Von Pfeifen umgeben: Orgelbaumeister Gilbert Scharfe in der katholischen Kirche in Ottenbach. Foto: Giacinto Carlucci

Der Orgelbau erschöpft sich nicht in handwerklichem Können. „Die Orgel muss den Menschen anpacken und er muss ihren Klang in sich spüren“, sagt Orgelbaumeister Gilbert Scharfe.

Kreis Göppingen - Die Empore der Ottenbacher Kirche Sankt Sebastian steht noch voll mit Handwerker-Utensilien, während der Mitarbeiter im Orgelgehäuse am Intonieren arbeitet. In einer Woche soll der Umbau abgeschlossen werden, sagt Orgelbaumeister Gilbert Scharfe. Stolz zeigt er den neuen, in seiner Werkstatt gefertigten Spieltisch, dessen Notenpult aus Nussbaumholz ins Auge fällt.

Die Orgel der Kirche musste umgebaut und der elektronische Anteil, der neben dem traditionellen Pfeifenanteil bestand, entfernt werden. Die zweimanualige Orgel bekam drei neue Register und hat jetzt bei mechanischer Spieltraktur und elektrischer Registertraktur insgesamt 12 Register mit 832 Pfeifen. Höchste Priorität hat für Scharfe auch an dieser Orgel die „Klanglichkeit“. Dazu müsse die sogenannte Acht-Fuß-Lage bei den Registern besonders gut vertreten sein, weil dies der menschlichen Tonlage entspreche.

Pfeifen aus heimischen Hölzern

Man bezeichnet auf der Orgel den tiefsten Ton einer Pfeifenreihe nach dem alten Fußmaß. Ein Acht-Fuß bedeutet, dass die tiefste Pfeife eine Länge von acht mal 30,5 Zentimeter, also 2,44 Meter hat. Die Orgel in Ottenbach hat darüber hinaus noch einen 16-Fuß-Subbass, mehrere Vier-Fuß-Register und auch eine Mixtur, bei der mehrere Pfeifen im Quint- und Oktavabstand pro Ton erklingen.

Wenn Gilbert Scharfe aus Bünzwangen von der Kunst des Orgelbaus erzählt, wird schnell klar, dass es außer einem großen handwerklichen Können noch mehr braucht. „Die Orgel muss den Menschen anpacken und er muss ihren Klang in sich spüren.“ Sie müsse trösten können, aufbrausend sein, feierlich und fröhlich wie auch zärtlich sein können. Dafür brauche es viel Gefühl und Erfahrung beim Intonieren, ein gutes Gehör, ein Gesamtkonzept fürs Erspüren der Klangfarben, die zur optischen Farbe des Raumes und seiner Architektur passen. Nichts sei von einer Orgel zur anderen übertragbar und jede ein absolutes Unikat. Jedes Bauteil habe eine klangliche Auswirkung, so Scharfe. Die Faszination des kreativen Gestaltens sei das Schöne an seinem Beruf. Damit dies erreicht werden kann, stellt Scharfe möglichst viel selbst her. Die Holzpfeifen fertigt er aus heimischem Holz wie Ahorn, Kiefer, Birne, Zwetschge, Nussbaum oder Weißbuche. Mit dem Spezialisten Christian Schwarz, der in Winterbach ein Mobil-Sägewerk hat und das Holz je nach funktionaler oder optischer Erfordernis aufschneidet, versteht sich Scharfe wortlos. Nach dem Sägen muss das Holz vor der Verarbeitung drei bis sechs Jahre im eigenen Holzlager ruhen. Lediglich Winderzeuger, Elektronik sowie Metallpfeifen kauft er bei Spezialisten zu.

Der Klang muss zum Kirchenraum passen

Die Klanggestaltung und der Charakter einer Orgel werden durch etwa 150 Parameter wie Obertönigkeit, Ansprechverhalten, Lautstärke, Klangvolumen und vieles mehr beeinflusst. Dieses sogenannte Intonieren gehört zur Hauptaufgabe des Orgelbauers. Die Vorintonation wird in der heimischen Werkstatt gemacht, bevor sie dann auf den Kirchenraum angepasst wird. Gilbert Scharfe hat im Landkreis Göppingen schon viele Orgeln in Arbeit gehabt, wie beispielsweise die Stadtkirchenorgel in Geislingen, aber auch Instrumente in Gingen/Fils, in Sulpach oder an seinem Heimatort Bünzwangen.

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