Jenny und Igor wollen ein Baby. Jetzt, da dank Spenden ein letzter Versuch mit künstlicher Befruchtung möglich ist, wagen sie es auch – trotz blöder Sprüche und vieler Strapazen.
Ende Februar soll es losgehen. Dann, wenn wohl die härteste Zeit des Winters geschafft ist und ein erster Hauch von Frühling zu erahnen und zu spüren sein könnte, will Jenny van der Lubbe den letzten Versuch starten – und noch einmal probieren, mithilfe künstlicher Befruchtung schwanger zu werden. „Wir wünschen es uns noch immer so sehr, deshalb werden wir es auch noch mal wagen, obwohl die Situation alles andere als leicht ist und ich schon genau weiß, was da wieder alles auf mich zukommen wird.“
Sie weiß das so genau, weil es der dritte Versuch für sie und ihren Verlobten Igor Maric sein wird. Seit das Paar vor rund zwei Jahren in ein gemeinsames Zuhause in Oppenweiler gezogen ist, versuchen sie, ein Kind zu bekommen. Je länger sie es probieren, desto stärker wird der Wunsch. Doch es will einfach nicht funktionieren. „Ich wusste, dass ich erschwerte Bedingungen habe, aber so schwierig hatte ich es mir trotzdem nicht vorgestellt“, sagt Jenny van der Lubbe und meint ihre Endometriose-Diagnose.
Die Endometriose macht es Jenny schwer, natürlich schwanger zu werden
Betroffene Frauen haben gutartige, meist schmerzhafte Wucherungen aus Gewebe, das in benachbarten Organen und Geweben wächst und eine Schwangerschaft erschweren kann, aber nicht unmöglich macht. „Erst hieß es, dass es bei mir dadurch quasi unmöglich sei, aber bei einer weiteren Bauchspiegelung sah dann alles gut aus, und ich bekam von meiner Gynäkologin grünes Licht.“ Doch es klappte einfach nicht.
Jenny und Igor machten auf Empfehlung einen Termin in einer Kinderwunschklinik in Prag. „Wir hatten dort dann zwei Versuche, leider ohne Erfolg.“ Für einen dritten reicht das Geld der 43-Jährigen und ihres 38-jährigen Verlobten dann nicht mehr – Jenny hat sich sowohl wegen der Kosten als auch wegen ihres Alters für Prag entschieden. „Dort sind die Kosten moderater. Meine Krankenkasse hätte nicht gezahlt, weil ich über 40 bin.“ Doch das kann Juana Schreen, eine enge Freundin der beiden, nicht akzeptieren und erzählt die Geschichte von Jenny und Igor auf der Crowdfunding-Plattform GoFundMe.
Mit Erfolg: „Seit wir an die Öffentlichkeit gegangen sind, hat sich viel getan. Wir haben aktuell 3750 Euro. Das reicht, um es tatsächlich noch mal zu wagen“, sagt Jenny van der Lubbe, und sie ist fassungslos angesichts der Summe. Klar, auch Bekannte, Familie und Freunde hätten gespendet. Aber es seien eben auch höhere Beträge von Fremden dabei. „Es ist überwältigend. Das Geld reicht auf jeden Fall für die Standardbehandlung und die Medikamente. Die Reisekosten und den Rest kriegen wir irgendwie zusammen.“
Doch so groß die positive Resonanz ist, so zahlreich sind auch die negativen Kommentare. „Das verstehe ich nicht. Warum nimmt sich jemand raus, über uns zu urteilen und uns zu verletzen“, sagt Jenny, der die abschätzenden Äußerungen Kraft rauben. Dabei braucht sie nun im neuen Jahr noch mal alle Energie, die sie aufbieten kann. „Dass es nicht klappt, macht mir dabei gar nicht so viel Angst. Ich versuche es jetzt einfach, und dann kommt es, wie es kommen soll. Aber vor den Nebenwirkungen, die ich schon so gut kenne, habe ich Angst.“
Kein Wunder, die ersten beiden Versuche sind für die 38-Jährige eine Zeit, die sie körperlich und psychisch an ihre Grenzen bringt und einer hormonellen Achterbahnfahrt gleicht: Behandlungstermine, Hormonspritzen, Heißhunger, Angst, Tränen, Blutungen. Jenny erkennt ihren eigenen Körper und sich selbst kaum wieder. „Ich hatte schlimme Launen und zahlreiche körperliche Beschwerden.“ Und Igor? Der schaut seine Verlobte, während sie davon erzählt, aufmerksam an und scheint im Stillen mitzuleiden. „Wenn es an die Untersuchungen und Eingriffe geht, bin ich immer froh, ein Mann zu sein“, sagt der 38-Jährige und zündet sich eine Zigarette an.
Jenny erzählt derweil ganz ruhig von den ersten Versuchen, von den Ängsten und Sorgen, von ihrem Körper, der nicht mehr der alte ist. Aber immer wieder blitzen sie doch durch, die Momente, in denen ihre Stimme zittert. „Man weiß ja, wofür man es macht, aber es ist heftig. Finanziell, als Paar und für einen selbst“, sagt sie und erinnert sich, wie blau und aufgequollen von all den Spritzen ihr Bauch vor der ersten Eizellentnahme war.
„Ich habe damals nur noch geheult“ – Jennys Ängste und Hoffnungen
„Beim ersten Mal waren es nach 20 Tagen Aufbau 37 Eizellen. Schlussendlich hatten dann drei optimale Bedingungen. Mal schauen, wie es jetzt werden wird“, sagt sie. Und sie hat auch ein wenig Angst, was danach sein wird – wenn es wieder nicht klappt. „Ich habe damals nur noch geheult. Das Ganze geht auf die Psyche.“ Deshalb nutzt Jenny van der Lubbe – sie wächst in Backnang auf und hat teils holländische Wurzeln; Igor kommt 1990 aus Zagreb – über die Kinderwunschbehandlung hinaus so einiges: Sie trinkt Tees, bindet sich Fruchtbarkeitsbänder um, nimmt Ergänzungsmittel, googelt und liest in Foren.
„Es ist verrückt, man klammert sich an jeden Strohhalm. Es gibt wohl auch ein Medikament, das eigentlich aus der Krebsbehandlung ist. Ich weiß noch nicht, ob ich das probiere, manchmal hab ich echt keinen Bock mehr“, sagt Jenny, die es toll findet, dass es der dritte Versuch ist. „Vielleicht bringt das ja Glück.“ Zudem sei das aktuelle Jahr im chinesischen Horoskop das Jahr des Feuer-Pferdes und damit wohl total selten und sehr vielversprechend. Mit solchen Dingen versucht sich die 38-Jährige bei Laune zu halten. „Mein Ziel ist es, mich nicht mehr so reinzusteigern. Was wir machen, wenn es wieder nicht klappt, weiß ich noch nicht. Aber feststeht: Wir haben uns und unseren Hund Jayjay, und es geht immer irgendwie weiter.“