Braucht es einen professionellen Berufscoach? Oder reichen die Infos der Agentur für Arbeit aus, wenn die Eltern ihren Nachwuchs auf dem Weg in die Ausbildungswelt unterstützen? Foto: Dominique Leppin/Zacharie Scheurer/dpa

Eltern wünschen sich für ihren Nachwuchs eine gute Zukunft. Für ein professionelles Berufecoaching greifen manche tief in die Tasche. Was bringt das?

Es ist eine Frage, die viele Jugendliche viel zu oft hören. Nicht nur von den Eltern, sondern gerne auch, wenn die Großeltern, Tanten oder Onkel zu Besuch sind: „Und, weißt du schon, was du später einmal werden willst?“ Johannes Wilbert kann darüber nur den Kopf schütteln. Diese Frage sei „tödlich“, weil es den Nachwuchs unter Druck setze, sagt er und ergänzt: „Wenn das Kind eine Antwort darauf wüsste, dann hätte es diese doch schon kommuniziert.“

 

Johannes Wilbert, Jahrgang 1960, ist nach eigenen Angaben einer der ersten Berufscoaches in ganz Deutschland gewesen. Viele Jahre lang arbeitete er in einem Konzern, auch im Personalbereich, zuletzt in leitender Funktion. Berufsbegleitend absolvierte er ein Studium der Berufspädagogik bevor er 1999 sein Institut zur Berufswahl gründete. Mittlerweile hat er mehrere Standorte in ganz Deutschland. Im Laufe der Jahre haben er und sein Team etwa 4000 Menschen dabei unterstützt, einen guten Weg in die Zukunft einzuschlagen.

Sein wichtigster Rat für Eltern ist: „Sie sollten mit ihren Kindern im Dialog sein, um mitzubekommen, was sie für Vorstellungen von ihrem späteren Leben haben.“ Dafür müsse man offene Fragen stellen, die zur Reflexion anregen, also zum Beispiel: „Wie denkst du über deine Zukunft?“ Sinnvoll könne es auch sein, von sich selbst zu erzählen. „Etwas über die Biografie der Eltern zu erfahren, ist für die Kinder immer spannend“, ist Johannes Wilbert überzeugt. So könne man als Mutter oder Vater gut in ein Gespräch einsteigen.

Johannes Wilbert hat 1999 sein Institut zur Berufswahl gegründet. Foto: privat

Manche Eltern jedoch wünschen sich bei der Wahl des Ausbildungsplatzes oder Studiengangs professionelle Unterstützung für ihr Kind. Dann suchen sie nach einem Berufscoach wie Johannes Wilbert. Seit Corona sei die Nachfrage gestiegen. „In turbulenten Zeiten brauchen junge Menschen mehr denn je eine Anleitung, um für sich selbst eine Struktur zu finden“, sagt Wilbert. Die Initiative, einen Berufscoach zu kontaktieren, gehe oft von den Müttern und Vätern aus. Wilbert betont aber, dass die Jugendlichen für den Prozess bereit und offen sein müssen, wenn dieser zum Erfolg führen soll.

Die Rolle der Eltern beim Coaching

„Der Blick von außen kann wichtig sein“, sagt Wilbert. Eltern würden zuweilen in Mustern denken und bewusst oder unbewusst ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche auf den Nachwuchs übertragen. In einem Coaching gehe es darum, dass das Kind herausfinde, was es wolle. Als Experte moderiere er diesen Prozess. Dabei schließe er die Erziehungsberechtigten nicht aus, vielmehr seien diese in verschiedene Feedback-Schleifen eingebunden.

Ein Coaching bei Johannes Wilbert umfasst in der Regel neben dem kostenlosen Erstgespräch fünf Sitzungen und schlägt mit insgesamt 980 Euro zu Buche. Im Preis inbegriffen ist der 30-seitige Reflexionsbogen, den die Klienten selbst in ihrer Freizeit ausfüllen. Als Grundlage, wie Johannes Wilbert sagt. Zudem bietet er immer auch ein kostenloses Nachgespräch an, um die Ergebnisse nachzuhalten und um seine eigene Arbeit zu evaluieren.

Für den Experten sind bei der Berufswahl zwei Fragen entscheidend:

  • Wer bin ich?
  • Wo werde ich gebraucht?

„Diese beiden Fragen sind der Kern einer jeden beruflichen Orientierung. Es sind dieselben Fragen, die auch bei der Bewerbung eine entscheidende Rolle spielen“, sagt Wilbert. Er rät dazu, sich für jede der beiden Fragen einen Kreis vorzustellen. Gesucht werde dann die Schnittmenge. Denn für jeden Menschen gebe es eine Vielzahl an Berufen, in denen sie gebraucht werden. Aber nicht jeder dieser Jobs sei für den jeweiligen Menschen auch geeignet. Darum müsse man sich am Beginn des Prozesses überlegen, was man selbst wolle. Wilbert spricht von „innerer Klarheit“ als „Systemvoraussetzung“ oder „Fundament“.

Erst wenn diese Entscheidung getroffen sei, ergebe es Sinn, sich mit der Vielzahl der möglichen Berufe auseinanderzusetzen, um zu einer „strukturellen Klarheit“ zu kommen. Die Schnittmenge beider Kreise bezeichnet Wilbert als „vollendete Klarheit“.

Das klingt sehr theoretisch. Aus Johannes Wilberts Sicht jedoch ist dieser Ansatz elementar. Denn oft laufe es andersrum: Die Schülerinnen und Schüler würden mit ihren Eltern auf Messen gehen, in der Hoffnung, dort auf den richtigen Studiengang oder Ausbildungsplatz zu stoßen. „Aber ich kann doch nicht auf eine Messe gehen, ohne zu wissen, was ich wirklich will. Wenn ich das mache, werde ich orientierungslos“, findet der Experte.

Kostenloses Berufecoaching bei der Jugendagentur Stuttgart

Auch Matthias Hoffmann sagt: „Es ist sinnvoll, sich Zeit zu nehmen, um herauszufinden, wohin der eigene Weg gehen soll.“ Er ist Berufscoach bei der Jugendagentur Stuttgart, die zur Stuttgarter Jugendhausgesellschaft gehört. Der studierte Sozialpädagoge hat verschiedene Weiterbildungen besucht und führt pro Jahr etwa 150 Gespräche, in denen es darum geht, den passenden Ausbildungsplatz oder Studiengang zu finden. Nicht alle Beratungen sind so umfassend wie ein kostenpflichtiges Berufecoaching, manche aber schon – je nachdem, was genau der Jugendliche braucht. In jedem Fall aber ist das Angebot der Jugendagentur kostenlos.

Berufscoach Matthias Hoffmann (links) und Tom Kipp, der Leiter der Jugendagentur Stuttgart, raten Eltern, sich mit Ratschlägen eher zurückzuhalten. Foto: Jugendagentur Stuttgart

Der Blick von außen könne wichtig sein, sagt Matthias Hoffmann. „Die Eltern sind bei der Berufsfindung nicht immer die besten Ratgeber.“ Dank seines professionellen Hintergrunds habe er gelernt, den Fokus auf das Kind zu richten und unvoreingenommen an das Thema ranzugehen. Matthias Hoffmann beginnt seine Beratung mit einem Gespräch, um die Wünsche, Stärken und Potenziale seines Gegenübers herauszuarbeiten. Die Ergebnisse fasse er in einem Protokoll zusammen, das die Jugendlichen mitbekommen.

Im zweiten Schritt gehe es darum, zu den Kompetenzbereichen passende Berufs- und Studienfelder zu finden und gegebenenfalls dabei zu helfen, eine Entscheidung zu treffen.

Matthias Hoffmann rät Eltern, Interesse für ihren Nachwuchs zu zeigen, sich aber mit Ratschlägen zurückzuhalten. Insbesondere Vergleich mit anderen oder mit sich selbst solle man sich lieber verkneifen. Für Tom Kipp, dem Leiter der Jugendagentur Stuttgart, ist vor allem eine Frage wichtig: „Kann ich dich unterstützen, und wenn ja, wie?“

Er wirbt dafür, auch ein sogenanntes Gap-Year in Erwägung zu ziehen, also Erfahrungen im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahrs, eines Bundesfreiwilligendienstes oder eines Auslandsaufenthalts zu sammeln. Die Jugendagentur Stuttgart berät auch zu diesen Möglichkeiten. Die meisten Schulabgänger, selbst die Abiturienten, seien noch sehr jung, sagt Tom Kipp und fügt hinzu: „Da kann man noch mal nach links und rechts schauen. Die Karriere kommt dann noch früh genug.“

Agentur für Arbeit unterstützt bei der Berufswahl

Wer den Weg zum passenden Beruf sucht, wird auch bei der Agentur für Arbeit fündig. Im Internet gibt es unter der Überschrift „Noch planlos: Und jetzt?“ einen Leitfaden, der dabei helfen soll, „herauszufinden, was du kannst, was dich interessiert – und welche Wege es gibt“.

Auch die Arbeitsagentur rät dazu, zunächst einen Eignungstest zu machen, um mehr über seine Stärken und Interessen zu erfahren. Sie bietet verschiedene Tests an, die kostenlos am Computer oder vor Ort in der Arbeitsagentur absolviert werden können. Im zweiten Schritt gelte es dann herauszufinden, welche Berufe es gebe und welche Ausbildung oder welches Studium dafür nötig ist. Auch hierfür stellt die Agentur online und vor Ort Informationen zur Verfügung.