Der Stadtarchivar Alexander Brunotte (links) hat die Grenze aus dem Jahr 1935 zwischen den Füßen: Links Weilimdorf, rechts Korntal – und mit dem Arm zeigt er den alten Grenzverlauf. Winfried Schweikart erforscht schon seit 20 Jahren Grenzsteine.Auf dem alten Grenzstein sind oben die Nummer 101 und unten die Grundstruktur des Gemeindewappens, das sogenannte Maulgatter, zu erkennen. Foto: factum

Im Stadtteil Korntal wird am übernächsten Sonntag ein neuer alter Grenzstein wieder aufgestellt. Winfried Schweikart hat die schweren Dokumente aus früherer Zeit in den vergangenen Jahren dokumentiert.

Korntal-Münchingen - Sie sind schwer, etwa 60 Zentimeter hoch und 25 breit, die einstmals eingemeißelten Zeichen und Buchstaben auf den beiden Breitseiten sind vom Zahn der Zeit ausgewaschen, die meisten haben an der gewölbten Oberseite eine millimetertiefe Kerbe: So sieht typischerweise ein alter Grenzstein aus. Obwohl eigentlich sprachlos, übermitteln sie dem Kundigen viele historische Fakten.

„Sie erzählen Geschichten vom Leben und den Verhältnissen von damals“, sagt Alexander Brunotte, der Stadtarchivar von Korntal-Münchingen. In Korntal rücken am Sonntag, 8. September, etliche dieser Grenzsteine in den Mittelpunkt. Winfried Schweikart, der Hobby-Ortshistoriker, schließt damit ein Projekt ab, mit dem er sich seit 1998 beschäftigt hat.

GPS und Bürste sind wichtig

Im Auto hat der 74-Jährige immer seinen „Grenzstein-Rucksack“: Pläne sind darin, ein GPS-Gerät zum Bestimmen eines Standorts, Spachtel, Kelle und Bürste zum Säubern einer Fundstelle, eine Gartenschere, Zeichenkohle zum Nachziehen von eingemeißelten Zeichen. Dazu Vesper und Apfelschorle. Wenn Schweikart loszieht, dauert das.

Denn der Mann mit dem Faible für Ortsgeschichte hat in den vergangenen Jahrzehnten rund 3000 Grenzsteine aufgespürt und dokumentiert. Nicht nur die Grenzen von Korntal-Münchingen und Stuttgart habe er abgelaufen, berichtet der gebürtige Zuffenhauser, sondern auch die von Stuttgart – und einen Teil der Grenze zwischen Baden und Württemberg. Das war im Nordschwarzwald und im Kraichgau. „Die meisten Steine stehen im Wald“, berichtet er, „auf den Feldern gibt es kaum noch welche.“

Deshalb leistet Schweikart in den Augen von Stadtarchivar Brunotte auch wertvolle Arbeit. „Wir haben im Archiv genaue Beschreibungen des Grenzverlaufs von 1785“, berichtet er. Die Grenze verlief damals noch nicht zwischen den Städten Stuttgart und Korntal-Münchingen. Sondern zwischen dem selbstständigen Ort „Weil im Dorf“ und der Hofmarkung des Ritterguts Korntal. Diese wurde 1819 der Brüdergemeinde überlassen, um sich anzusiedeln. Weilimdorf wurde 1933 nach Stuttgart eingemeindet, die fusionierte Stadt Korntal-Münchingen entstand 1975.

Markungslinie elf Kilometer lang

„Die Hofmarkung wurde 1819 zur Markung der neu entstandenen Gemeinde Korntal“, erklärt Brunotte. Die Markungslinie, also die Grenze, ist etwa elf Kilometer lang: „Korntal blieb im Grunde bis heute auf diesem Gelände.“ Bis auf das Jahr 1935. Damals gab es einen kleinen Geländetausch: Korntal gab den Greutterwald nach Stuttgart-Weilimdorf ab und bekam einen Teil der Gschnaidtwiesen. Unter anderem dort entsteht das Neubaugebiet Korntal-West.

Die alte Grenze verlief senkrecht zu dem Feldweg, der die Verlängerung des Isolde-Kurz-Wegs ist. Brunotte kann mit einem Bein in Stuttgart und mit dem anderen in der eigenen Stadt stehen – der Zaun einer Rindviehweide ein paar Meter weiter markiert den alten Grenzverlauf ziemlich gut. Ein kleiner Betonklotz, von einem Vermessungstechniker präzise bestimmt, zeigt einen alten Grenzpunkt. Darauf wird am übernächsten Sonntag ein neuer Grenzstein gesetzt.

Der Stein steht seit Jahren bereit

So ganz neu ist er aber nicht. „Der Stein steht schon seit 2001 auf unserem Bauhof“, erzählt Brunotte. Das etwa 1,30 Meter hohe und zentnerschwere Stück sei von einem Zuffenhäuser Steinmetz mit alten Werkzeugen und Methoden angefertigt worden. Bisher sei man nur nicht dazu gekommen, das Ding aufzustellen. „Nun aber ist im Jubiläumsjahr von Korntal der perfekte Zeitpunkt dafür“, sagt Brunotte. Am bundesweiten Tag des Denkmals will man so die wenig beachteten Kleindenkmale ins Blickfeld rücken.

Übrigens, so Brunotte, habe auch die geplante Bewirtung historische Wurzeln: Früher habe es immer wieder Spaziergänge der älteren Generation mit Kindern entlang der Grenzen gegeben: „Die Jungen mussten sich die Strecke einprägen, dafür gab es ein paar Kreuzer.“ Damit sollten die Kenntnisse im Gedächtnis der Ortsbewohner fortgeschrieben werden. Danach wurde gefeiert. Auch in diesem Punkt unterscheidet sich übrigens das Damals vom Heute: Am übernächsten Sonntag wird kein Hammel gebraten.

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