsere Zuschauer werden gut unterhalten. Und sie schätzen, dass zur guten Unterhaltung eben auch ,Haltung’ gehört.“

Am 31. Januar können sich die Leserinnen und Leser unserer Zeitung selbst ein Bild machen – beim „Ortstermin“ im Alten Schauspielhaus. Beginn ist um 18 Uhr.

So können Sie dabei sein

So können Sie dabei sein

Als „verteufelt brisant“ bewertete unsere Kritikerin die Revue „Ein Tanz auf dem Vulkan“, die noch bis zum 4. Februar im Alten Schauspielhaus in Stuttgart (Kleine Königstraße 9) zu sehen ist. „Wie golden waren sie, die ,wilden’ Zwanziger Jahre?“, ist die Ausgangsfrage – und wie waren die 1920er in Stuttgart? Manfred Langner, Intendant der Schauspielbühnen Stuttgart (Altes Schauspielhaus und Komödie im Marquardt) hat den viel gelobten Abend gemeinsam mit Horst Maria Merz auf die Bühne gebracht.

Am Dienstag, 31. Januar, bietet unsere Zeitung im Rahmen unsere Veranstaltungsreihe „Ortstermin“ die Möglichkeit, hinter die Kulissen des Projekts zu schauen. Beginn ist um 18 Uhr. Wie haben sich die Beteiligten dem Projekt genähert? Was macht die Faszination der 1920er Jahre aus – und wie aktuell sind sie vielleicht gerade für Stuttgart? Diese und andere Fragen beantwortet Schauspielbühnen-Intendant Manfred Langner im exklusiven „Ortstermin“-Gespräch. Im Anschluss erleben unsere Leserinnen und Leser den Soundcheck zur Abendvorstellung.

Exklusiv für „Ortstermin“-Besucher bietet das Alte Schauspielhaus zudem 30 vergünstigte Tickets für die Abend­vorstellung von „Ein Tanz auf dem Vulkan“ am 31. Januar um 20 Uhr an. Die Karten im Parkett kosten jeweils 25,60 Euro.

„Ortstermin“ am 31. Januar im Alten Schauspielhaus: Ihre Anmeldung und Ihre ­Kartenbestellung nehmen wir gerne entgegen – telefonisch am Montag, 16. Januar, von 12 bis 15 Uhr unter 07 11 / 72 05 – 75 00. Eine reine „Ortstermin“-Anmeldung ohne Ticket-Bestellung ist auch online möglich ( ortstermin@stuttgarter-nachrichten.de ). Die Teilnahme am „Ortstermin“ ist kostenlos, die vergünstigten Tickets für die Abendvorstellung erhalten Sie am 31. Januar im Alten Schauspielhaus. (StN)