Als „reine Spekulation“ hat Stuttgarts OB Frank Nopper Berichte unserer Zeitung über bis zu 500 Millionen Euro Mehrkosten bei der Erweiterung und Sanierung der Oper zurückgewiesen. Was sagt das Land?
Wird die geplante Erweiterung des Staatstheater-Areals in Stuttgart und die Generalsanierung des Opernhauses inklusive des Baus einer Ausweichspielstätte mit 1200 Sitzplätzen am Nordbahnhof-Areal deutlich teurer als die bisher veranschlagten eine Milliarde Euro? Und kann ein Umzug der Staatstheater-Sparten Oper und Ballett in die Ausweichbühne erst 2029 Realität werden? Diese Meldungen unserer Zeitung sorgen anhaltend für Diskussionen. Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) hat die Kostensteigerung als „reine Spekulation“ zurückgewiesen.
Was wird aus dem „Jahrhundertvorhaben“?
Was sagt das Land, was sagt die Koalitionsregierung aus Grünen und CDU zu den Kosten für das „Jahrhundertvorhaben“, wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) 2018 das Gesamtprojekt bezeichnete? Unsere Zeitung hat nachgefragt – im Staatsministerium, der Schaltzentrale des Ministerpräsidenten, im auch für die Flächen und Liegenschaften des Landes verantwortlichen Finanzministerium – und im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst als zuständigem Fachministerium. Die drei von den Grünen geführten Ministerien haben sich zu gemeinsamen schriftlichen Antworten entschlossen.
Preisentwicklung massiv verschärft
Wie teuer wird das „Jahrhundertvorhaben“? Neu aufgerufen sind Kosten von bis zu 500 Millionen Euro mehr für die Erweiterung des Staatstheater-Areals – berechnet wurden 10500 Quadratmeter Nutzfläche, unterteilt in Stadtmitte und Areal Zuckerfabrik – und die Generalsanierung des Opernhauses. Wie bewerten Sie diese zumindest mögliche Kostensteigerung?
Stadt und Land haben Ende 2019 eine transparente und seriöse Kostenschätzung für die Sanierung und Erweiterung des Littmann-Baus einschließlich Interim vorgelegt und mit ehrlichen Zahlen für dieses Projekt geworben. Dem ging eine intensive fachliche Prüfung und Debatte voraus. Wir hatten extra Preissteigerungen und weitere Risiken einkalkuliert. Die Baupreisentwicklung hat sich seitdem massiv verschärft, unter anderem durch die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Lieferengpässe bei Baustoffen und hohe Energiekosten.
Weitere Kostenschätzungen nötig
Was heißt das konkret?
Seit 2019 sind die Baupreise im Jahresmittel um rund 7,6 Prozent gestiegen. Und die Baupreise werden auch infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine nochmals deutlich zulegen. Diese zwei zentralen Preistreiber – eine globale Pandemie und einen Krieg in Europa – konnten wir 2019 nicht antizipieren. Heißt: Auch wir rechnen mit Kostensteigerungen – was im Übrigen alle Bauprojekte betrifft. Über die Höhe der Kostensteigerungen lässt sich heute aber keine seriöse Aussage treffen, zumal noch keine konkrete Planung vorliegt; der Architekturwettbewerb für den Standort am Oberen Schlossgarten ist derzeit in Vorbereitung. Der Auslobungszeitpunkt steht noch nicht fest. Detailliertere Kostenschätzungen können erst auf der Grundlage belastbaren Planung der Baumaßnahmen erstellt werden. Alles andere ist reine Spekulation, die wir nicht kommentieren wollen.
Das Land muss die Ausgaben zu 50 Prozent anteilig tragen. Glauben Sie hierfür an den Rückhalt im Landtag? Braucht es hierfür weitere Beschlüsse im Landtag?
Auf Landesseite ist ein erneuter Grundsatzbeschluss für die Sanierung und Erweiterung der Württembergischen Staatstheater nicht erforderlich. Die Baumaßnahme ist ein sogenanntes TOP-Projekt. Für diese Projekte wurde ein zweistufiges Verfahren eingeführt. Mit der Etatisierung einer Planungsrate im Haushalt 2018/19 und deren Erhöhung auf 27 Millionen Euro im Haushalt 2020/21 hat der Landtag in der ersten Stufe den Baubedarf an den Württembergischen Staatstheatern anerkannt und die Freigabe für die Planung erteilt.
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Und die zweite Stufe?
Wenn nach dem Wettbewerb der Entwurf auf dem Tisch liegt, werden darauf aufbauend die konkreten Pläne erstellt und die Kosten können präzise beziffert werden. Erst auf Grundlage dieser entwurfsspezifisch ermittelten Kosten entscheidet der Landtag über die Etatisierung der Baukosten. Mit dem zweistufigen Verfahren sollen große Projekte noch detaillierter geplant werden, ehe sie mit den Gesamtbaukosten im Landeshaushalt veranschlagt werden. Darüber hinaus hatte das Landeskabinett im Juni 2019 beschlossen, dass insbesondere bei bedeutenden, großen Bauprojekten eine starke Verbindlichkeit der abgestimmten Planungen gilt.
Zentrales Ziel: eine Projektgesellschaft
Der immer wieder geforderte Lenkungskreis soll jetzt kommen. Wann? Braucht es zuvor nicht einen Krisengipfel mit der Stadt?
Jede Verzögerung bei dem Projekt wirkt sich negativ auf die Kosten aus. Wir haben deshalb alle gemeinsam das größte Interesse daran, schnell voranzukommen. Mit der Gründung der Projektgesellschaft steht dafür der nächste Schritt an. Ein Lenkungskreis aus Land, Stadt und Württembergischen Staatstheatern wird die Projektgesellschaft vorbereiten.
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Gerne werden die Zahlen ausschließlich mit der Opernsanierung verbunden. Ist denn die Gesamtheit des Projektes ausreichend kommuniziert?
Es ist auch weiterhin wichtig, bei den Menschen für das Projekt zu werben. Schließlich geht es um ein Projekt, das in die Gesellschaft hineinwirkt. Die durchgeführte Bürgerbeteiligung war hier ein hervorragender Anfang mit intensiven Erörterungen und umfassenden Informationen.
Aus der technischen Mannschaft ist immer lauter der Unmut über die Zustände im Opernhaus zu hören. Die notwendigen Dauerreparaturen für die Sicherung des Spielbetriebs sind meines Wissens noch gar nicht im Gesamtbudget erfasst. Gehören Sie nicht unbedingt hinein?
Die laufende, zwingend notwendige Instandhaltung wird wie bisher über das reguläre Budget, den sogenannten Baukorridor, finanziert und muss deshalb nicht im Gesamtbudget der Opernsanierung und Erweiterung erfasst sein.
Stadt und Land im Schulterschluss
Herr Ministerpräsident Kretschmann, Frau Staatssekretärin Splett und Frau Ministerin Bauer haben sich bis zum „Go!“ vor drei Jahren auch persönlich sehr für das Gesamtprojekt engagiert. Sieht das Land dieses Engagement nun in Frage gestellt?
Stadt und Land haben sich jeweils klar zur Sanierung des Württembergischen Staatstheater bekannt. Daran hat sich nichts geändert.
Was müssen aus Sicht des Landes die nächsten Schritte sein, um das Gesamtprojekt wieder in die erhoffte Erfolgsspur zu bringen?
Neben den bautechnischen Gesichtspunkten sind künftig noch stärker inhaltliche Themen, gesellschaftliche Entwicklungen und Perspektiven in den Vordergrund zu stellen. Die Staatstheater sind dabei, eine Vision und Kommunikationsstrategie zu entwickeln, wie sie sich für das Publikum, die Gesellschaft und die Stadt öffnen und wirken wollen. Das ist auch wichtig für den anstehenden Architekturwettbewerb, damit die Architektinnen und Architekten diese Philosophie in die richtige Form setzen können.
Erweiterung und Sanierung
Auf Abruf
Die letzte Sanierung war im Wesentlichen eine Rekonstruktion des Zuschauerraums nach den Originalplänen von Max Littmann und liegt inzwischen 35 Jahre zurück. Auch die Technik stammt aus den 1980er Jahren. Heute geht es daher vor allem um die Arbeitsplätze und die veraltete Bühnen- und Haustechnik. Die Arbeitssituation für viele der 1400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würde heute nicht neu genehmigt werden, insbesondere die Arbeitsplätze in den Werkstätten sowie im Bühnen- und Orchesterbereich. Der Betrieb wird nur noch mit Blick auf eine anstehende Sanierung geduldet.
Die Kosten
Die Kostenberechnung teilt sich auf in drei Bestandteile:
das Opernhaus mit einer modernen Bühnentechnik: 260 Millionen Euro
den Neubau des Kulissengebäudes: 200 Millionen Euro
die Umstrukturierung und Öffnung bestehender Gebäude mit zusätzlichem Raum für künstlerische Vermittlungsarbeit, Programme für den Tagesbetrieb, neue künstlerische Formate und angemessene Gastronomie: 90 Millionen Euro. Weil die Kosten für Bauarbeiten in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter steigen werden, müssen über eine Laufzeit von rund zehn Jahren rund 243 Millionen Euro alleine dafür eingeplant werden. Das macht dann rund 960 Millionen Euro, wenn die Planung 2020 fortgeführt wird. Die Kosten teilen sich das Land und die Stadt. Jedes Jahr Warten, in dem nicht mit der Sanierung begonnen wird, kostet auf Basis der Machbarkeitsstudie rund 30 Millionen Euro zusätzlich.