Das Orchester der Kulturen nach einem Konzert im Konzertsaal der Universität der Künste Berlin. Foto: Oskar Rostok

Vom Jugendhaus Mitte auf die größten Konzertbühnen der Welt – die unglaubliche Geschichte des Stuttgarter „Orchesters der Kulturen“, das am 22. September in der Liederhalle live erlebt werden kann. 

Als das Stuttgarter „Orchester der Kulturen“ zu seiner ersten Probe im März 2010 im Jugendhaus Mitte zusammenkommt, ahnt wohl keiner der Beteiligten, dass das Ensemble eines Tages einen Plattenvertrag bei Universal Music, der größten Plattenfirma der Welt, ergattern würde.

Stattdessen wundert sich Kandara Diebate, Musiker und Sänger aus dem Senegal, der die 21-saitige Kora spielt, darüber, dass es mit der vielgerühmten Pünktlichkeit der Deutschen nicht weit her sein kann. Denn während er pünktlich um 10 Uhr an seinem Platz im Proberaum sitzt, bekommt der musikalische Leiter Adrian Werum die Nachricht, dass die gesamte Rhythmusgruppe noch in Georgien sei, weil man sich um einen ganzen Tag in den Proben vertan hat.

Aus diesem Missgeschick wird das Beste gemacht und die Zeit genutzt, um noch nie gesehene Instrumente zu bewundern. Darunter die brasilianische Berimbau, die einem indianischen Pfeil und Bogen ähnelt oder die chinesische Erhu, ein zweisaitiges Streichinstrument, das aus Schlangenhaut gebaut wird. Als der Dirigent dann mit Verspätung schließlich doch das Zeichen zum Einsatz gibt, wird schnell klar, dass die europäische Zeichengebung nicht allen bekannt ist. Doch noch viel gravierender ist, dass nicht alle Musiker nach Noten spielen. Stattdessen bringen sie ihre eigene freie Art des Musizierens in ein bald auf über 40 Musiker angewachsenes Orchester ein.

Einladung von SWR und Manfred-Rommel-Preis

Trotz dessen bilden die Musiker bald eine Einheit und werden vom Südwestrundfunk zu Aufnahmen in die Emmerich-Smola-Studios nach Kaiserslautern eingeladen. Weitere Anerkennung kommt in Form des Manfred-Rommel-Preises des Deutsch-Türkischen Forums und künstlerische Erfolge mit mehreren Alben auf Platz eins der Deutschen Klassikcharts zusammen mit dem Crossover Tenor Jay Alexander.

Dass so ein riesiges multikulturelles Ensemble wie das „Orchester der Kulturen“ sich seine Spontaneität durch die Jahre bewahrt, merkt man spätestens, als Regine Sixt, die Mitinhaberin der gleichnamigen Mietwagenfirma, den Musikalischen Leiter anruft und eine neue Sinfonie für das in acht Wochen bevorstehende Firmenjubiläum in Auftrag gibt. Adrian Werum sagt gleich zu, was Regine Sixt doch etwas verwundert. Daher fordert sie ihn heraus: „Hector Berlioz hat zwei Jahre gebraucht, um die Symphonie fantastique zu schreiben. Das schaffen Sie doch nie.“

Das "Orchester der Kulturen" nimmt die Herausforderung an. Acht Wochen später wird die „Sixt Symphony“ vor einem begeisterten Publikum uraufgeführt.

"Für mein neues Vaterland". Geschrieben von Adrian Verum, Oksana Voytovich, Kandra Diebate, Serkan Ates. Solisten: Oksana Voytovich, Kandra Diebate, Serkan Ates, Jerusalem Ilfu und der Philharmonia Chro Stuttgart.

Auch die Pandemie hält Orchester der Kulturen nicht auf

Im Jahr 2020, als die Welt aufgrund der Pandemie fast stillsteht, produziert das „Orchester der Kulturen“ mit dem Philharmonia-Chor Stuttgart, Jay Alexander und vielen weiteren internationale Gästen die CD „A World Symphony“ anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums. In Studios in Sindelfingen, Heidelberg, Baden-Baden, Rom, St. Petersburg und Beirut entsteht ein absolutes Meisterwerk, das durch Opulenz, wunderbare Klangfarben und erfrischende wie eingängige Melodien überzeugt. Das Release-Konzert kann nun dieses Jahr stattfinden. Damit reiht sich das „Orchester der Kulturen“ in die schier endlose Reihe weltbewegender Erfindungen aus der Region Stuttgart ein: Ein Ensemble mit über 40 musikalischen Zündkerzen.


Info: Das „Orchester der Kulturen" ist am 22. September, um 20 Uhr, im Beethoven-Saal der Liederhalle zu erleben. Karten sind über Easyticket erhältlich.