Ortsmitte von Magstadt Alles so schön ruhig hier

Von Ulrich Hanselmann 

Geradeaus nach Magstadt hinein geht’s nicht mehr. Die früher viel befahrende Straße endet am nun am Bahndamm in einer Sackgasse. Lastwagen und Autos fahren jetzt um den Ort herum. Foto: StN
Geradeaus nach Magstadt hinein geht’s nicht mehr. Die früher viel befahrende Straße endet am nun am Bahndamm in einer Sackgasse. Lastwagen und Autos fahren jetzt um den Ort herum. Foto: StN

Wohnen Sie an einer viel befahrenen Ortsdurchfahrt? Haben Sie Lärm, Dreck und Staus vor der Haustür gründlich satt? Dann hilft nur Wegziehen – oder viel Geduld. Denn bis eine Entlastungsstraße gebaut wird, können locker drei bis vier Jahrzehnte ins Land gehen.

Magstadt - Der 8900-Einwohner-Ort Magstadt im Kreis Böblingen ist ein Paradebeispiel für das lange Warten auf eine Umgehungsstraße. Schon zu Zeiten, als der Ministerpräsident im Land noch Hans Filbinger hieß, war eine Umfahrung im Gespräch. Filbinger war von 1966 bis 1978 im Amt. Er und andere wichtige Besucher wurden im Rathaus gerne bei geöffneten Fenstern empfangen. Gespräche waren dann nur mit deutlich erhobenen Stimmen möglich. Denn draußen dröhnten Lastwagen und Autos, stauten sich an der Engstelle vor dem Rathaus. Geholfen hat die Zurschaustellung des Elends den Magstadtern freilich jahrzehntelang nichts.

Magstadt im Februar 2013. „Der Schwerlastverkehr ist total weg“, freut sich Sabine Schmidt. Und: „Es ist richtig ruhig geworden.“ Schmidt ist die Vorsitzende des Bürgervereins, der für die B 464 Sindelfingen–Renningen gekämpft hat. Es ist die Umgehungsstraße, die ab Mitte der 1980er-Jahre als Hoffnungsträger für die Gemeinde galt. Damals war auf die geplante Autobahn von Leonberg nach Gärtringen verzichtet worden. Stattdessen sollte die B 464 gebaut werden. Doch daraus wurde lange nichts.

„In der Maichinger Straße ist fast gar nichts mehr los, seit der Bahnübergang geschlossen ist“, sagt Schmidt. „Man kann heute über die Straße gehen.“ Und sie hört Kinderlachen: „Das gab’s vorher nicht.“ Hans-Ulrich Merz, der Bürgermeister von Magstadt, kann die gefühlte Verkehrsentlastung mit Zahlen belegen. 9200 Fahrzeuge in 24 Stunden wurden Ende 2012 am Rathauseck gezählt. „50 Prozent weniger als 2003“, sagt Merz. Damals hatte die Kommune zuletzt den Verkehrsstrom im Ortszentrum erfasst.

Die Bevölkerung freut sich ausnahmslos

Das Rathauseck ist die Engstelle, an der zwei Autos nur mit lieber Müh und Not aneinander vorbeikommen. Ein Lastwagen benötigt die ganze Straße. Da mussten alle durch, die aus Richtung Sindelfingen-Maichingen nach Renningen und weiter zum Autobahnanschluss bei Leonberg wollten. Die Strecke ist weit kürzer als übers Autobahnkreuz Stuttgart. Entsprechend viel wurde sie genutzt – in beide Richtungen. Heute aber geht’s um Magstadt herum: Auf der B 464, die inzwischen von Sindelfingen bis zum Ortsende von Magstadt führt – das Reststück bis Renningen ist noch im Bau. Und auf der Südumfahrung, die im Oktober 2012 eröffnet wurde. Die Ortsdurchfahrt ist derweil gekappt. Sie endet an Lärmschutzwänden beim ehemaligen Bahnübergang Maichinger Straße. „Ich habe nur positive Rückmeldungen von der Bevölkerung“, sagt Schmidt. Auch Autofahrer seien zufrieden.

Bis dahin war es aber ein langer Weg. Der Bürgerverein wurde 1997 gegründet. Den Anstoß hatte Ministerpräsident Erwin Teufel(1991 bis 2005) gegeben. Er hatte sich die katastrophale Verkehrssituation angesehen und den Bürgern empfohlen, Druck auf die Geldgeber im Bund zu machen.

Unterschriftensammlungen, Straßenblockaden – Schmidt und ihre Mitstreiter haben einiges auf die Beine gestellt, um sich Gehör zu verschaffen. Doch die Bremser saßen nicht nur in den fernen Städten Bonn und Berlin, sondern auch im benachbarten Sindelfingen. Dort wurde die vom Regierungspräsidium als beste Umfahrung erkannte Trasse abgelehnt. Sindelfingen wollte eine andere. Landwirte rannten Sturm gegen die gutes Ackerland vernichtende B 464.

„Die Umsätze sind immer weiter zurückgegangen“

Magstadt, „einer der am schlimmsten belasteten Orte im Raum Stuttgart“ (Verkehrsminister Winfried Hermann bei der Eröffnung der Südumfahrung), ist den Durchgangsverkehr los. Es hat lange gedauert. Schneller kann’s gehen, wenn nicht der Bund, sondern ein Landkreis baut – und das ganz ohne emsigen Bürgerverein.

Deckenpfronn, mit 3200 Einwohnern die kleinste Gemeinde im Kreis Böblingen, hat im Jahr 2004 eine Umgehungsstraße bekommen. Kritiker im Kreistag nannten sie bei täglich 7000 Fahrzeugen im Ort „lächerlich“. Geschäfte in Deckenpfronn vermissten alsbald die Kunden, die früher bei der Durchfahrt zum Einkaufen stoppten. Der Lebensmittelladen im Zentrum machte zu. Die Metzgerei wurde zu einem Filialbetrieb. „Die Umsätze sind immer weiter zurückgegangen“, so die damalige Betreiberfamilie.

Davor hatte sich auch Gisela Karow-Schäfer, die Chefin des Edeka-Markts an der Maichinger Straße in Magstadt, gefürchtet. Doch so ist es „Gott sei Dank“ nicht gekommen: „Die Straße“, sagt sie und meint die B 464, „hat mir keine Kunden genommen“. Sie war auch wirklich nötig, denn Magstadt hat „sehr unter den Staus gelitten“.

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