Dieses Kranichpaar hat sich das Wurzacher Ried als Kinderstube ausgesucht. 2023 zog es hier zwei Jungvögel auf. In diesem Jahr wurde bisher nur ein Küken gesichtet. Foto: Wolfgang Einsiedler

Im Wurzacher Ried hat sich ein Kranichpaar zur Brutaufzucht niedergelassen. Noch rätseln Fachleute, warum die Großvögel seit Kurzem den Südwesten auf ihrer Flugroute haben.

Georg Heine hat sich an diesem sonnigen Frühjahrstag auf die Lauer gelegt. Mit hohen Gummistiefeln ist er seit dem frühen Morgen im Naturschutzgebiet unterwegs, um mit Fernglas und Spektiv, aber vor allem mithilfe seines Gehörs, die in dem Moor lebenden Vogelarten zu dokumentieren.

 

Der 71-Jährige aus Wangen im Allgäu sammelt für die Naturschutzbehörden ornithologische Daten von der Baar bis zum Lech, von der Donau bis zum Bodensee. Mitten in seinem Observationsgebiet liegt das Wurzacher Ried, das größte intakte Hochmoor Mitteleuropas.

Ein seltener Gast

„Kiju-wiit, Kiju-wiit – Kiju-wiit, Kiju-wiit.“ Heine hält inne und tippt einige Ziffern in ein selbst entwickeltes Gerät zur Dokumentation von Vogelarten. „Ein Kiebitz“, sagt er. Der Vogel selbst bleibt verborgen, seine Anwesenheit verrät er nur durch seinen markanten Ruf. Danach geht es Schlag auf Schlag: Ein Rotmilan kreist am Himmel, Graugänse suchen die Wasserflächen in der Nähe auf, ein Kuckuck ruft irgendwoher aus dem dichten Wald, und am Rand eines kleinen Sees verharrt mucksmäuschenstill ein Waldwasserläufer. „Ein seltener Gast und als Brutvogel im Ried bisher nicht gelistet“, flüstert Heine.

Aber eigentlich ist Georg Heine an diesem Morgen hier wegen seiner Ehrengäste im Wurzacher Ried: ein Kranichpaar. Vermutlich dasselbe, das bereits in den vergangenen Jahren hier, mitten in Oberschwaben, seinen Nachwuchs aufgezogen hat. Genau genommen sind es drei Tiere: Ein Jungtier ist in diesem Frühjahr schon beobachtet worden, erzählt Heine. Die zahlreichen kleinen Inseln auf den Riedseen, die im Zuge des Torfabbaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind, seien ganz typische Kranichbrutplätze, sagt der Vogelkundler. Umgeben von Wasser bieten sie einen idealen Schutz vor Predatoren wie dem Fuchs oder Mardern.

500 Kilometer am Tag

Seit acht Jahren beobachtet Georg Heine, der Mitglied im Naturschutzbund ist, das Kranichpaar im Wurzacher Ried. „2016 hat es zum ersten Mal auf einer der kleinen Inseln gebrütet“, sagt er. In manchen Jahren zog das Paar drei Jungvögel groß, in anderen nur eines. Und manchmal blieb der Bruterfolg auch ganz aus.

In diesem Jahr also ein Küken – vom einzigen Kranichbrutpaar in ganz Baden-Württemberg, wie Heine betont. „Sie sind etwa bis November da, und wenn es zu kalt wird, ziehen sie weg.“ Warum ausgerechnet das Ried als Brutplatz? „Vermutlich machten sie sich einfach nicht die Mühe, auf ihrer neuen Zugroute weiterzufliegen“, meint Heine. Dabei sei es für die Großvögel ein Leichtes, Strecke zu machen: „Kraniche können locker 500 Kilometer am Tag fliegen.“ Insgesamt legen sie auf ihre Zügen von Norden nach Süden und umgekehrt bis zu 4000 Kilometer zurück.

Weil sich die Kraniche an diesem Vormittag partout nicht zeigen wollen und wahrscheinlich gerade auf einer der ausgedehnten Wiesen rund um das Ried auf Nahrungssuche sind, zieht schließlich der Waldwasserläufer die Aufmerksamkeit Heines wieder auf sich. Durch das Spektiv ist zu erkennen, dass der Vogel weiterhin völlig still im seichten Wasser steht.

Ein vergleichsweise neues, aber wahrscheinlich bleibendes Naturschauspiel

„Der macht den Eindruck, als ob er ein Nest bewacht“, mutmaßt Heine, der schon seit seiner Kindheit Vögel intensiv beobachtet. Würden hier tatsächlich Waldwasserläufer brüten, wäre das für Ornithologen fast genauso wie die Brut der Kraniche eine kleine Sensation.

Früher undenkbar, kann man die Kraniche, die viele aus Urlauben in Norddeutschland und Skandinavien kennen, seit einigen Jahren im Herbst auch in Baden-Württemberg auf ihrem Weg in den Süden beobachten. Von der Landesmitte bis ins Allgäu und zum Bodensee sind die typischen Keilformationen der Zugvögel zu beobachten. Ein vergleichsweise neues, aber wahrscheinlich bleibendes Naturschauspiel.

Warum die Kraniche bei ihrer Reise nach Spanien und Nordafrika auf einer neuen Route inzwischen den Südwesten queren, darüber können auch Ornithologen wie Daniel Schmidt-Rothmund bislang nur mutmaßen. „Der Ursprung der neuen Zugroute parallel zu den Alpen könnte in der Zunahme der Brutpopulationen in Nordostdeutschland, Polen, Westrussland und Schweden zu suchen sein“, sagt der Leiter des Nabu-Vogelschutzzentrums Mössingen. Soll heißen: Umso mehr Vögel sich im Herbst auf den Weg nach Süden machen, desto wahrscheinlicher wird es, dass einzelne Individuen auch mal von den angestammten Routen abweichen. Abenteuer liebende Pioniere sozusagen.

Die Kranichroute verläuft quer durch Baden-Württemberg

Die bisherigen Zugstrecken führten die Kraniche im Wesentlichen von ihren Brutgebieten in Nordeuropa über Nord- und Mitteldeutschland nach Frankreich und weiter auf die Iberische Halbinsel. Dieser diagonale Wegverlauf erklärt, weshalb die Vögel früher allenfalls den Norden Baden-Württembergs gestreift haben. Ein zweiter Korridor weist die Vögel knapp östlich der Alpen Richtung Ungarn und Italien, um von dort aus Nordafrika zu erreichen. Ein dritter, osteuropäischer Zugweg lenkt sie von Nordosteuropa über die Türkei und Israel bis in den Osten des afrikanischen Kontinents.

Gut möglich also, dass es aufgrund der großen Population seit etwa 25 Jahren eine Ost-West-Flugroute südlich und seit etwa 15 Jahren auch eine nördlich der Alpen gibt. „Vielleicht haben sich ja auch Windrichtungen geändert“, sagt Schmidt-Rothmund. Das sei noch nicht hinreichend untersucht. Dass es in den Brutgebieten zu einem Bestandszuwachs gekommen ist, sei zumindest gesichert und habe seine Ursache vor allem im effektiven Schutz der Vögel.

Weitere Folgen der neuen Kranichroute quer durch Baden-Württemberg dürften sich in den kommenden Jahren einstellen: So traf bereits im vergangenen Jahr im Vogelschutzzentrum Mössingen der erste verletzte Kranich ein, der beim Zug über das Land auf der Strecke blieb.

In Bayern ziehen bereits seit einigen Jahren Kranichpaare ihre Brut auf

Baden-Württemberg stehe wohl am Anfang einer Wiederbesiedlung, erklärt Daniel Schmidt-Rothmund. Früher oder später werden nach Ansicht der Ornithologen hierzulande brütende Kraniche keine ganz große Seltenheit mehr sein.

In den Fachbüchern taucht der Kranich als Brutvogelart in Baden-Württemberg zwar noch nicht auf, doch da im benachbarten Bayern bereits seit einigen Jahren regelmäßig mehr als 40 Paare ihre Brut aufziehen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass im Frühjahr nach und nach immer mehr Kraniche auf ihrem Weg in die angestammten Brutgebiete feststellen: Auch im Südwesten gibt es hübsche Kinderzimmer, wo man prima seinen Nachwuchs aufziehen kann.

Strenger Schutz

Wie Schmidt-Rothmund glaubt auch Heine, dass der Zug der Kraniche über Baden-Württemberg dazu führen wird, dass die Vögel hierzulande in größerer Zahl brüten. „Sie ziehen jetzt schon in breiter Front über Süddeutschland hinweg“, sagt er. Im Herbst genauso wie im Frühjahr. Nur lassen sich die Vögel im Frühling nicht so leicht beobachten wie im Herbst, weil sie es auf ihrem Weg in die Brutgebiete sehr eilig haben und dann vor allem bei Nacht fliegen.

Dass auch Kraniche im Wurzacher Ried potenziell wieder ideale Brutbedingungen vorfinden, ist dem strengen Schutz des Gebiets geschuldet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde hier systematisch Torf als Brennmaterial abgebaut. Noch heute sind die alten Gleise, auf denen das Torf in Loren abtransportiert wurde, im Moorboden zu erkennen. Auch zahllose Maschinen, die einst bei der Torfgewinnung eingesetzt wurden, rosten im Ried noch vor sich hin. Um 1960 kam hier der industrielle Abbau von Brenntorf vollständig zum Erliegen. Heute darf der Kernbereich des Naturschutzgebiets nur noch mit Sondererlaubnis betreten werden.

Anlass zur Hoffnung

Insgesamt leben im Wurzacher Ried rund 230 Vogelarten, davon 185 während der Brutzeit. „Im Moor brüten so wichtige Arten wie Schwarzstorch, Bekassine, Wachtelkönig, Berglaubsänger, Tannenhäher oder Birkenzeisig“, erklärt Heine. Dazu kommen sehr seltene Sommergäste wie Schlangenadler, Fischadler, Rotfußfalke.

Im Bereich des heutigen Baden-Württemberg sind bis ins vierte Jahrhundert nach Christus Brutvorkommen des Kranichs belegt. Danach erneut im Mittelalter und nachfolgend bis ins 19. Jahrhundert. Dann erlosch das Vorkommen im Südwesten. Georg Heines Beobachtungen geben Anlass zur Hoffnung, dass auf das Wurzacher Brutpaar bald weitere folgen werden. Die Rückkehr der Kraniche hat vielleicht schon begonnen.