Organspenden retten Leben. Doch seit Jahren gehen die Transplantationen zurück. Foto: s-l/Adobe Stock

Die Zahl der Organspenden ist im vergangenen Jahr erneut zurückgegangen. Nur mit einer umfassenden Strategie kann diesem unerfreulichen Trend entgegengewirkt werden, glaubt Mathias Bury.

Stuttgart - Die jüngsten Zahlen zur Organspende in Deutschland haben nicht nur die Fachleute aufgeschreckt. Mit knapp 800 Spendern in der Republik sind die Zahlen auf dem niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten angelangt. Während etwa 10 000 Menschen auf eine lebensrettende Transplantation warten, ist die Zahl der gespendeten Organe in weniger als einem Jahrzehnt um 1500 gesunken.

Zu den Gründen gehören gewiss die Organspendenskandale der vergangenen Jahre. Dadurch ist viel Vertrauen zerstört worden. Doch die Vorgänge wurden aufgearbeitet, die Kontrollen verschärft, die Transparenz erhöht. Dennoch hat nur ein Drittel der Bürger einen Organspendeausweis, auch wenn laut Umfragen 70 Prozent bereit sind, Organe zu spenden.

Das deutsche Recht ist streng

Ein wesentliches Problem ist ohnehin der Umgang der Krankenhäuser mit dem Thema. Dies betrifft weniger Transplantationszentren wie das städtische Klinikum Stuttgart, das für seine vorbildlichen Strukturen in der Organspende ausgezeichnet wurde. Im Fokus steht eher die große Zahl von bundesweit rund 1250 Entnahmekliniken, bei denen der irreversible Hirnfunktionsausfall, der sogenannte Hirntod von Patienten, seltener vorkommt.

Angesichts der sowieso kleinen Patientengruppe, die nach deutschem Recht für eine Organspende infrage kommt, müssen die Strukturen in den Kliniken verbessert werden, insbesondere die Rolle der Transplantationsbeauftragten. Es braucht viel Kompetenz, um diesen medizinisch aufwendigen und menschlich anspruchsvollen Prozess, bei dem sich die Angehörigen in einem Ausnahmezustand befinden, im Sinne der Betroffenen zu gestalten. In dem von Arbeitsverdichtung und ökonomischem Druck geprägten Krankenhausalltag sehen sich viele Häuser dazu heute offenbar weniger denn je in der Lage.

Mehr Aufklärung ist nötig

Da scheitert man dann bereits an dem scheinbaren Widerspruch, dass ein Patient zwar einen Organspendeausweis, aber auch eine Patientenverfügung hat, die ­lebensverlängernde Maßnahmen ausschließt. So wird der tatsächliche Wille des Verstorbenen womöglich missachtet. Und es geht unter, dass es für Angehörige sogar ein Trost sein kann, wenn mit der Organspende wenigstens noch andere Leben erhalten werden können.

Es sind viele Schritte nötig, um die Entwicklung der vergangenen Jahre zu ändern. Dazu gehören eine öffentliche Debatte und mehr Aufklärung der Menschen. Die Einführung der Widerspruchslösung, nach der nicht die Bereitschaft zur Organspende wie heute, sondern deren Ablehnung erklärt werden muss, kann in jedem Fall erst am Ende dieses Prozesses stehen.

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